Die unsichtbare Mauer

Auch die Briten scheitern am Desinteresse der Chinesen

149 Jahre nachdem seinen Vorfahren das Tor nach China geöffnet wurde, empfing ein Qing-Kaiser zum ersten Mal eine britische Gesandtschaft. Der Auftrag von Lord Macartney - und der seines Stellvertreters Sir George Staunton - lautete: den chinesischen Markt für die Waren des Britischen Empire zu erschließen.

Gesandter Lord Macartney mit Gefolge

Nach vier Monaten kamen die Briten schließlich in Peking an, der nördlichen Hauptstadt des Landes. Endlich hatte der Kaiser von China eingewilligt, die Fremden zu empfangen - in seiner Sommerresidenz, sechs Tagesreisen von Peking entfernt. Stauntons Sohn hatte von dem Übersetzer, der die Engländer begleitete, Chinesisch gelernt. Er war der Gesandtschaft eine wertvolle Hilfe, denn der Übersetzer selbst sprach kein Englisch, sondern nur Latein.

Englische Delegation überquert Gubeikuo-Pass

Staunend und voller Ehrfurcht

Etwa zwei Tagesreisen von Peking entfernt führten die Mandarine und Soldaten die Delegation über den Gubeikuo-Pass. Hier erwartete Macartney und seine Begleiter ein Anblick, der bis dahin nur wenigen Europäern vergönnt war: die Große Mauer. Die Briten hielt es nicht in ihren Kutschen. Staunend erklommen sie das Monument, voller Ehrfurcht vor der Leistung der Baumeister.

Überrascht bemerkte Lord Macartney jedoch, dass die chinesischen Begleiter ihre Euphorie nicht im Mindesten teilen. Er schreibt: "Die Mandarine wunderten sich über unsere Neugier und erwarteten ungeduldig unsere Rückkehr. Später erfuhr ich, dass die meisten von ihnen die Mauer noch niemals gesehen hatten - sie interessierten sich aber auch nicht sonderlich dafür." Macartney aber, sonst eher zurückhaltend mit Lob über die kulturellen Errungenschaften Chinas, notierte begeistert: "Die Mauer ist eine der großartigsten Werke, die je von Menschenhand geschaffen wurden. Vor 2000 Jahren wurde sie gebaut und Chinas mächtige Herrscher müssen weise gewesen sein, um das Reich mit dieser Mauer für immer gegen Invasoren zu schützen."

Affront gegen die chinesische Etikette

Macartney hatte die steinerne Mauer bewundert - doch er scheiterte an der unsichtbaren Mauer, mit der sich das Reich der Mitte seit zwei Jahrtausenden umgab. Der Leiter der Handelsmission, weigerte sich, den Kotau zu vollführen, die vorgeschriebene Unterwürfigkeitsgeste bei Hofe - nach chinesischer Etikette ein Affront. Mit seinem Ersuchen um Handelsbeziehungen stieß Macartney jedoch nicht nur deshalb auf taube Ohren. "Wir haben nicht die geringste Verwendung für die Güter Ihres Landes", lautete der Bescheid des Himmelssohns. Nach chinesischer Tradition sah der Kaiser in den britischen Gesandten Barbaren aus einer ihm unbekannten, entlegenen Region der Welt, die ihm Tribut überbrachten. Die Mission der Briten endete als Fiasko.

Das chinesische Reich blieb nach Macartneys Besuch bei seiner Abneigung, mit dem Westen Handel zu treiben. 47 Jahre nach der gescheiterten Mission wird Thomas Staunton, der Sohn des stellvertretenden Kommandeurs im englischen Parlament eine flammende Rede für einen Krieg gegen China halten, in dem England das Recht auf Handel mit Waffengewalt einforderte. Die "Barbaren", die das Reich der Mitte schließlich zu Fall brachten, mussten keine Mauer überwinden - sie kamen über das Meer, aus Europa.

Küstenabschnitt China

Symbol nationaler Stärke

Chinas Mauern, die sichtbaren und unsichtbaren, bröckelten im Laufe der Zeit. Die Große Mauer konnte das Reich der Mitte letztlich nie vor seinen Feinden schützen. Die einen bezwangen sie mit Gewalt, andere fanden offene Tore vor. Dennoch bleibt sie Symbol nationaler Stärke. Nördlich von Peking, wo sich der steinerne Drache majestätisch über Berge und durch Schluchten windet, steht man sprachlos vor diesem architektonischen Meisterwerk. Hier wird der Mythos "Große Mauer" in den Köpfen der Menschen immer stärker sein als die Realität ihrer wechselvollen Geschichte.

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