Die "traurige Nacht"

Flucht aus der Stadt mit unzähligen Opfern

Nach dem Tod des Aztekenherrschers Montezuma konnte es nicht mehr lange dauern, bis die Azteken das spanische Hauptquartier stürmen würden. Der einzige Ausweg schien die rasche Flucht aus der Stadt zu sein. Doch die Azteken hatten vorgesorgt.


Bernal-Bericht (30. Juni 1520 - 17.00 Uhr): "Die Zeit drängte. Um zu erfahren, was die Azteken planten, befahl Cortés, einen Gefangenen dem peinlichen Verhör zu unterziehen. Möge Gott uns unsere Untaten verzeihen."

Hoffnungslos in der Falle

Laut Aussage des Gefangenen schien die Lage für die Spanier hoffnungslos. Tenochtitlan war nur durch wenige Dammstraßen mit dem Festland verbunden. Diese schnurgeraden, bis zu acht Kilometer langen Straßen wurden in regelmäßigen Abständen von Holzbrücken unterbrochen. Die Azteken hatten sie alle zerstört. Kein Spanier sollte lebend aus der Stadt entkommen. Die Konquistadoren saßen am Abend des 30. Juni 1520 hoffnungslos in der Falle.

Maßlose Golgier


Bernal-Bericht
(20:00 Uhr): "Sollte die Stadt in dieser Nacht zu unserem Grab werden? Dank sei Gott, denn Cortés war ein Mann, der immer einen Ausweg fand."


Cortés wollte mit seinen Mannen die Stadt noch in der selben Nacht verlassen und Fluchtwege durch Behelfsbrücken aus Holz errichten lassen. Doch noch wichtiger war ihm die Rettung der Goldschätze.





Die Spanier aber waren von maßloser Goldgier zerfressen: Wie Affen griffen sie nach dem Goldschmuck und befingerten ihn und wühlten nach ihm wie hungrige Schweine. So überliefert es ein Azteke. Vielen Spaniern wurde das Gold zum Verhängnis. Alles hing jetzt von Cortés und seinem tollkühnen Plan ab: Konnte es gelingen, unbemerkt die Dämme zu erreichen und Behelfsbrücken zu bauen? Gegen Mitternacht stand alles auf des Messers Schneide.

"Alles schien ruhig"


Bernal-Bericht
(22.00 Uhr): "Im Schutz der Dunkelheit traten wir den Rückzug an. Auf Cortés' Befehl trugen die Männer den Goldschatz des Montezuma. Wir versuchten, so schnell wie möglich zu den zerstörten Brücken zu kommen. Die Tlaxcalteken hielten zum Glück zu uns. Sie trugen die Balken. Alles schien ruhig. Zuversichtlich marschierten wir durch die Nacht. Aber den Azteken war unsere Flucht nicht verborgen geblieben.



Überall lauerten sie in ihren Einbäumen auf menschliche Beute. Sie ließen uns weit auf den Damm hinaus. Wir glaubten uns schon am rettenden Ufer - doch dann fielen sie plötzlich über uns her. Wer jetzt nicht um sein Leben kämpfte, sondern sich an das Gold klammerte, war ein Tor. Das Gold ließen die Azteken im See versinken. Aber viele meiner Kameraden zogen sie wieder aus dem Wasser."

Behelfsbrücken retteten Leben


Bernal-Bericht
(23:45 Uhr):"Viele Stunden dauerte der Todesmarsch über die Dammstraßen. Jeden Schritt mussten wir uns mühsam freikämpfen. An den Breschen im Damm waren wir besonders angreifbar. Cortés focht an der Spitze und feuerte uns an. Mit seinem Einfall, aus Balken Behelfsbrücken zu bauen, rettete Cortés unser Leben. Dennoch, viele meiner Kameraden blieben auf dem Damm zurück. Sie hatten sich zu schwer mit Gold beladen. Die Goldgier brachte ihnen den Tod."


Bei der Flucht aus Tenochtitlan verlor die Hälfte der Spanier ihr Leben. 80 Männer wurden von den Azteken gefangen und geopfert. Die Toten der verbündeten Indianer und der Azteken hat niemand gezählt. In die Geschichte ist diese lange Nacht als "noche triste", als die "traurige Nacht", eingegangen.

"Verlust vieler tapferer Männer"


Bernal-Bericht
(1. Juli 1520, 05:00 Uhr): "Am nächsten Morgen dankten wir dem Allmächtigen für unsere Errettung. Wir waren alle verwundet. Aber viel schlimmer war der Verlust so vieler tapferer Männer. Wenn ich ihre Namen aufzählen müsste, würde ich damit nicht so bald fertig."

Cortés wies Bernal zurecht. Sinngemäß befahl er Bernal, mit dem Schreiben aufzuhören: "Lass das Schreiben! Wir müssen diese traurige Nacht vergessen - niemand darf jemals davon erfahren." Seine Niederlage hätte Cortés gerne ungeschehen gemacht.

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