Die "Sixtinische Kapelle der Eiszeit"

Einzigartige Felsbilder in der Höhle von Lascaux

1940 entdecken vier Jungen durch Zufall im Südwesten Frankreichs die legendäre Höhle von Lascaux. Ein Unwetter hatte den verschütteten Eingang freigelegt. Nach 19.000 Jahren sind sie die ersten, die in das Heiligtum eindringen.

Deckenmalerei in der Höhle von Lascaux Quelle: ZDF,Wolfgang Ebert

Die Tiere auf den Felsen scheinen lebendig, so realistisch sind sie gemalt. Immer neue Bildergalerien lösen sich aus dem Dunkel. Zwischen dem Gewimmel tauchen seltsame Zeichen auf, Muster und Symbole. Später berichten die vier Abenteurer bewegt, sie hätten eine geheimnisvolle Kraft gespürt, die von dem mystischen Ort ausgehe. Bewundernd wird man die Höhle von Lascaux "Sixtinische Kapelle der Eiszeit" nennen. Ein einzigartiges Ensemble von 1.800 gemalten und geritzten Tierbildern. Der Saal der Stiere ist der Hauptsaal von Lascaux und diente offenbar als religiöser Versammlungsort. Nicht jede Höhle war eine Kultstätte. Im Umkreis von 20 Kilometern um Lascaux gibt es 300 Höhlen, aber nur 30 sind teilweise bemalt.

Deckenmalerei im Saal der Stiere in der Höhle von Lascaux Quelle: ZDF

Suche nach dem Code

Seit über hundert Jahren versuchen Wissenschaftler die Motive zu deuten. Aber der Code ist schwer zu knacken. Der Felsbildforscher Norbert Aujoulat will dem Geheimnis der Darstellungen auf die Spur kommen. Mit speziellen Aufnahmeverfahren wird ein roter Fleck auf dem Fell des Zauberwesens "Einhorn" im Labor ein Pferdekopf. Die Analyse der übereinander gemalten Tierleiber bringt ein überraschendes Ergebnis. Aujoulat stellte anhand von Strichüberlagerungen fest, dass im gesamten Höhlenbereich zuerst die Pferde, dann die Auerochsen und zuletzt die Hirsche gemalt wurden.

Erfolgreiche Technik

Am Computer entsteht eine 3D-Animation der Bilder von Lascaux Quelle: ZDF

Um die einzigartigen Felsbilder von Lascaux einer größeren Öffentlichkeit zugänglich zu machen, soll in Zukunft jeder die Schätze in einer aufwändigen 3-D-Animation betrachten können. Das Computer-Modell dient aber vor allem Wissenschaftlern zu Studienzwecken, denn Untersuchungen vor Ort gefährden die empfindlichen Originale. Der Computer macht es möglich, alle Figuren im Saal der Stiere akribisch zu vermessen. Die Höhlenwände wurden mit Laserstrahlen abgetastet und die Zeichnungen in unterschiedlichen Lichtsituationen fotografiert. So kann man die Oberflächenstrukturen exakt nachbilden und zeigen, wie der natürliche Fels in die Gestaltung einbezogen wurde. Wo das menschliche Auge nur eindimensionale Graffiti wahrnimmt, werden filigrane Ritzzeichnungen sichtbar. Plötzlich wölben sich Körperpartien von Pferd, Wisent und Steinbock aus dem Fels.



In Lascaux wurden viele Steinwerkzeuge ausgegraben. Zudem 130 Funzellampen aus Knochenfett mit Dochten aus Wacholder und Pinsel aus angekauten Zweigen. Neben Paletten aus Schulterblättern großer Tiere förderten Archäologen ein Farblager mit achtzig Kilogramm Ocker zutage. Um große Flächen ihrer Motive mit Farbe zu füllen, pusteten die Eiszeitler manchmal Ockerstaub auf den Fels. Bis heute weiß niemand, ob nur auserwählte Einzelpersonen die Ausgestaltung übernehmen durften, oder ob ganze Gruppen ans Werk gingen. Um Panoramen dieser Größenordnung zu schaffen, war jedenfalls präzise Organisation Voraussetzung. Farbspritzen, wie sie noch heute zum Fixieren von Bildern verwendet werden, fertigten die Eiszeitler aus Knochen. Einige Experten glauben, dass Männer die Deckengemälde mit langen Pinselstöcken schufen.

Höhlenbild Pferd Quelle: ZDF

Statistiken zufolge stellen die meisten der bisher bekannten Felsbilder Tiere dar. Menschen kommen höchst selten vor. Landschafts- und Pflanzenbilder fehlen völlig. Beliebt waren vor allem Pferde. Dann Auerochsen, Wisente, Hirsche und Steinböcke. Dazu eine Parade frühzeitlicher Urviecher. Die verschiedenen Tiere bildeten die entscheidenden Fixpunkte in der Welt der Jäger und Sammler. Groß, stark und schnell - dem Menschen überlegen. Und sie lieferten alles zum Leben Notwendige. Kein Wunder, dass die Stämme den kraftvollen Kreaturen magische Eigenschaften zutrauten. Die Seele der getöteten Tiere musste geehrt und besänftigt werden.

Zeichen mit geheimen Botschaften

Manchmal sind Figuren mit pfeilförmigen Zeichen abgebildet. Vielleicht haben die Maler die Tiere markiert, um sie rituell zu bannen. Naturvölker erweisen dem, was sie ihrer Umwelt wegnehmen, bis in unsere Zeit in Zeremonien Hochachtung. Vielleicht verstecken sich hinter den Zeichen auch andere Botschaften. Deutungen reichen von Markierungen der Wanderbewegungen bis hin zu Fallen. Immerhin sind 32 Prozent aller Felsbilder Symbole. Sie müssen also von herausragender Bedeutung gewesen sein. Es gibt aber auch Motive mit szenischer Zeichensprache. Ein in die Tiefe stürzendes Pferd sieht aus wie die Momentaufnahme einer Treibjagd über Felsklippen.

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