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Die Tränen der Götter

Der rätselhafte Stein faszinierte Griechen und Römer

Der rätselhafte Stein faszinierte auch die Griechen. Sie nannten ihn "elektron", entsprechend seiner sonnengoldenen Farbe, und verewigten ihn in dem tragischen Mythos des Phaeton, der in Ovids Hexameter-Dichtung – den Metamorphosen – in größter Vollendung erzählt wird.

Als Phaeton von einem von Zeus gesandten Blitz getötet wird, verwandeln sich seine Schwestern, die Heliaden, in ihrem Schmerz zu Pappeln, und ihre Tränen werden zu Bernstein. Der Mythos kommt damit dem wahren Ursprung des Bernsteins erstaunlich nahe, auch wenn die "Tränen der Götter" in Wirklichkeit nicht von Pappeln, sondern wahrscheinlich von Koniferen, also Nadelbäumen, stammen.

Sündhaft teuer

Aus welchem Gebiet dieser seltsame Stein tatsächlich kommt, blieb für die mediterrane Welt lange Zeit im Dunkeln. Die Kleinheit der in etruskischen und griechischen Werkstätten gefertigten Objekte legt nahe, dass nur kleine Mengen an Rohmaterial tatsächlich im Süden ankamen und diese – sicherlich auch aus diesem Grunde – sündhaft teuer waren. Bernstein war für sie nicht nur ein exquisiter Schmuckstein. Häufig präsentierten sie das fossile Harz der Ostsee den Göttern als Weihegeschenk.

Aber auch im profanen Alltag kam der Bernstein zum Einsatz: Besonders wohlhabende Griechen sollen der Überlieferung nach größere Steine als Kleiderbürsten genutzt haben, um ihre Gewänder von Straßenstaub und Flusen zu befreien. Eine kluge Idee, mit deren Prinzip sich schon Thales von Milet, einer der ersten großen Naturphilosophen im 6. Jahrhundert v. Chr., auseinandersetzt. Er beschreibt die elektrostatische Aufladung, wenn Bernstein etwa mit einem Tuch abgerieben wird.

Begehrt auch bei den Römern

Im Römischen Reich widmet sich Plinius der Ältere im 1. Jahrhundert n. Chr. in seiner Naturalis historia ausführlich der Herkunft und den Eigenschaften des Bernsteins. Er liegt mit seinen Ausführungen, dass “Bernstein aus dem herabfliesenden Mark von Bäumen aus der Gattung der Fichten“ entstehe und von den “Inseln des nördlichen Ozeans“ stamme, schon erstaunlich richtig. Der fossile Charakter und das hohe Alter des Bernsteins bleiben ihm dabei noch verborgen.

An den Schilderungen von Plinius lässt sich ablesen, wie begehrt Bernstein im 1. Jahrhundert n. Chr. bei den Romern war – sehr zum Verdruss des Autors. Plinius ereifert sich über die Auswüchse, die das goldgelbe Harz mit sich bringt. Er spottet, dass seine Zeitgenossen Bernstein als reines Statussymbol besitzen wollen. Und er kann es nicht fassen, dass der Preis einer kleinen Bernsteinfigur oftmals den eines Sklaven übertrifft. Für den verschwenderischen und stets nach Anerkennung suchenden Kaiser Nero scheinen die sonnenähnlichen Schmuckstücke die richtigen Requisiten für seine extravaganten Höhenflüge gewesen zu sein.

Wahrer Modetrend

So sandte er einen Reiter an die Küste Germaniens, um von dort so viel Bernstein wie möglich herbeizuschaffen. Das größte Stück soll über vier Kilogramm gewogen haben. Für die Bürger von Rom ließ Nero für einen einzigen Tag die Gladiatorenspiele in ein goldgelb glitzerndes Spektakel verwandeln: Der Boden war gänzlich mit Bernsteinstücken bedeckt, und in die Netze, die die Zuschauer vor den wilden Tieren schützen sollten, war Bernstein geflochten. Einen wahren Modetrend unter den römischen Frauen löste Nero aus, als er die Haare seiner Frau Poppea mit dem Begriff "bernsteinfarben“ schmückte, sehr zum Arger von Plinius. Den Nutzen von Bernstein sah dieser lediglich in der Heilkunde – und war damit in bester Gesellschaft.

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