Die Rückkehr der Identität

Moderne Wissenschaft gewinnt Einblicke in das Leben der Opfer

Heutzutage besuchen jedes Jahr Millionen von Touristen die Ruinen am Vesuv. Für die Wissenschaft sind die wiederentdeckten Städte wichtige Referenzpunkte für Ausgrabungen in der gesamten römischen Welt.

Überreste aus der Kanalisation von Herculaneum Quelle: ZDF

In Herculaneum wurden zunächst nur wenige Skelette ausgegraben. So entstand die Überzeugung, dass die Stadt rechtzeitig evakuiert werden konnte. Ein Irrtum, denn 1982 entdecken Archäologen die Überreste von mehr als 250 Menschen. Die Opfer hatten vor dem Vulkanausbruch Zuflucht in Bootshäusern am Strand gesucht, als die glühend heiße Asche- und Gaswolke über sie kam. Sie starben in Bruchteilen von Sekunden und liegen noch heute so, wie im Moment ihres Todes. Pier Paolo Petrone arbeitet als Anthropologe an der Universität Neapel. Er hat die Skelette gleich nach ihrer Entdeckung untersucht.

Skelette aus Herculaneum Quelle: ZDF

Glücksfall für die Wissenschaft

Die Flüchtlinge am Strand hatten die Gefahr unterschätzt. Ein Opfer hielt noch den Hausschlüssel in der Hand - als könnte es jeden Moment wieder in die Wohnung zurückkehren. Die perfekte Konservierung der Knochen ist ein Glücksfall für die Wissenschaft. Unter der Leitung von Luigi Capasso wurde ein Großteil der Opfer an der Universität Chieti untersucht. Nach zweitausend Jahren bekommen die namenlosen Toten einen Teil ihrer Identität zurück. Das Skelett mit der Registriernummer E 22 ist männlich und circa 1,63 Meter groß. Die Untersuchung der Zähne zeigt Abnutzungen, wie sie für Fischer typisch sind, die häufig ein Netz oder ein Seil zwischen den Zähnen halten.

Knochen-Untersuchung Quelle: ZDF

Die Analyse der Knochendichte gibt schließlich Aufschluss über das Alter von E 22. Der Mann war cirka 25 Jahre alt, als er starb. An der Wirbelsäule macht Professor Capasso eine überraschende Entdeckung. E 22 litt an Brucellose, einer Infektionskrankheit, die mit hohem Fieber, Übelkeit und Gelenkschmerzen verbunden ist. Übertragen wird Brucellose vor allem durch Rinder, Ziegen oder Schafe - doch dass der Erreger bei einem Fischer sowie weiteren, überwiegend Fisch essenden Küstenbewohnern gefunden wird, stellt die Forscher vor ein Rätsel.

Konservierte Mikroorganismen

Verkohlter Käse Quelle: ZDF

Die Wissenschaftler konzentrieren sich auf die Ernährungsgewohnheiten der Herculaner. Neben den überlieferten Berichten stehen den Forschern - und das ist weltweit einmalig - auch Nahrungsmittel aus der Antike zur Verfügung, die in der glutheißen Wolke verkohlt sind - Eier, Brot, aber auch Obst wie zum Beispiel Feigen. Auf der Suche nach möglichen Überträgern der Brucellose-Erreger analysieren die Wissenschaftler schließlich auch ein Stück verkohlten Käse. Bei der Untersuchung mit dem Raster-Elektronen-Mikroskop wird sichtbar, dass die Glutwolke auch Mikroorganismen konserviert hat. Im Käse finden die Forscher tatsächlich Bakterien der Gattung Brucella. Die Menschen in Herculaneum hatten nicht pasteurisierten Käse gegessen und waren daran erkrankt.

Die Suche nach neuen Informationen über das Leben in der Antike führt die Wissenschaftler noch immer in den Untergrund, zu der verschütteten Stadt Herculaneum. Im Jahr 2005 gruben die Forscher ein Tunnelsystem aus, das sie lange vor ein Rätsel stellte. Erst die Untersuchung der fast zweitausend Jahre alten Ablagerungen ergab die tatsächliche Funktion: das Gewölbe diente als gigantische Abwassergrube. Die aufregendste Entdeckung war, dass noch getrocknete Reste des Abwassers erhalten sind. Das Depot ist etwa einen halben Meter tief und achtzig Meter lang. Das ist die größte Ansammlung von menschlichen Hinterlassenschaften aus der Antike.

Wertvoller Datenspeicher

Für die moderne Forschung ist die Kanalisation von Herculaneum ein wertvoller Datenspeicher aus einer längst untergegangenen Welt. Die Forscher versprechen sich von der Analyse der Ablagerungen neue Erkenntnisse über die Lebens- und Ernährungsgewohnheiten der römischen Bevölkerung vor rund 2000 Jahren. An der Universität Oxford ist der Umwelt-Archäologe Mark Robinson auf die Untersuchung von Exkrementen aus der Antike spezialisiert. Der Fund ist für den Forscher ein Glücksfall. Die Hinterlassenschaften in der Sickergrube sind nicht nur besonders gut konserviert, durch den Vulkanausbruch können sie auch genau datiert und zum Teil sogar einzelnen Gebäuden zugeordnet werden.

Getreidekäfer unter dem Mikroskop Quelle: ZDF

Neben den Küchenabfällen finden sich auch Reste, die durch den Verdauungstrakt der Herculaner gewandert sind - wie Seeigelstacheln, Obstkerne oder Vogelkrallen. Präparate aus der naturwissenschaftlichen Sammlung seines Instituts helfen Mark Robinson bei der Identifizierung. Ein Getreidekäfer etwa, mit dem wahrscheinlich das Mehl kontaminiert war, aus dem das Brot gemacht wurde, wurde mitgebacken, gegessen, fiel in die Sickergrube und wurde dort konserviert.

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