Die Qumran-Essener-Theorie

Heftiger Gelehrtenstreit

Lebten in Qumran einst die Essener - jene streng religiöse Gemeinschaft aus der Zeit Jesu? Haben sie die Texte verfasst und in die Höhlen geschafft? Im Frühjahr 1952 beginnt der Archäologe Roland de Vaux in der Steinwüste am Salzmeer zu graben.

Auf dem Programm stehen die bis dahin unerforschten Ruinen von Qumran - gelegen auf einem Hochplateau unweit der Schrifthöhlen. Denn dort soll - so die Quellen - eine streng religiöse Gemeinde gesiedelt haben. "Westlich vom Toten Meer wohnen die Essener", berichtet der römische Schriftsteller Plinius Mitte des 1. Jahrhunderts nach Christus. "Ein einsames und wunderliches Volk. Es lebt ohne Frauen, ohne Geld und nur in Gemeinschaft seiner Palmen." Wohnten die Essener in Qumran?

Im Brennpunkt der Öffentlichkeit

Im Lauf von fünf Kampagnen legen de Vaux und seine Mitarbeiter imposante Gebäudereste frei. Der Dominikanerpater glaubt von Anbeginn, die von dem römischen Historiker beschriebene Siedlung vor sich zu haben. Qumran liegt westlich des Toten Meeres und südlich davon die Oase En Gedi - heißt es bei Plinius. De Vaux interpretiert seine Grabung als klösterliches Anwesen der essenischen Gemeinde. Von da an steht der Ort im Brennpunkt der Öffentlichkeit. Unzählige Publikationen und unterschiedliche Theorien sorgten für einen erbitterten Gelehrtenstreit, der bis heute anhält. Wer verfasste die Schriften? Wer lebte in Qumran? Welche Bedeutung hatte die Siedlung?

Neue Sensationsmeldung

Unter der Leitung von de Vaux macht sich 1953 eine internationale Crew im Rockefeller-Museum von Jerusalem ans Werk. Tausende von Textschnipseln gilt es zuzuordnen und zu entziffern. Mehr als 80.000 Teile, viele davon nicht größer als eine Briefmarke - für die Forscher eine unglaubliche Herausforderung - das größte Puzzle der Welt.


Im Juni 1956 gibt es eine neue Sensationsmeldung. Es ist gelungen, die beiden Kupferrollen zu öffnen und die Botschaft zu lesen. Die Schlagzeilen der internationalen Presse berichteten von einem spektakulären Goldschatz am Toten Meer. Tatsächlich haben die Experten eine Liste - in hebräischer Schrift in das dünne Kupferblech eingeritzt - entschlüsselt: An 64 Plätzen sollen unermessliche Reichtümer lagern. Die politische Situation aber machte eine Schatzsuche damals unmöglich.

Fest verankerte Theorie

In der École Biblique, dem französischen Forschungsinstitut in Jerusalem, verwaltet der Archäologe Jean Baptiste Humbert den Nachlass seines Ordensbruders Roland de Vaux. Als de Vaux 1971 stirbt, hinterlässt er große Mengen von Fundstücken in schlecht beschrifteten Kartons. Sein Abschlussbericht fehlt. Humbert versucht nun, Ordnung ins Chaos zu bringen.
De Vaux führte detaillierte Grabungs-Tagebücher. Sein Vorgehen entsprach der Zeit, war jedoch ungenau. Viele Daten gingen verloren, andere wurden erst gar nicht erhoben. Er rekonstruiert drei verschiedene Siedlungsphasen, versäumt es aber, die Funde entsprechend zuzuordnen. Für seine Qumran-Essener-Theorie kann er zwar keine Beweise liefern, dennoch ist sie bis heute fest verankert.

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