Die Römer erobern Raetien

Ankunft in einer nahezu unbesiedelten Region?

Mit dem Bau der Raetischen Mauer rund um das Nördlinger Ries erreicht die römische Provinz ihre größte Ausdehnung. Ihre Eroberung beginnt im Jahr 15 v. Chr. mit einem Feldzug über die Alpen. Das Imperium Romanum besetzt das Gebiet, das wohl schon unter Kaiser Tiberius (14 - 37) zur Provinz Raetien ernannt wird.

Römischer Soldat (Spielszene)
Römischer Soldat (Spielszene) Quelle: ZDF

Der Landstrich nördlich der Alpen umfasst bis zur Donau eine Fläche von rund 80.000 Quadratkilometern, die die Römer nach und nach besiedeln. Ob sie dabei auf germanische oder keltische Bevölkerungsgruppen getroffen sind, ist unter Historikern noch immer umstritten, da es keine archäologischen Beweisstücke gibt. Es ist nur überliefert, dass in früheren Zeiten Markomannen nördlich der Donau lebten, bis der Volksstamm unter Kaiser Augustus von Drusus besiegt und nach Böhmen umgesiedelt wurde. Von anderen Germanen in dieser Gegend wissen die Historiker nichts.

"Wie beweise ich das Nichts?"

Karge Landschaft
Karge Landschaft Quelle: ZDF

Kommen die Römer nördlich der Alpen also in ein vollständig unbewohntes Gebiet? "Die Schwierigkeit ist zu beweisen, dass der momentane Forschungsstand ein Hinweis darauf ist, dass wirklich nichts da war. Wie beweise ich das Nichts?", fragt sich der bayerische Landeskonservator Dr. Sommer. "Das ist gerade in der Archäologie ein großes Problem." Obwohl er eher dazu tendiert, dass Raetien unmittelbar vor der Ankunft der Römer nahezu unbesiedelt war, mag er nicht endgültig ausschließen, dass in dem Gebiet zwischen der Donau und dem Alpenvorland einige Germanen lebten, die mit den heutigen archäologischen und historischen Methoden nicht nachweisbar sind. Zum Beispiel, weil ihre Gebrauchsgegenstände aus organischem Material hergestellt waren, das in der Regel endgültig verrottet ist, wie Holzgefäße oder Holzwerkzeuge. "Sie sind archäologisch erst in dem Moment greifbar, wo wir auch die Römer erfassen können", ist sich der Konservator sicher.

"Und jetzt kommt die entscheidende Frage: Wie interpretieren wir das? Ist das ein Aufblühen unter dem römischen Einfluss von etwas, das schon da war? Oder ist es tatsächlich etwas Neues? Wir kommen in die große Debatte von Brüchen und Kontinuität. " Auch keine der römischen Schriftquellen gibt einen Hinweis auf eine germanische Urbevölkerung in Raetien. Vielleicht aber lässt sich aus den Rekrutierungsgewohnheiten der Römer ein Rückschluss ziehen: In den eroberten Gebieten warben sie junge Männer als Soldaten für ihre Hilfstruppen an und benannten die Einheit nach ihrem Ursprungsgebiet. Als Besatzung der Saalburg im Taunus ist die zweite Raeterkohorte nachweisbar und im rheinland-pfälzischen Kastell Niederbieber die 7. Raetische Reiterkohorte - folglich mussten also Menschen in der Region Raetien gelebt haben, als die Römer kamen und anschließend die Truppen rekrutierten.

Kürzere Wege in die Rheinprovinzen

Karte Römisches Reich mit Augsburg
Karte Römisches Reich mit Augsburg Quelle: ZDF

Im ersten nachchristlichen Jahrhundert ist Cambodunum die Hauptstadt der Provinz, das heutige Kempten im Allgäu. Doch spätestens unter Kaiser Hadrian (117 - 138) wird Augusta Vindelicum (Augsburg) Sitz des römischen Statthalters. Zunächst ist die Donau die militärisch bewachte Grenze, an der die Römer die ersten Kastelle in Raetien errichten. Sie überqueren den Fluss wohl erstmals zur Zeit von Kaiser Vespasian (69 - 79) mit dem Ziel, den Weg in die Rheinprovinzen deutlich zu verkürzen. Unter Kaiser Domitian (81 - 96) erobert Rom Gebiete östlich des Rheins und gibt wohl auch die obere Donau als Grenze auf. Nördlich des Flusses, auf Höhe der Schwäbischen Alb, errichten sie eine Reihe von Kastellen, beispielsweise in Nördlingen und Weißenburg.

Die Grenze im heutigen Bayern verschieben sie in der ersten Hälfte des zweiten nachchristlichen Jahrhunderts noch weiter nach Norden. Für den endgültigen Verlauf des Limes, der von Mönchsroth über Gunzenhausen nach Weißenburg führt, gibt es weder eine militärische noch eine topographische, sondern vielmehr eine wirtschaftlich-praktische Erklärung. Die Römer sicherten sich so das Nördlinger Ries als Kornkammer sowie die Steinbrüche und Eisenerzvorkommen des Schwäbischen Jura.

Kasernen sorgen für den Wohlstand

Die Zivilbevölkerung ist den Grenztruppen offenbar auf dem Fuße gefolgt. Die Menschen lebten überwiegend im unmittelbaren Hinterland der Grenze. Zur Zeit der größten Ausdehnung der Provinz war das Gebiet zwischen Limes und Donau stark besiedelt. Zwischen dem Fluss und den Alpen hingegen lebten verhältnismäßig wenig Menschen, obwohl die Region landwirtschaftlich gut nutzbar gewesen wäre. Offensichtlich zog es die Bevölkerung in die Nähe des Heeres. Das gilt noch heute: Militärkasernen sorgen für den Wohlstand ganzer Landstriche.

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