Die Verbotene Stadt (2/2)

Die Macht der schönen Konkubine

1850 wird in der Verbotenen Stadt ein neuer Kaiser proklamiert. Gesucht wird die Gemahlin des 20-jährigen Xianfeng, des neuen Kaisers der Qing-Dynastie, die seit mehr als 200 Jahren das Reich der Mitte regiert. Sechzig Mädchen aus der Sippe des Herrscherhauses erhalten den befehl, sich in der Verbotenen Stadt einzufinden. Xianfengs Mutter wird die Gemahlin des Kaisers und seine Konkubinen auswählen. Unter ihnen ist auch die fünfzehnjährige Yehe Nara.

Kaiserwittwe Cixi Quelle: ZDF

Große Konkurrenz

Konkubinen überqueren eine der fünf Brücken (Spielszene) Quelle: ZDF

Yehe Nara betritt zum ersten Mal das Allerheiligste des Reiches, denn keinem gewöhnlichen Untertan ist es erlaubt, die Verbotene Stadt zu betreten. Eine fremde, magische Welt. Über eine der fünf Brücken, die den Goldwasserfluss überspannen, führt ihr Weg an den prunkvollen kaiserlichen Palästen vorbei durch ein Nebentor ins Zentrum der Verbotenen Stadt. Hier erhebt sich majestätisch die Halle der Höchsten Harmonie, die Mitte der Welt. Spirituelle Architektur, strenges Ritual: Die Auswahlkriterien für kaiserliche Gefährtinnen sind genau festgelegt. Der unangenehmste Teil der Prüfung ist die körperliche Untersuchung: Hat das Mädchen Schönheitsfehler? Mund- oder gar Körpergeruch? Ist sie noch Jungfrau?



"Viele waren auf mich eifersüchtig, da ich damals als schöne Frau galt," soll Yehe Nara einmal gesagt haben. Die Kaiserinmutter war wohl nicht ganz ihrer Meinung. Yehe Nara wird zur Konkubine 5. Ranges ernannt, es ist der niedrigste. Das große Los zieht ein anderes Mädchen. Sie soll die Gemahlin des Kaisers werden, der Dynastie einen Thronerben schenken und wird damit zur größten Konkurrentin Yehe Naras um die Gunst des Herrschers.

Xianfeng (Spielszene) Quelle: ZDF

Während der Hochzeitszeremonie sieht Yehe Nara Kaiser Xianfeng zum ersten Mal. Der Himmelssohn ist das einzige zeugungsfähige Lebewesen in der Verbotenen Stadt, einem Universum, bevölkert von über 3000 Eunuchen und fast ebenso vielen Frauen. Nach chinesischer Vorstellung kommt es während des Hochzeitsrituals zur Vereinigung der beiden Kräfte Yin und Yang. Denn Yin steht für die weibliche, erhaltende Kraft, Yang für die männliche, erschaffende Kraft. Oberstes Prinzip ist perfekte Harmonie zwischen beiden Kräften, um die Ordnung der Welt zu erhalten.

Leere und Sinnlosigkeit

Das Prinzip des Yin, des Weiblichen, des Nicht-Handelns, hat tragische Folgen für das Leben der Frauen in der Verbotenen Stadt. Im Palast des Barmherzigen Friedens leben die Konkubinen des verstorbenen Kaisers. Yehe Nara blickt in Gesichter, die gezeichnet sind von der Leere und Sinnlosigkeit eines Lebens, das aus nichts anderem bestand als zu warten. Manche hatten ein Leben lang vergebens auf einen Ruf ins Schlafgemach des Kaisers gehofft, einige ihn nicht einmal mit eigenen Augen gesehen.

Steht Yehe Nara das gleiche Schicksal bevor? Eine Alternative hat sie nicht, denn als Konkubine darf sie die Verbotene Stadt nie mehr verlassen. In der Eintönigkeit eines minutiös geregelten Tagesablaufs werden Sekunden zu Stunden, Tage zu Wochen. Zwei Jahre vergehen, ohne dass Kaiser Xianfeng sie zu sich ruft. Aus dem Märchen ist ein Alptraum geworden. Ein Leben, eingesperrt in einen Käfig aus purpurnen Mauern und goldgelben Dächern.

Hilfe vom Eunuchen

Eunuch An-Te Hai (Spielszene) Quelle: ZDF

Mit einem Gesuch des Eunuchen An-Te Hai sollte sich dies ändern. Der Eunuch will Yehe Nara zum Glück verhelfen und die Konkubine dem Kaiser schmackhaft machen. Doch mit dem Anliegen bricht An-Te Hai die eisernen Regeln der Hofetikette. Yehe Nara müsste ihren ersten Diener eigentlich bestrafen. Andererseits kann sie auf der Suche nach Verbündeten bei Hofe nicht wählerisch sein.



Nur Eunuchen wie An-Te Hai haben zum inneren Bezirk des Palastes Zutritt. Daher gehören etliche Kastraten zu den einflussreichsten Personen in der Palasthierarchie. Der mächtigste unter ihnen ist der Obereunuch. Eines seiner Privilegien besteht darin, dem Kaiser jeden Tag Jadetafeln mit den eingravierten Namen seiner Frauen vorzulegen. Der Sohn des Himmels erwählt dann diejenige, mit der er am Abend das Bett teilen will.

Raffinierter Schachzug

Mithilfe ihres umtriebigen Dieners An-Te Hai bittet Yehe Nara den Obereunuchen zu einer Audienz. Yehe Naras raffinierter Schachzug zahlt sich aus. Tatsächlich wählt der Kaiser sie, um mit ihr die Nacht zu verbringen. Einen ganzen Tag lang wird sie darauf vorbereitet. Enthaart, gebadet und nur in eine seidene Decke gehüllt, wird sie nach Einbruch der Dunkelheit in die Gemächer des Kaisers gebracht.

Yehe Nara wird gebadet (Spielszene) Quelle: ZDF

Der Liebesakt mit Konkubinen dient nach dem Ritus der Lehre von Yin und Yang jedoch nicht der Zeugung eines Thronfolgers. Vielmehr soll sich der Herrscher zurückhalten, um bei der Vereinigung des weiblichen Yin und männlichen Yang seine Kraft zu stärken. Eine Schwangerschaft soll der Kaiserin vorbehalten bleiben. So jedenfalls die Theorie. In jedem Fall bleiben die Eunuchen im Raum, um das Geschehen später minutiös zu protokollieren.

Yeha Nara am Ziel

Nach den Regeln des Rituals schläft Yehe Nara nach dem Liebesakt allein - auf der Seite liegend. Denn nur dem Kaiser ist es gestattet, sein Gesicht dem Himmel zuzuwenden. Was immer jedoch in dieser Nacht geschehen ist, Yehe Nara hat ihr Ziel erreicht. Weitere drei Monate lang bleibt sie Nacht für Nacht die Gefährtin des Kaisers.

Yehe Nara mit ihrem Sohn (Spielszene) Quelle: ZDF

Das Schicksal meint es gut mit der jungen Konkubine: Am 27. April 1856 bringt Yehe Nara einen Sohn zur Welt. Als Mutter des Thronerben ist sie nach der Kaiserin nun die ranghöchste Frau im Reich. Doch ihr Aufstieg hat seinen Preis. Ihren Sohn wird sie kaum zu Gesicht bekommen, denn seine Erziehung liegt in den Händen der Kaiserin und der Hofeunuchen. Der Thronerbe hat schon als Säugling gottgleichen Status. Er sichert den Fortbestand der Dynastie.

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