Die Schlacht von Salamis

Der Trick des Themistokles

Den größten Coup des Delphi-Syndikats dokumentiert eine verwitterte Inschrift. Gefunden wurde der geschichtsträchtige "Stein von Troizen" an der Ostküste des Peloponnes - von einer Lehrerin vor etwa fünfzig Jahren.

In dem Dokument geht es um die Vorbereitung der berühmten Schlacht von Salamis. Ein Fund von historischer Bedeutung.

Beispielloses Ränkespiel

Der listige Staatsmann Themistokles ist Urheber des Dekrets. Es regelt die Evakuierung aller Frauen und Kinder aus Athen. Bislang gingen Forscher von einer planlosen Flucht beim Vormarsch der Perser aus. Der Text führt auf die Spur eines beispiellosen Ränkespiels, in die Zeit der Perserkriege, als König Daraios Griechenland überfällt. Die griechischen Streitkräfte schlagen 490 vor Christus in der Ebene von Marathon die zahlenmäßig weit überlegenen Gegner. Ein Bote eilt mit der Siegesnachricht ins 40 Kilometer entfernte Athen. Die Geburtsstunde des Marathonlaufs.

480 vor Christus rollt erneut ein riesiges Heer auf Griechenland zu: 120.000 Fußsoldaten zu Lande, 1200 Schiffe zu Wasser. Xerxes, Sohn des Daraios, will die Niederlage seines Vaters rächen. Mit nur 300 Soldaten verteidigen die Griechen drei Tage lang die Landenge bei den Thermopylen. Schließlich machen die Perser den tapferen Trupp nieder und rücken unaufhaltsam weiter. Es kann nicht mehr lange dauern, bis der Feind vor Athen steht. In Angst und wachsender Verzweiflung schickt der Rat der Stadt Gesandte ins nahe Delphi. Mit der Hoffnung auf Rettung. Doch die Antwort klingt vernichtend.

Furchtbare Phrophezeiung

Die Pythia malt eine Schreckensvision, wie sie in der Geschichte des Orakels einzig dasteht. Ströme von Blut, Athen in Schutt und Asche durch Feuer und Schwert und nur die Flucht als einzige Rettung - so lautet ihre furchtbare Prophezeiung. Ein Horrorszenario, das den Interessen der verhassten Perser perfekt in die Hände spielt. Mit dem schrecklichen Spruch der Pythia wollen die Delegierten aber nicht heimkehren. Deshalb fragen sie ein zweites Mal. Die Seherin spricht von einer hölzernen Mauer, die Zeus unüberwindlich machen werde. Mit dunklen Worten verweist sie auf die Insel Salamis als Entscheidungsort für den Krieg. Eine Prophezeiung, die dem Rat von Athen abstrus erscheint.

Themistokles übernimmt die Deutung der Worte. Mit der hölzernen Mauer, so sagt er, kann nur die Flotte gemeint sein. Daraufhin lässt er alle wehrfähigen Männer rekrutieren. Die Stadt bereitet sich auf die wichtigste Seeschlacht ihrer Geschichte vor. Die Schicksalsstunde Griechenlands schlägt. Frauen und Kinder werden an die Küste von Troizen evakuiert, Athen preisgegeben, um dem Feind die Kapitulation vorzutäuschen und ihn in den Hinterhalt zu locken.

Raffinierter Plan

Das Dekret ist der Beweis. Die Maßnahmen hat sich der clevere Stratege Themistokles in Delphi durch die zweite Weissagung der Pythia legitimieren lassen. Zur Rettung seines Volkes folgt er einem raffinierten Plan. Am Vorabend der Schlacht spielt Themistokles dem Perserkönig einen Kassiber zu. Er und viele Griechen stünden auf Seiten der Gegner und würden ihnen die Flotte preisgeben, signalisiert er. Siegessicher segeln die feindlichen Schiffe in den engen Sund zwischen Insel und Festland. Im September 480 vor Christus beginnt der letzte Akt des Dramas.

Das Gefecht endet mit einer vernichtenden Niederlage für die Perser. In der schmalen Meerenge sind ihre schweren Schiffe manövrierunfähig. Die wendigen griechischen Trieren versenken eines nach dem anderen. Verzweifelt muss Xerxes vom Festland aus der Katastrophe zusehen. Nach der Schlacht von Salamis avanciert Athen zur unangefochtenen Führungsmacht im Land. Auf den Trümmern der Stadt entsteht wenig später die Akropolis. Der große Athena-Tempel, der Parthenon, wird zum Wahrzeichen des Aufstiegs. Eine neue Staatsform entwickelt sich - die attische Demokratie.

Doppeltes Spiel

Aus Dankbarkeit stiften die Athener Delphi einen stattlichen Teil der Perserbeute. Eigentlicher Gewinner der Krise aber ist das Orakel. Denn selbst der zweite - manipulierte - Spruch der Pythia war nicht eindeutig. Er ermöglichte Themistokles zwar ein doppeltes Spiel mit den Persern, versprach ihm aber keinen sicheren Sieg. Die schlaue Priesterschaft hatte sich wie immer jeder Verantwortung entzogen. Eine schlaue Taktik. Stets galt es, die eigene Macht zu sichern. Gemäß der Devise: Die unfehlbare, höchste Instanz bleibt das Delphi-Syndikat.

Neben dem politischen Geschäft existierte jedoch auch eine religiöse Aufgabe. Das spirituelle Zentrum spendete über Jahrhunderte Kraft und Trost. Inmitten der erhabenen Bergwelt stillte es eine Sehnsucht, die so alt ist wie die Menschheit: den Wunsch, die Geheimnisse des eigenen Schicksals zu ergründen. Erst eine neue Religion, das Christentum, führte zum Niedergang der Orakelstätte. Und - als habe sich Apollon freiwillig zurück gezogen - versiegte plötzlich auch der "prophetische Hauch".

Das Ende des Orakels

Um 362 nach Christus kommt der Legende nach ein letzter Bote nach Delphi - als Abgesandter des römischen Kaisers Julian. Der Monarch lehnt das Christentum ab und will die alten heidnischen Kulte wieder beleben. Doch Oribasios - Arzt und Gelehrter - sieht einen verlassenen Ort. Nur die Pythia und eine Handvoll Priester leben noch in dem verwahrlosten Bezirk. Oribasios fragt, was sein Herrscher für die heilige Stätte tun kann. Die Priesterin, die das Schicksal von Generationen gelenkt hat, spricht ein letztes Mal.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet