Die Urheberschaftsdebatte

Wer war der Mann, der Shakespeares Werke schrieb?

Die Karriere William Shakespeares, der vor beinahe 400 Jahren starb, ist in großen Zügen bekannt. Doch seit ungefähr 200 Jahren kommen immer wieder Zweifel auf. Weshalb wird hinter den Werken des Mannes aus Stratford ein anderer Urheber vermutet? Und wer könnte es gewesen sein?

Porträt Christopher Marlowe
Porträt Christopher Marlowe

Als William Shakespeares Stern in London aufgeht, sind zwei wichtige Größen der damaligen Theaterwelt bereits tot. Thomas Kyd (1558 bis 1594) und Christopher Marlowe (1564 bis 1593). Kyd, Sohn eines Schreibers, schreibt mit "Die Spanische Tragödie" eines der erfolgreichsten Stücke der Zeit. Seine Arbeiten zu einer Urfassung des Hamlet gehen wie auch andere seiner Schriften nach seinem Tod verloren - er stirbt, nachdem er wegen Gotteslästerung verhaftet und gefoltert wurde. Thomas Kyd war eng befreundet mit Christopher Marlowe. Marlowe wurde im selben Jahr geboren wie Shakespeare. Der Sohn eines Schuhmachers fällt früh durch sein Talent auf. Er besucht die Universität und verkehrt in höheren Kreisen. Er lässt sich als Spion vom Geheimdienst der Königin anwerben, ist vielleicht auch Informant der verfeindeten Spanier.

Zweifelhafter Mord an Marlowe

Christoper Marlowe im Exil (Spielszene)
Christoper Marlowe im Exil (Spielszene)

In London feiert der junge Dichter 1587 mit "Tamburlaine der Große" einen Erfolg und schiebt im Jahr darauf eine Fortsetzung nach. Es folgen: "Der Jude von Malta" und "Die tragische Geschichte von Dr. Faustus". Jedes seiner Dramen wird auf der Bühne zur umjubelten Sensation. Theater reißen sich darum, mit ihm zusammen zu arbeiten. Doch er verkehrt auch in Kreisen, die der Gotteslästerung verdächtigt werden wie dem um Walter Raleigh, dem Seeheld und Günstling der Königin. Seine Gegner lassen Marlowes Wohnung durchsuchen, seinen Freund, Thomas Kyd verhaften und foltern. Marlowe wird für seine Gönner zur Gefahr. Er fällt unter zweifelhaften Umständen einem Mord zum Opfer. Der Täter wird kurz darauf begnadigt. Doch: Konnte er vielleicht dem Anschlag entkommen und fliehen? Vermutungen liegen vor, Beweise werden vermutet. Das schillernde Talent Christopher Marlowe gibt Rätsel auf.

Fest steht: Nach Marlowes skandalumwittertem Abgang geht Shakespeares Stern auf. Kernpunkt aller Zweifel an Shakespeares herausragenden Autorenqualitäten: der umfassende Bildungshorizont, den seine Werke aufscheinen lassen. Der Dichter Shakespeare beherrscht und spiegelt das gesamte Wissen seiner Zeit scheinbar mühelos. Manche meinen, das sei eine Nummer zu groß für den Mann aus Stratford. Sie sagen, dass nahezu jeder in Betracht kommende Kandidat mehr Studienzeit und Auslandsaufenthalte aufzuweisen habe als Shakespeare. Einer, der beides besitzt, Bildung und das nötige Vermögen, dem Bildungsdrang nachzugehen, ist William Stanley, der 6. Earl of Derby. Er soll Komödien geschrieben haben; steht dem Dichter Ben Johnson nahe. Und: Er besitzt praktische Theaterkenntnis: Sein Bruder führte die Truppe der "Leicester's Men", aus der sich die "Lord Chamberlain's Men" entwickelten - die Truppe, der auch William Shakespeare angehörte.

Adelige Gönner

Edvard de Vere
Edvard de Vere

Einige Zweifler am all zu pragmatischen Theatermann aus Stratford tippen eher auf Roger Manners, den 5. Earl of Rutland. Auch hier sprechen eher Vermutungen für den zu Shakespeares Londoner Glanzzeit sehr jungen Earl. Mehr Zulauf haben diejenigen, die in Edvard de Vere, dem 17. Earl of Oxford denjenigen sehen, der Shakespeare als Strohmann benutzt, um seine eigenen Werke unters Volk zu bringen. Reiselustig und gebildet, verschwendet er sein Vermögen. Er liebt die Künste und gehört zu einem Kreis anerkannter adeliger Liebhaberautoren und Poeten, der nicht für das öffentliche Theaterpublikum, sondern für Aufführungen bei Hof schreibt. Allerdings, warum sollte er geheim halten, was jeder bei Hofe wusste? Auch sein Tod im Jahr 1604 erschwert seinen Anhängern die Arbeit. Doch de Veres Adel, die Nähe zur Königin und seine intime Kenntnis der Hofintrigen halten ihn in der Urheberdiskussion im Spiel.

Feierlichkeiten in Stratford zu Shakespeares Geburtstag
Feierlichkeiten in Stratford zu Shakespeares Geburtstag

Wer geriet sonst noch ins Visier der Forscher? Um es mit dem Dichter zu sagen: Die Zeit gerät zur Elisabethanischen Zeit aus den Fugen. Aufstrebende Handwerksunternehmer, Abenteurer, studierte Bürgersöhne und Adlige - ein explosives Potential radikal neu denkender und handelnder Untertanen formt ein neues England. Eine Vielzahl von Autoren drängt zu den Theatern. Jeder von ihnen steht im Verdacht, zu Shakespeares Werk beigetragen zu haben. Ben Jonson(1573-1637) Autor und Schauspieler, er tritt in Shakespeares Stücken auf, schreibt mit anderen gemeinsam und stirbt als hochverehrter Hofpoet. Thomas Heywood (1570-1641) arbeitet für drei unterschiedliche Truppen als Hausautor, Verfasser vieler erfolgreicher Stücke. John Webster (gestorben um 1634) begann als Schauspieler und Bearbeiter fürs Theater. Er gilt als Miterfinder der "blutigen Tragödie". Und John Ford (geboren um 1586), der praktizierende Jurist, schreibt in Zusammenarbeit mit anderen Autoren viele Erfolgsstücke. Sie und viele andere prägten das Theater ihrer Zeit. Doch nur William Shakespeare wurde unsterblich.

"Mit gewognen Händen"

Auch Frauen gerieten in Verdacht, "Shakespeare" zu sein. Etwa seine eigene Ehefrau, Anne Hathaway oder die nachweislich Kunst liebende Königin Elisabeth I. Als Begründerin der Urheberschafts-Debatte gilt die amerikanische Missionarstochter Delia Bacon, die 1857 ihren Namensvetter Francis Bacon (1561-1626) ins Gespräch brachte, das seither nicht abbricht. Und was würde der, um den es geht, dazu sagen? Im Sommernachtstraum zerreißt am Ende Puck der Kobold das Zaubernetz, welches der Dichter ausgelegt hat, mit den Worten:

"Wenn wir Schatten Euch beleidigt, O so glaubt - und wohl verteidigt Sind wir dann! -, Ihr alle schier Habet nur geschlummert hier
Und geschaut in Nachtgesichten Eures eignen Hirnes Dichten
Nun gute Nacht! Das Spiel zu enden, Begrüßt uns mit gewognen Händen!"

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