Die "Untoten" von Krumau

Skelettfunde zeugen vom Glauben an Vampire im 18. Jahrhundert

Bei einer Grabung in Böhmisch Krumau, einer idyllischen Kreisstadt in Tschechien, machten Archäologen aus Prag 2007 eine außergewöhnliche Entdeckung: drei äußerst merkwürdige Gräber. Bei christlichen Bestattungen werden die Verstorbenen normalerweise in Ost-West-Achse ausgerichtet. Doch diese drei Skelette lagen in Nord-Südrichtung in ihren Gräbern. Im Verlauf der Grabung traten immer seltsamere Details zutage.

Ausgrabungen in Krumau Quelle: ZDF

Einer Person war offenbar der Kopf abgetrennt und zwischen die Beine gelegt worden. Ein großer Stein lag in der Mundhöhle. Die Arme und Beine der drei Verstorbenen waren mit Steinen beschwert worden. Die mysteriösen Gräber liegen heute zwar innerhalb des Stadtgebietes von Böhmisch Krumau an einer Moldaubiegung, zur Zeit der Grablegung befanden sie sich allerdings außerhalb der Siedlung.

Wissenschaftler Köppl untersucht Knochen Quelle: ZDF

Reale Exzesse

Der eigenartige Fund weckte das Interesse von Rainer Köppl, Medienwissenschaftler an der Universität Wien. Sein Interesse gilt dem Ursprung der Vampirlegende. Woher stammt die Vorstellung von Untoten, die des Nachts aus ihren Gräbern steigen, um das Blut der Lebenden zu trinken? Gab es tatsächlich Vampirjäger, die Verdächtige pfählten und ihre Köpfe abtrennten? Heute kennen wir diese magischen Rituale hauptsächlich aus Vampirgeschichten und Hollywoodfilmen. Aber diese Exzesse haben tatsächlich stattgefunden.

Skelett mit Schädel zwischen den Beinen Quelle: ZDF

Waren die drei Toten von Krumau womöglich Opfer einer Vampirbannung? In Prag beginnt die Untersuchung an den Skeletten. Bei allen drei Toten handelt es sich um Männer. Sie waren im 18. Jahrhundert ums Leben gekommen. In den Grabgruben lagen Steine, die ursprünglich auf den Skeletten oder auf dem Sarg waren. Bei dem Skelett, dessen Schädel zwischen den Beinen lag, fehlen die ersten beiden Halswirbel. Möglicherweise eine rituelle Enthauptung, die dazu diente, einen Vampir daran zu hindern, aus seinem Grab zu steigen.

Wellen von Vampirhysterie

In den ersten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts waren viele Regionen Europas von der Angst vor Vampiren befallen. Das einfache Volk hatte seine eigenen Methoden, um mit diesen unheiligen Kreaturen fertig zu werden. Es bestand für die Leute kein Zweifel daran, dass diese Leichen in der Nacht ihre Gräber verließen, um die Dorfbewohner anzufallen - um ihr Blut und ihre Lebenskraft auszusaugen. Vampire machte man wie in früheren Jahrhunderten die Hexen für alle möglichen Krankheiten verantwortlich. Wellen von Vampirhysterie fielen oft mit der Ausbreitung von Seuchen und Epidemien zusammen. Im frühen 18. Jahrhundert wüteten die Pocken besonders heftig in Böhmen. Der Tod war allgegenwärtig. Erst seit dieser Zeit ist das Wort "Vampir" in der deutschen Sprache nachweisbar.

Grabschändung war ein Verbrechen, das streng bestraft wurde. Trotzdem sahen sich Menschen offenbar immer wieder gezwungen, auf die Friedhöfe zu ziehen, um Vampire daran zu hindern, den Lebenden zu schaden. Man grub die Leichen verdächtiger Personen aus, pfählte und köpfte sie - nahm den Kopf und legte ihn zwischen die Beine. Dadurch sollte verhindert werden, dass der Untote seinen Kopf mit den Händen erreichen und ihn sich wieder aufsetzen kann. Zwischen Ober- und Unterkiefer schob man einen Stein. Damit wollte man verhindern, dass der Tote zu schmatzen beginnt. Das Schmatzen der Toten hielt man für eines der frühesten Anzeichen für Vampirismus. Mit einem Rosenkranz fesselten die Vampirjäger die Hände des Ausgegrabenen. Schwere Steine auf Armen und Beinen sollten den Untoten bewegungsunfähig machen.

Grabschändung auf Friedhof Quelle: ZDF

Selbstmörder = Vampir?

Alle Spuren deuten darauf hin, dass diese klassischen Antivampirmaßnahmen gegen die drei Leichen angewandt worden sind. Offenbar wurden sie für wirkliche Vampire gehalten. Aber was brachte die Einwohner des idyllisch in einer Moldaubiegung gelegenen Krumau dazu, so drastische Maßnahmen zu ergreifen? Vielleicht hatten die Krumauer von Anfang an einen Verdacht: Selbstmörder galten oft als Vampire. Die Chroniken berichten von drei Selbstmördern aus der Zeit: Paul Haas, Philipp Pauer und Urban Filler. Paul Haas hatte sich erhängt. Vielleicht hatte man seinen Kopf zwischen die Beine seiner Leiche gelegt. Noch heute kündet der vollständig erhaltene historische Stadtkern von einigem Wohlstand und über dem Ort thront eine der spektakulärsten Schlossanlagen der Welt. Dunkle Mächte scheinen hier nicht herzugehören.

Stadtbild Krumau Quelle: ZDF

In der Urfassung von "Dracula" erwähnt Autor Bram Stoker, dass sich auf der Rückseite des Grabmals einer adeligen Österreicherin eine Inschrift befindet: "Die Toten reiten schnell", ein Zitat aus einer alten deutschen Ballade, das als eines der frühesten literarischen Zeugnisse zum Thema Untote gilt. Die Ballade stammt von Gottfried August Bürger und trägt den Titel "Lenore". Lenore verflucht Gott, als ihr Geliebter im Krieg fällt. Das Schlachtfeld, auf dem er den Tod fand, liegt ausgerechnet in Böhmen. Gibt es eine Verbindung zu den Krumauer Skelettfunden? Die Vampirskelette, die in Krumau gefunden wurden, stammen aus dem frühen 18. Jahrhundert. Aus der Literatur ist bekannt, dass die gefährlichsten Vampire Adelige waren. Doch wer hat im frühen 18. Jahrhundert auf Schloss Krumau geherrscht?

Unerwartete Namensähnlichkeit

Akten über Eleonore Quelle: ZDF

In den unterirdischen Gängen des Schloss-Archivs lagern unzählige Dokumente, die bis heute nicht wissenschaftlich aufgearbeitet wurden: Beinahe jeder Tag vergangener Jahrhunderte wurde dokumentiert und hier archiviert. Geheimnisse aus der Geschichte Europas. Bei seiner Recherche stößt Köppl auf die ungewöhnliche Lebensgeschichte einer Frau und eine unerwartete Namensähnlichkeit: Auf dem Schloss hat zur Zeit der großen Vampirhysterie tatsächlich eine Fürstin mit dem Namen Eleonore geherrscht.

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