Die Vollendung des "steinernen Drachens"

4000 Kilometer erfordern gigantischen Ressourceneinsatz

Nach Altan Khans Rückzug eröffneten die Chinesen zwei Handelsplätze für die Nomaden. Doch nur zwei Jahre später wurden diese Märkte wieder geschlossen. Der Beamte, der für die Öffnung der Märkte verantwortlich war, wurde hingerichtet. Gleichzeitig begann der Bau der großartigsten aller Festungsanlagen, die China und die Welt je gesehen hatten.

Baustelle an der Mauer

Zwischen 1555 und 1644 entstand der "steinerne Drache", Chinas "Große Mauer" wurde vollendet. Mit der Mauer erschufen sich die Ming-Kaiser ein Monument ihrer hermetischen Weltsicht. Sie schloss das eigene Universum ein und grenzte alles Fremde aus. Im Norden Pekings klettert sie über 1200 Meter hohe Gipfel. Sie stürzt in unzugängliche Schluchten und Täler, sie durchschneidet Flüsse und Seen. In Shanhaiguan, dem östlichsten Punkt, ragt sie schließlich bis ins Chinesische Meer. Vom sogenannten "Drachenkopf" bis zum ersten Lehmturm im Westen beträgt die Länge der Ming-Mauer mehr als 4000 Kilometer.

Schnelligkeit, Effizienz und Qualität

Wegen des teilweise absurden Verlaufs der Mauer vermuten Wissenschaftler, dass bei der Planung nicht nur militärische Gesichtspunkte eine Rolle spielten. Feng Shui-Gelehrte hatten wohl ein gewichtiges Wort mitzureden, um die Kraft der Natur für das Bauwerk zu nutzen. Bei den Bauarbeiten selbst traten spirituelle Aspekte jedoch eher in den Hintergrund. Hier ging es um Schnelligkeit, Effizienz und Qualität. In jedem Bautrupp sorgt ein Kommandant der Armee für die Einhaltung des Zeitplans - notfalls mit Gewalt. Die Massen der Arbeiter wurden aus der Armee oder zwangsweise aus der Zivilbevölkerung rekrutiert.

Die Schnelligkeit, mit der das gigantische Unternehmen vorangetrieben wurde, strapazierte nicht nur die Menschen, sondern auch das Material über Gebühr. Die Opfer des Mauerbaus blieben namenlos. Überliefert ist, dass ein zwei Kilometer langer Abschnitt von 3000 Arbeitern in nur 600 Tagen fertig gestellt wurde. Nutzte man beim Bau der Mauern aus Stampflehm noch Material, das vor Ort zur Verfügung stand, musste der Baustoff der steinernen Ming-Mauer erst hergestellt werden. Hierfür wurde ein ausgedehntes Netzwerk aus Steinbrüchen, Brennöfen und Transportwegen geschaffen.

Ziegen tragen große Ziegel zur Baustelle

Etwa 90 Jahre Bauzeit

Bei den Zulieferern waren Facharbeiter gefragt, deren Bezahlung die Staatskasse zunehmend belastete. Träger schafften die Ziegel von den Brennereien zur Baustelle im Gebirge - in einigen Fällen über eine Distanz von 80 Kilometern. Dann wurden die schweren Lasten auf Tiere umgeladen. Neben Eseln kamen auch Ziegen zum Einsatz. So sehr gewöhnten sich die Tiere an die Routine, dass sie von allein zurück ins Tal gingen, um erneut beladen zu werden. Nach nur etwa 90 Jahren Bauzeit stand die gewaltigste Verteidigungsanlage, die je von Menschenhand geschaffen wurde.

Doch die "Große Mauer" bildet keine fortlaufende Linie, sie ist ein System von mehreren Verteidigungsringen. Der Hauptmauerlinie vorgelagert stehen Wachtürme. Deren Besatzungen schlugen mit Feuerzeichen Alarm, wenn sich der Feind näherte. Auf der Mauer selbst ragen alle 200 Meter weitere Türme auf, in denen 50 bis 100 Mann stationiert sind. Über die breite Mauerkrone konnten sie blitzschnell zum gefährdeten Abschnitt ausrücken. Verstärkung kam aus den Garnisonstürmen, in denen bis zu 10.000 Soldaten in Bereitschaft stehen. So jedenfalls die Theorie. Die Realität sah wohl anders aus. Um die Disziplin unter den Soldaten, die monatelang von der Außenwelt abgeschnitten in den Türmen Dienst taten, war es schlecht bestellt.

Kurioser Mauerverlauf

Am Rande des Ruins

Der Mauerbau hatte das Ming-Imperium an den Rand des Ruins getrieben. Die halb aus Söldnern, halb aus Wehrpflichtigen bestehende Truppe erhielt keinen Sold mehr, von Ausrüstung mit wetterfester Kleidung keine Rede, Verpflegung existierte nur auf dem Papier. Und das, obwohl die Steuern im Reich ständig erhöht wurden. Doch die Gelder verschwanden auf dem Weg zur Grenze fast vollständig in den Taschen korrupter Offiziere und Beamte.

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