Die Schriftrollen vom Toten Meer

Steinwurf mit Folgen

Am Anfang steht eine Legende - wie bei jedem Jahrtausendfund. An einem heißen Morgen im Spätjahr 1946 führen Beduinen ihre Herden über die Steilhänge am Westufer des Toten Meeres. Für Mohammed ed Dib sollte es ein Glückstag werden.

Auf der Suche nach einer verirrten Ziege wirft Mohammed ed Dib einen Stein in eine Höhle. Das Geschoss zerschlägt einen Tonkrug. Schmutzig-weiße Stoffbündel kommen zum Vorschein.

Wertvoller als Gold und Silber

Mohammed nimmt den rätselhaften Fund mit zu seinen Leuten. Enttäuscht sehen die Männer, dass sich unter dem stinkenden Leinen nichts weiter verbirgt als dunkle, verklebte Lederrollen. Sie ahnen nicht, dass sie einen Schatz in Händen halten, weitaus wertvoller und bedeutender als Gold und Silber. Bei nächster Gelegenheit nehmen sie den Fund mit nach Bethlehem und bringen ihn zu Khalil Iskander, genannt Kando, einem cleveren Schuster und Händler.

Kando, ein syrischer Christ, der versteht, fast alles zu Geld zu machen, wittert beim Anblick der geschwärzten, brüchigen Rollen mit den fremdartigen Buchstaben ein lohnendes Geschäft. Für vier Dollar kauft er sie. Um die Stücke an den Mann zu bringen, schickt Kando seine Mitarbeiter nach Jerusalem. Obwohl illegaler Handel mit Altertümern strengstens verboten ist, bieten sie die Schriften dem syrischen Bischof Samuel an. Der Kirchenmann greift sofort zu, zahlt und ordert mehr. Von da an kommt die Sache richtig ins Rollen. Bald tauchen weitere Dokumente aus den Höhlen auf. Darunter Unmengen von winzigen Fragmenten - nicht selten in Zigarrenschachteln verpackt.

Biblische Originale

Im November 1947 teilen die britischen Behörden die Heilige Stadt in zwei Zonen. Mitten in den politischen Wirren, die mit der Gründung des Staates Israel einher gehen, gelangen auf verschlungenen Pfaden zwei Schriftrollen durch den Stacheldraht in den jüdischen Teil Jerusalems. Der Archäologe Eleazar Sukenik ahnt sofort die Sensation. Schon nach erster Begutachtung ist er sicher: Er hat biblische Originale vor sich - etwa 2000 Jahre alt.

"Ideales Geschenk"

Zur gleichen Zeit befassen sich amerikanische Forscher mit den Texten, die Bischof Samuel erworben hat. Eine der Rollen identifiziert John Trever als älteste Abschrift des Buches Jesaja. Sein berühmter Kollege William Albright gratuliert euphorisch zum größten Handschriftenfund der Neuzeit. Die Dokumente, so Albright, sind echt. Der Bischof besitzt also eine Kostbarkeit. Die Manuskripte vom Toten Meer stammen aus der Zeit Jesu.


Der Würdenträger bietet seine Schätze in den USA zum Kauf an. Eine Million Dollar fordert er für die große Jesajarolle. Ihre immense Länge von 7,34 Meter versetzt jeden, der sie sieht, in Staunen. Dennoch wird er sie nicht los. Jahre später erscheint seine Anzeige im Wall Street Journal: "Vier biblische Schriftrollen zu verkaufen. Ideales Geschenk für pädagogische oder religiöse Institution." Der israelische Archäologe Yigael Yadin erfährt von der Annonce. Es gelingt ihm, die ältesten Zeugnisse jüdischer Religion zu erwerben und in sein Land zurückzuholen.

Frühjahr 1949. Die Region am Toten Meer gehört inzwischen zu Jordanien. Ein Forscherteam von der katholischen École Biblique Jerusalem und der jordanischen Antikenbehörde macht sich auf den Weg zu den Höhlen. Doch die Wissenschaftler sind nicht allein unterwegs. Der Schuster Kando hat einen eigenen Suchtrupp ausgerüstet. Mit seinen Leuten und beduinischen Schmugglern liefern sich die gelehrten Herren einen Wettlauf um die begehrte Beute. Eine systematische Suche nach weiteren Höhlen und Rollen beginnt. Immer wieder kommen sie zu spät. Sie stehen vor bereits ausgeräumten Verstecken. Für viel Geld müssen sie den Beduinen die Funde wieder abkaufen.

Über sechshundert Manuskripte

In den folgenden Jahren wurden im Umkreis von anderthalb Kilometern zur ersten Höhle zehn weitere entdeckt. Darin Schriftrollen und Zehntausende von Fragmenten. Allein aus Höhle 4 bergen die Männer Bruchstücke von über sechshundert Manuskripten. Wer hatte sie dorthin gebracht und warum? Einige der Verstecke liegen in nächster Nähe zu den Ruinen von Qumran.


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