Die Verbotene Stadt (1/2)

Der Schicksalsplan des chinesischen Kaisers

Nach fast 100 Jahren mongolischer Fremdherrschaft wird im Jahre 1368 mit Zhu Yuanzhang ein Mann aus dem Volk Kaiser von China und gründet die Ming-Dynastie. Der berühmteste Ming-Kaiser sollte jedoch dessen Sohn Zhu Di werden. Als Kaiser Yongle macht er Peking zur neuen Hauptstadt und krönt diese mit einem gigantischen Palastkomplex: der Verbotenen Stadt.

Der Kaiser und Verbotene Stadt Quelle: ZDF
Kleiner Prinz Zhu Di allein im Wald (Spielszene) Quelle: ZDF

Mit nur neun Jahren wird der Prinz ohne Begleitung, Obdach oder Nahrung in entlegene Wälder geschickt, um sich allein durchzuschlagen. Die harte Erziehung prägt den Charakter des Jungen für sein Leben. In der Einsamkeit der Berge lernt er, nur sich selbst zu trauen, rücksichtslos und zielstrebig seine Vorteile zu nutzen. Und das Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen. Als viertgeborener Sohn von der Thronfolge ausgeschlossen, wird Zhu Di in der "südlichen Hauptstadt" Nanjing früh auf eine militärische Karriere vorbereitet. Aus Prinz Zhu Di wird ein genialer Feldherr. "Beiping" - "der Norden ist befriedet", so nennt er selbstbewusst seine Residenzstadt. Doch noch ist Beiping nur ein Provinznest am Rande des Imperiums.

Der wahre Herrscher

Fast vierzigjährig hat Zhu Di alles erreicht, was ihm sein Vater vorbestimmt hatte. Doch Zhu Di will mehr. Die verführerische Prophezeiung - er sei der wahre Herrscher über die Menschheit - eines Wahrsagers bestärkt ihn in einem Verlangen, das er bislang tief in seinem Innern verborgen hatte. Doch die Prophezeiung ist eine Aufforderung zum Hochverrat, denn in Nanjing herrscht rechtmäßig Kaiser Jianwen, ein Enkel des ersten Mingkaisers.

Das Heer des Zhu Di (Spielszene) Quelle: ZDF

Zhu Dis Söhne werden zum Anlass für das Aufbegehren des Prinzen. Diese werden vom Kaiser als Geiseln am kaiserlichen Hof gefangen gehalten. Dann aber begeht Jianwen einen folgenschweren Fehler. Er lässt die Söhne des Prinzen frei. Ein Zeichen zur Verständigung mit dem mächtigen Feldherrn, das dem Kaiser als Schwäche ausgelegt wird. Auf diese Gelegenheit hat Zhu Di gewartet. Im Jahre 1402 zieht er mit einer Million Soldaten vor die Tore der Hauptstadt.

Sieg im Bürgerkrieg

In einem dreijährigen Bürgerkrieg hatten Zhu Dis Männer zuvor die kaiserlichen Truppen in die Knie gezwungen. Gegen die gewaltigen Mauern Nanjings ist die riesige Armee jedoch machtlos. Statt seine Kräfte in einer langen Belagerung aufzureiben, greift Zhu Di zu einer List. Er nutzt den Opportunismus korrupter Höflinge. Kampflos fällt die Hauptstadt Zhu Di und seinen Truppen in die Hände.

Zhu Dis Heer plündert Nanjing (Spielszene) Quelle: ZDF

Tagelang plündern Zhu Dis Soldaten in den Straßen Nanjings. Die Bevölkerung ist den marodierenden Horden schutzlos ausgeliefert. Für Zhu Di jedoch ist der Augenblick des Triumphes noch nicht gekommen. Kaiser Jianwen ist spurlos verschwunden. Gerüchte machen die Runde: Er sei durch einen Geheimgang entkommen. Zeit seines Lebens wird Zhu Di vom Gedanken verfolgt, dass Jianwen lebt - und eines Tages Rache nehmen wird.

"Immerwährende Freude"

Am 17. Juli 1402 lässt sich Zhu Di unter der Devise Yongle, "immerwährende Freude", zum Kaiser von China ausrufen. Doch die meisten hohen Beamten des vertriebenen Jianwen erkennen seine Autorität nicht an. Einige verweigern sogar den Kotau, die vorgeschriebene Unterwürfigkeitsgeste bei Hofe. Noch in hundert Generationen werde Zhu Di der Makel des Usurpators anhaften, heißt es. Dem selbsternannten Kaiser begegnet offener Widerstand. Der ranghöchste Beamte, der die Regierungserklärung vorbereiten sollte, verursacht einen Eklat indem er sich weigert Yongle zu dienen und seine Loyalität dem rechtmäßigen Kaiser Jianwen erweist. Yongle verurteilt ihn unter dem Vorwurf des Hochverrats mit dem Tod.

Kaiser Yongle spricht das Todesurteil über einen widersetzlichen Beamten (Spielszene) Quelle: ZDF

Der Beamte bleibt nicht der einzige, der seine Prinzipientreue mit dem Leben bezahlen muss. Zerfressen vom Misstrauen gegen die gebildete, hoch angesehene Beamtenschaft ordnet Yongle eine grausame "Säuberungsaktion" an. Nicht nur loyale Beamte fallen der Gewalt zum Opfer, Yongle nimmt sogar ihre Familien in Sippenhaft. Die menschenverachtende Kampagne sichert Yongle den Thron - doch die Worte des Beamten verfolgen ihn wie ein Fluch. Er findet keine Ruhe, denn an ihm nagt die Gewissheit, sich sein Kaiseramt mit Gewalt und Terror unrechtmäßig angeeignet zu haben. Hinzu kommt die Angst vor dem gestürzten Jianwen.

Schönheit und Macht

Yongle beschließt, in seine alte Residenzstadt Beiping zurückzukehren. Und als Zeichen seiner Macht soll dort der gewaltigste Palast entstehen, den die Welt je gesehen hat - die "Verbotene Stadt". Für alle Zeit soll jeglicher Zweifel an der Rechtmäßigkeit seiner Herrschaft durch diese überwältigende Demonstration von Schönheit und Macht beseitigt werden. Umgehend beginnen Heerscharen von Arbeitern mit dem Abriss der alten Paläste in der neuen "nördlichen" Hauptstadt Beijing.

Eunuch Ruan An (Spielszene) Quelle: ZDF

Die Verantwortung zur Durchführung des epochalen Projektes bekommt der Eunuch Ruan An. Mit der Berufung eines Kastraten in das hohe Amt begeht Yongle erneut einen Tabubruch. Denn Yongles Vater hatte den Ausschluss der Eunuchen aus allen Staatsämtern verfügt. Er wollte verhindern, dass Eunuchen die Nähe zum Kaiser und seiner Umgebung nutzen, um selbst zu Einfluss zu gelangen. Machtkämpfe unter Eunuchen, die die Verwaltung des Reiches lähmen, sind in der chinesischen Geschichte nichts Ungewöhnliches. Yongle aber braucht die Eunuchen als loyale Verwalter, denn er misstraut den Beamten. Er fördert ein System aus Bespitzelung, Misstrauen und Günstlingswirtschaft. Ein Spiel mit dem Feuer.





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