Die Rache der Natur

Beruhen die Katastrophen auf realen Fakten?

Bibelkundler haben Recht, wenn sie sagen: Die Zehn Plagen symbolisieren den ideologischen Kampf zwischen zwei grundsätzlich verschiedenen Glaubensvorstellungen - der ägyptischen Vielgötterei einerseits und dem aufkommenden Ein-Gott-Glauben der Israeliten andererseits. Wie sonst lässt sich erklären, warum das geknechtete Volk in immerhin sechs von zehn Fällen vom Unheil verschont blieb?

Plage: blutrotes Wasser
Plage: blutrotes Wasser Quelle: ZDF

Und wie sonst ist es möglich, dass sich vor den Augen der Flüchtlinge das Meer teilt, um anschließend über den Verfolgern wieder zusammen zu schlagen? Für diese und andere Wunder schien bislang keine plausible Erklärung in Sicht. Die mythologische Deutung des Spektakels schließt aber nicht aus, dass die geschilderten Katastrophen auf realen Fakten beruhen.

Wassertest
Wassertest Quelle: ZDF

Bibel basiert auf Naturbeobachtung

Naturwissenschaftler auf der ganzen Welt halten es sogar für ausgeschlossen, dass die Schilderung der Biblischen Plagen ein rein erfundenes Szenario ist. Die unglaubliche Schau basiert auf erlebter Wirklichkeit, die sich in die Erinnerung der Menschen von damals auf ewig einbrannte. Zwar müssen sich die Katastrophen nicht innerhalb eines knappen Jahres zugetragen haben und auch nicht unbedingt in der aufgeführten Reihenfolge. Aber sie müssen so bedeutsam gewesen sein, dass sie auch noch bei der Niederschrift des Alten Testaments präsent waren.

Hebräische Bibel
Hebräische Bibel Quelle: ZDF


Das enge Zeitfenster für die Abfolge der Desaster stellt eher eine literarische Überhöhung dar als faktische Realität. Dieser Kniff irritiert, kam aber vermutlich zustande, weil die Endredakteure der Bibel die Plagenstory aus den Quellen "J", "E" und "P" zu einer Geschichte zusammensetzten. Dennoch: Es gibt genügend literarische Indizien für gravierende Naturereignisse, die das Land am Nil heimsuchten. Davon zeugen nicht zuletzt die Mahnberichte der ägyptischen Weisen Neferti und Ipuwer. Aber auch Plinius der Ältere, der Vater der Naturkunde, vermutete hinter den Zehn Plagen vielmehr ökologische Störungen als göttliche Strafe. Er starb am 24. August 79 nach Christus beim Ausbruch des Vesuvs, den er unbedingt aus unmittelbarer Nähe beobachten wollte.

Klimaschwankungen im alten Ägypten

Inzwischen bescheinigen Paläo-Klimatologen dem Alten Ägypten massive Feucht- und Trockenphasen, die im schlimmsten Fall bis zu einem Jahrhundert anhielten. Ursächlich hingen die zumeist abrupten Schwankungen von globalen Wetterverhältnissen ab, die Forscher mittels so genannter Klimaarchive auch rückwirkend beschreiben und datieren können. Wie in einem Buch lesen sie in Baumringen, See- oder Meeressedimenten, Eisbohrkernen, Stalagmiten und Pflanzenpollen, welche Temperaturen auf der Erde herrschten und was dies für die Natur in einzelnen Gebieten bedeutete.

Todbringender Nil

Die früheste Dürrezeit im Reich der Pharaonen datiert vom Jahr 3500 vor Christus, mehr als 1200 Jahre später ruiniert erneut hohe Sonnenaktivität mit nur geringen Niederschlägen die Lebensgrundlage der Einheimischen. Die letzte Trockenphase in der Vorzeit Ägyptens schreiben Experten für die Zeit nach 1300 vor Christus fest. Sie dauerte bis in die nachchristliche Zeit. Dagegen herrschte zwischen 1800 und 1300 vor Christus ein Klimaoptimum, unterbrochen von wenigen Schwankungen.Die Statistik liefert den Beweis dafür, welchen extremen Klimaverhältnissen das Reich am Nil seit jeher ausgesetzt war. Und welch lebensbedrohliche Tragweite die Schädigung des Lebensraums für die Bevölkerung hatte, gegen die sie kein wirksames Mittel in Händen hielt. Gab es zu wenig Wasser, war die Ernte ungenügend, kam es zu Hungersnöten und Ungezieferplagen. Stieg der Fluss zu hoch, riss er unerbittlich Deiche, Dörfer, Städte, Mensch und Tier mit sich fort.

Wie ein Annalenstein aus dem 3. Jahrtausend vor Christus belegt, haben die Ägypter schon früh damit begonnen, den Wasserstand des Nils zu kontrollieren. Bei Assuan in Oberägypten, bei Per-Hapi am Tor zum Delta und bei Dimjat an der Mittelmeerküste errichteten die Baumeister so genannte Nilometer. Die brunnenartigen Anlagen waren über einen verdeckten Schacht direkt mit dem Fluss verbunden. Mit jeweils zwei Messlatten, im Inneren der Becken angebracht, wurde der Pegel der jährlichen Überschwemmung routinemäßig erfasst. Eine Skala diente zur Orientierung und wies einen Idealwert auf. Die zweite hingegen zeigte den tatsächlichen Wasserstand.

Zwei Mal pro Monat prüften die Beamten des Herrschers die Messinstrumente und hielten den Verlauf der Flut in Zahlen fest. Ganz nebenbei nutzten sie die Ergebnisse aber auch als Faktor zur Berechnung der Erntesteuer. Schließlich trugen die Abgaben aus der Landwirtschaft wesentlich zum Reichtum des Staates bei. Die Herren vom Nil haben die ökonomische Bedeutung des segensreichen Stroms seit jeher erkannt und sich zunutze gemacht - auch wenn sie glaubten, in seiner Flut sei eine Gottheit anwesend.

Der Klimawandel heute

Seit gut einem Jahrzehnt hat die Medienberichterstattung über Desaster rund um den Globus rasant zugenommen. Nachrichten von extremen Gewittern, Hochwasser, Wirbelstürmen, Erdbeben oder Tsunamis, Seuchen und Epidemien schocken die Welt. Was die Natur der Erde in immer kürzeren Abständen beschert, bleibt nicht ohne Folgen für die Zivilisation. Die Zahl der Todesopfer beläuft sich durchschnittlich auf 80.000 Personen pro Jahr. Riesige Landstriche werden unbewohnbar. Hinzu kommen Sachschäden in Milliardenhöhe. Niemand kann mehr die Augen davor verschließen, dass die Erde ein sensibler Planet ist, der nicht zuletzt aufgrund von menschlichem Fehlverhalten aus der Balance zu kippen droht.

Eisschollen, Alaska Quelle: ZDF


Von einer Naturkatastrophe sprechen Experten aber erst dann, "wenn eine natürlich entstandene Veränderung der Erdoberfläche oder der Atmosphäre eintritt, die auf Lebewesen und ihre Umgebung verheerende Auswirkung hat. Die Veränderung kann Sekunden dauern oder viele Jahrzehnte." Der Gefahr Einhalt zu gebieten und Lösungsvorschläge zu unterbreiten, machen sich Naturwissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen und Nationalitäten zur Aufgabe. Schon seit Generationen versucht diese Fakultät, die Naturgeschichte der Erde zu schreiben. Dafür untersucht ein Heer von Spezialisten den blauen Planeten auf Herz und Nieren, betreibt Grundlagenforschung und taucht bis in vorsintflutliche Schichten ein.

Plagen gibt es immer noch

Bei der Suche nach Ursache und Wirkung helfen nicht nur moderne Computertechnik und Satelliten, sondern auch aktuelle Katastrophen, die Rückschlüsse auf ähnliche Ereignisse in der Vorzeit erlauben. So makaber dies auch klingen mag: Plagen, wie sie einst Ägypten heimsuchten, gibt es im 21. Jahrhundert nahezu unverändert überall auf der Welt. Sie sind die alten und neuen Geißeln der Menschheit.

Insektenplage
Insektenplage Quelle: ZDF


Aus dem undurchschaubaren Geflecht der biblischen Erzählung ist es Fachleuten vor noch nicht allzu langer Zeit gelungen, die naturwissenschaftlichen Spuren herauszufiltern. Ende der 1950er-Jahre sorgte der umfassende Bericht der Religionswissenschaftlerin Greta Hort (1903 bis 1967) für Aufsehen. Die Dänin unterzog als eine der Ersten die Zehn Plagen einer nüchternen Betrachtung. Ihrem Vorstoß sind inzwischen viele Kollegen gefolgt. Sie haben Horts Theorie der ökologischen Kettenreaktion aufgegriffen, den heutigen Erkenntnissen angeglichen und um neue Resultate ergänzt.

Die zehnte Plage ist die Ausnahme

Hort machte gleich zu Beginn ihrer Untersuchung eine erstaunliche Entdeckung: Sie stellte fest, dass die Reichweite der Katastrophen unterschiedlich ausfiel. Ein Teil der Plagen traf ausnahmslos alle Bewohner Ägyptens, der andere Teil schloss die Israeliten oder zumindest ihr Siedlungsgebiet im östlichen Nildelta ausdrücklich aus. Darüber hinaus schlüsselte die Forscherin auf, welche der vernichtenden Ereignisse relativ abrupt endeten und welche erst allmählich. Beide Kriterien geben Hort zufolge Aufschluss über naturwissenschaftlich mögliche Abläufe der jeweiligen Plagen. Ausgenommen bleibt die Schilderung von der Tötung der Erstgeburt. Die grausam anmutende Tat bedarf einer gesonderten Betrachtung.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet