Die "Schatzhöhle" der Priester

Archäologen entdecken einen Hort aus 429 Gegenständen

Im heutigen Israel - unweit von En Gedi am Toten Meer - blühte schon vor über 6.000 Jahren eine erstaunliche Zivilisation. An der Quelle der Oase mit dem glasklaren Wasser vollzogen Priester regelmäßig heilige Rituale.

Ihr Tempel thronte hoch oben auf einem Felsplateau. Von dort aus beherrschten sie die gesamte Region rund um das Tote Meer.

Schätze von unermesslichem Wert

In den Mauern der Anlage sollen die einflussreichen Männer Schätze von unermesslichem Wert gehortet haben. Von weit her eilten die Menschen dorthin, um Waren aller Art als Geschenk für die Götter darzubringen. Irgendwann aber veranlasste ein Ereignis die Tempelhüter, ihre Kostbarkeiten irgendwo in den nahen Felshängen zu verstecken. So zumindest lautet die These.



Im Frühjahr 1961 machten sich israelische Forscher auf, die unzähligen Höhlen in der Judäischen Wüste systematisch zu erforschen. Sie drangen bis in die Höhle von Nahal Mischmar vor. Im Sommer 2005 wagt sich Osnat Misch-Brandl an den gefährlichen Abstieg. Die Kuratorin des Israel Museums gilt als Spezialistin für die Kupferzeit. Der geschützte Platz - 170 Meter über dem Abgrund - heißt "Schatzhöhle". Dort holten ihre Kollegen damals Berge von Kupferobjekten ans Tageslicht. Seither hat kein Mensch mehr den Ort betreten.

Riskante Exkursion

Schon zwanzig Jahre ist die Expertin an der Auswertung der Einzelstücke beteiligt. Jetzt willsie die geheimnisvolle Stätte persönlich erkunden. Die Archäologin kennt den Plan der Höhle und die Aufteilung der Räume in- und auswendig. Das Kalkgestein ist extrem brüchig. Noch immer stützen Balken - aufgestellt vor über vierzig Jahren - die instabile Decke. Trotzdem bleibt die Exkursion ein risikoreiches Unterfangen.

Tief im Berg grenzt ein Hohlraum an den anderen. Viele Möglichkeiten, um unersetzliche Besitztümer vor feindlichem Zugriff zu verbergen. Die Höhle präsentiert sich heute in baufälligem Zustand. Kaum vorstellbar, dass dort um 4.000 vor Christus Menschen hausten. Die Ausgräber von 1961 stießen zunächst auf Funde aus der Römerzeit. Darunter auch Tonscherben, Textilien und Halbedelsteine. Die Sensation aber lag unter einem dicken Felsbrocken. Eine schmale Spalte führt in die geräumige Grube, die sich unter dem großen Stein öffnete.

6000 Jahre unbeachtet



Die Archäologen staunten nicht schlecht, als sie einen Hort aus 429 Gegenständen erblickten, sorgfältig in Binsenmatten verpackt. Und über 6000 Jahre unbeachtet. Hundertvierzig Kilogramm wogen allein die Kupferobjekte - für einen Einzelfund eine unglaubliche Menge. Und der spektakuläre Beweis, wie perfekt die Menschen im Vorderen Orient die Technik der Kupferverarbeitung beherrschten.

Die Prunkstücke dokumentieren technisches Know-how und handwerkliches Können auf höchstem Niveau. Die sorgfältige Ausführung der Formen und Muster gilt weltweit als Spitzenleistung der Vorzeit. Als ruhmvolles Beispiel einer unbekannten Hochkultur am Toten Meer.

Gegenthesen


Die Vermutung der Archäologin gründet auch auf den so genannten Kupferkronen, die zum Schatz von Nahal Mishmar gehören. Doch es gibt Gegenstimmen. Demnach symbolisierten die Gebilde vielmehr runde Beerdigungsstätten, wie sie seit der Jungsteinzeit im Vorderen Orient immer wieder angelegt wurden. Die Vogelfigürchen auf der Krone sollten Geier sein. Die Totenvögel entfleischten den Verstorbenen, bevor die Gebeine zur letzten Ruhe gebettet wurden. Von irdischer Last befreit, konnte die Seele dann emporsteigen ins ewige Reich der Götter, so die These.

Die Standarten und Zepter wiederum stützen die These vom Priesterkönig. Die phantasievollen Griffe sind hohl und tragen Spuren von Holz. Wahrscheinlich bildeten sie den Abschluss von Zeremonialstäben, die im Tempel zum Einsatz kamen. Eine technologische Meisterleistung.

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