"Die scheinbare Leere ist die Faszination"

Interview mit dem Geographen und Klimaexperten Stefan Kröpelin

Filmautorin Uta von Borries sprach mit Stefan Kröpelin über die Expedition in den entlegensten Winkel der Sahara.


Uta von Borries: Warum wollten Sie das letzte Geheimnis der Sahara lüften, warum zog es Sie in den Nordosten des Tschads auf diesen gefährlichen Expeditionsweg?


Stefan Kröpelin: Von der wissenschaftlichen Seite her war es wichtig, diese unbekannte Region im Dreiländereck Libyen, Sudan, Tschad zu erkunden, um zu sehen, welche Rolle das Erdi-Ma, die nordöstlichste Ecke des Tschad, während der letzten zwölftausend Jahre gespielt hat - hinsichtlich der Besiedelung, der Klimageschichte, der Entwicklung der Vegetation und so weiter. Zudem ist natürlich auch der Forscherdrang ein Motiv bei dieser ganzen Geschichte, sich eben vorzuwagen zu den letzten weißen Flecken der größten Wüste der Erde.

Die Musik spielt im Gelände


von Borries: Der letzte weiße Flecken der Erde: Kann man das überhaupt so sagen? Gibt es tatsächlich diese weißen Flecken, gibt es so etwas wie "die Rückseite des Mondes"?


Kröpelin: Aufgrund der hervorragenden Satellitenbilder, die heute jedermann zur Verfügung stehen, gibt es völlig Unbekanntes nicht mehr. Doch ist es immer ein Unterschied, was man aus 10.000 Kilometern Höhe erkennen kann und was man vor Ort erkennt - auf den Satellitenbildern sind nicht ehemalige Fundplätze zu sehen. Man weiß nicht, um welche Ablagerungen es sich handelt, die übrig geblieben sind von früheren Seen.

Kurz: Die Musik spielt im Gelände und bis heute ersetzt nichts eine gründliche geologische und archäologische Geländearbeit. Bis heute ist es unverzichtbar geblieben, Autos zu nehmen, alle Hindernisse zu überwinden, um dann eben in den Gebieten herumzulaufen, zu beobachten, zu fotografieren, zu dokumentieren. Das wird erst zu Ende sein, wenn einst Roboter diese Geländeforschung durchführen werden, wie heute schon auf dem Mars.


von Borries: Hatte die Expedition also tatsächlich die Neuerkundung eines unbekannten Gebietes zum Ziel?


Kröpelin: Das war wirklich eine Neuerkundung, bis auf die Ausnahme, dass an dem westlichen Rand Hassanein Bey im Jahr 1923, seinen einheimischen Führern folgend, das Gebiet durchquert hat - dies aber in der Nacht mit Kamelen, das heißt, er hat so gut wie keine einzige Beobachtung hinterlassen. Nur den letzten Abschnitt hat er bei Tage zurückgelegt und die einzige Wasserstelle gefunden. Doch diese Erstdurchquerung hat so gut wie nichts Verwertbares hinterlassen. Auch die zwei, drei kurzen Erwähnungen in Berichten der Meharisten, also der kamelberittenen Soldaten, die in den 30er Jahren für die Franzosen das Erdi-Ma durchritten, waren nicht sehr ergiebig. Deshalb ist es nicht falsch zu sagen: Dieses Gebiet war in wissenschaftlicher Hinsicht unbekannt.

Wissenschaftliche Beobachtungen

Es ist durchaus möglich, dass in den vergangenen Jahrhunderten gelegentlich einzelne Kamelkarawanen oder Schmuggler und Räuber auf dem Weg nach Libyen oder Ägypten das Gebiet durchquert haben, oder dass sich irgendwann auch mal eine verstreute Militäreinheit oder eine Rebellengruppe in dem Gebiet kurzfristig aufgehalten hat. Doch die haben natürlich alle keine Informationen hinterlassen. Wir sind also nicht die ersten Menschen, die dort hingekommen sind, seit die prähistorischen Siedler dort vor vielleicht vier oder fünftausend Jahren weggezogen sind, aber wir waren zumindest die ersten - nach allen Informationen, die mir vorliegen -, die vor Ort auf dem Boden wissenschaftliche Beobachtungen gemacht haben.


von Borries: Erdi-Ma heißt übersetzt "Feindes-Land". Gibt es dafür irgendwelche Indizien oder Hintergründe, oder ist das nur entstanden, weil keiner irgendeine Informationen über das Gebiet hatte?


Kröpelin: Gerade nach unserer erfolgreich verlaufenen Expedition glaube ich wirklich, dass dieses Wort "Erdi-Ma", "Feindes-Land" wohl seine Berechtigung hat und schon weit zurückreicht in die Vergangenheit: dass sich dort in dieses Gebiet offensichtlich nur immer Räuber zurückgezogen haben, und dass andere gar nicht gewagt haben, sich dieser Region anzunähern.

Das größte Geheimnis


von Borries: Was ist denn für Sie das größte Geheimnis in dieser Region?


Kröpelin: Es ist die Leere. Ich habe es irgendwie geahnt oder aufgrund der 25 Jahre, die ich bisher in der östlichen Sahara gearbeitet habe, gespürt, was wir gefunden haben, eben diese endlose Leere. Es gibt viele Menschen, die in die Wüste fahren und sagen, sie ist öde und leer und man findet nichts. In Wirklichkeit besteht gerade darin für mich die große Faszination, dass man sich 360 Grad drehen kann und man sieht nur einen Horizont. Man sieht scheinbar nur Steine, nur Sand und guckt man näher hin, findet man immer etwas. Sei es ein Steinartefakt, sei es eine kleine Alge, die sich an der Unterseite eines Quarzits gehalten hat - trotz absoluten Mangels von Niederschlag. Sei es ein kleiner Meteorit, sei es ein bestimmtes Mineral, sei es eine bestimmte Gesteinsart. Dass man selbst in so einem Bereich mit offenen Augen immer etwas findet, das ist die Faszination, gerade diese scheinbare Leere, die eigentlich gar keine Leere ist.

Momente der Angst


von Borries:
Zur Faszination der Wüste gehört genauso der Kampf ums Überleben und der Tod. Gibt es für den Forscher in so einem verlassenen Gebiet auch Momente der Angst, der Bedrängnis?


Kröpelin: Wenn man wie ich 35 Jahre lang durch die meisten Wüsten der Erde gefahren ist, ist einfach eine gewisse Grundsicherheit da. Der Moment der Angst würde natürlich eintreten, wenn man beispielsweise bei Fahrzeugschäden oder aus gesundheitlichen Problemen an einem Ort festsitzen und jeden Tag sehen würde, wie die Wasserreserven schwinden. Die waren auch auf dieser Expedition nach Erdi-Ma relativ begrenzt, da wir nur mit kleinen Fahrzeugen gefahren sind, ohne LKWs.

Diese Grundsicherheit, dass die Wasservorräte schon reichen und die anderen Gefahren, die die Wüste bereithält, gemeistert werden, bekommt man nur durch lange Erfahrung. Und man lernt eben, mit extrem wenig Wasser auszukommen - trotz extrem großer Hitze mit Temperaturen, die immer über 40 Grad im Schatten lagen. Und da es in dem Gebiet, das wir erforschen wollten, keinen Schatten gab, konnte es auch durchaus 60 bis 70 Grad in der Sonne sein. Dass wir trotzdem pro Tag nicht mehr als fünf Liter Wasser pro Person verbraucht haben, zeigt im Endeffekt, mit wie wenig Wasser man, einschließlich Waschen, Kochen und Trinken auch über längere Zeit auskommen kann.


von Borries: Was war der schönste Moment der Expedition?


Kröpelin: Der schönste Moment war die erste Nacht auf dem Plateau Erdi-Ma, als wir dieses Ziel trotz aller Widrigkeiten erreicht hatten. Dieses Gefühl, den Grund aller Anstrengungen erreicht zu haben, war eine große Erleichterung.

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