Die unsichtbare Stadt

Schliemanns Erben - Das Gold von Tuva

Siebentausend Kilometer von Tuva entfernt starren Geophysiker gebannt auf ihre Computerbildschirme. Sie können kaum glauben, was sie sehen und rufen ihren Auftraggeber Hermann Parzinger sofort nach München.

Parzinger erwartet ein Paukenschlag. Am Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege arbeiten die weltweit führenden Geomagnetiker: Helmut Becker und Jörg Faßbinder haben in Cica, Sibirien, eine Siedlung vermessen, die ungefähr so alt ist wie der Steinkurgan.

Grandiose Stätte

Unter dem Steppengras steckt eine ganze, unsichtbare Stadt. Der geomagnetische Plan zeigt eine Zitadelle, Straßen, Tore, Befestigungen, große Häuser. Das hat keiner den Nomaden zugetraut. Unverzüglich reist Parzinger mit den Plänen zu seinem Kollegen Vjatscheslav Molodin nach Nowosibirsk. Dieser gibt der begonnenen Ausgrabung der Stadt in der Steppe oberste Priorität. Die Einzigartigkeit dieser grandiosen Stätte liegt nach Molodins Auffassung darin, dass dort Spuren von unterschiedlichen sibirischen Kulturen zu finden sind, die alle aus der selben Zeit datieren. Diese Kulturen müssen also zusammengelebt haben.

"Universität in der Steppe"

Am nächsten Tag fährt Parzinger mit dem Überlandbus von Nowosibirsk aus Richtung Westen, wo er nach 17 Stunden endlich in Cica ankommt. Übermüdet wartet er an der Bushaltestelle auf die Abholung durch einen geländegängigen LKW und den Grabungsleiter von Cica, Jens Schneeweis. Die Expedition zur neu entdeckten Stadt der Reiternomaden führt ihn hinein in das tiefste Sibirien. Hier scheint die Zeit stehengeblieben. Im Zeltlager leben russische und deutsche Studenten zusammen - eine Universität in der Steppe inklusive Lagerfeuerromantik und Plumpsklo. Präsident und Student löffeln hier die gleiche dünne Suppe. Trotz oder gerade wegen der Entbehrungen ist Cica für alle ein Erlebnis der besonderen Art.

Moderne Archäologie

Schlüsselstellen der unsichtbaren Stadt sichtbar zu machen, ist Ziel der Grabung. Mit der Magnetometerkarte in der Hand, die Störungen im Erdreich anzeigt, werden die archäologischen Spuren unter der Haut der Erde aufgedeckt. Durch zentimetergenaues Einmessen kann exakt an den vielversprechendsten Punkten der Spaten angesetzt werden. Ganz gezielt werden an verschiedenen Ecken der früheisenzeitlichen Anlage Schnitte angelegt. Das ist ein unschätzbarer Vorteil, wenn man bedenkt, dass die Stadt in der Steppe ungefähr halb so groß war wie das mittelalterliche München. Als Ganzes unausgrabbar.

Mulitkulturelles Zusammenleben

Tierknochen erzählen davon, was die Reiter gegessen haben und welche Pferderasse sie ritten. Scherben verraten, aus welchem Kulturkreis die Stadtbewohner wohl stammten. Und die Forscher staunen nicht schlecht: Sie bestimmen unterschiedliche Keramikarten aus derselben Zeit. Tönerne Beweise für multikulturelles Zusammenleben in Sibirien vor 2.500 Jahren. Weitere Indizien: eine Pfeilspitze aus Knochen. Aus demselben Material ein Messer sowie ein Schleifstein für ein Messer aus Eisen samt dazugehöriger Gussform. Die Herren der Steppe konnten mehr als nur gut reiten. Doch wozu gebrauchten sie diese Tonfiguren?

In der Akademie der Wissenschaften von Nowosibirsk rätselt man über einem ganzen Haufen der seltsamen Figuren. Waren es Idole, Götzenbilder? Oder einfach nur Spielzeug? Den Bayern Parzinger erinnern sie spontan an Murmeltiere. Nicht nur analytische Schärfe, auch Phantasie gehören zum Rüstzeug der Archäologen.

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