Die Wahrheit über das Meeresungeheuer

Was ist dran an den Legenden vom Riesenkalmar?

Es sind nicht nur furchtsame Seeleute, die seit der Antike die düstere Mär des alles verschlingenden Meeresungeheuers verbreiten. Auch das 2000 Jahre alte naturwissenschaftliche Standardwerk eines Römers weiß von einem Polypen zu berichten, der Schiffbrüchige umklammert und mit sich in die Tiefe zieht. Was haben die Geschichten von damals mit dem heutigen Wissen von Architeuthis gemein?

Groß wie ein Fass sei sein Kopf gewesen und mit Armen, stark wie Keulen, habe er um sich geschlagen. Rund 700 Pfund soll das Tier gewogen und übel gestunken haben. In der 37-bändigen "Naturalis Historia" aus dem 1 Jahrhundert nach Christus berichtet Cajus Plinius Secundus über nächtliche Raubzüge des Ungeheuers, das offene Fischbehälter der Seeleute an Land plündert und auf offener See Ertrinkende in den Tod reißt. Viel Neues kommt in den nächsten 1500 Jahren nicht dazu.

Erst ab dem 16. Jahrhundert tauchen neue Beschreibungen des Seeungeheuers auf, ob als unheimlicher Fisch mit riesigen Augen und langen Hörnern, als vielköpfiges Schlangenungetüm oder Kraken von zwei Kilometern Länge. In den alten Chroniken und naturwissenschaftlichen Werken werden Seefahrergeschichten und Beobachtungen notiert, die oft mehrere Münder und Ohren passiert haben, bevor sie niedergeschrieben werden. Kein Wunder, dass manches Phantastische hinzugedichtet wird; doch lassen sich im Kern auch Eigenschaften eines Tintenfisches und vielleicht sogar von Architeuthis herauslesen.

Erforschung beginnt im 19. Jahrhundert

Toter Riesenkalmar über dem Kleiderständer
Gestrandeter Kadaver, der 1873 beim Amateurforscher Harvey landete.

Dem Reich der Fabeln endgültig enthoben wird der Riesenkalmar, als er von Japetus Steenstrup seinen wissenschaftlichen Namen erhält: Architeuthis dux, "Der Erste unter den Kalmaren". Der dänische Naturforscher hat sich schon länger mit den alten Geschichten beschäftigt, als er 1853 dann den Schnabel eines Riesenkalmars untersuchen kann. Immer wieder gelangen nun Körperteile des Riesen in die Hände von Wissenschaftlern, die von angeschwemmten Kadavern oder Beifängen der Fischer stammen. Auch Walfänger berichteten regelmäßig von riesigen Tentakeln oder Hornschnäbeln, welche von verendenden Pottwalen ausgespuckt bzw. aus ihren Mägen geborgen werden.

Daneben sind es aber auch Begegnungen der unheimlichen Art, welche das schauerliche Image von Architeuthis weiter nähren. So wie die Geschichte aus Neufundland, wo drei Heringsfischer mit einem Ruderboot ein vermeintliches Wrackteil untersuchen wollen, das vor der Küste treibt. Doch plötzlich umschlingen riesige Arme das Boot und drohen, es mit sich in die Tiefe zu ziehen. Erst als der zwölfjährige Tom Piccot beherzt sein Beil zückt, verschwindet das Ungetüm - und die Wissenschaft erhält ein neues Untersuchungsobjekt: einen über sechs Meter langen Tentakel.

Riesenkalmar ergreift Seemann
Horrorszenario nach Jules Vernes "20.000 Meilen unter dem Meer"

Weniger Glück hate die Besatzung der Pearl, von deren Untergang am 4.7.1874 in der London Times berichtet wird. Der Schoner liegt in der Bucht von Bengalen in einer Flaute fest, als Matrosen ein walähnliches Wesen an der Meeresoberfläche ausmachen. Offenbar provoziert durch die Schüsse des Kapitäns, greift ein riesiger Kalmar den 150-Tonnen-Schoner an, klettert an Bord und bringt das Schiff schließlich zum Kentern. Der Kapitän und vier seiner Männer können sich auf ein Dampfschiff retten, dessen Crew das Unglück aus der Entfernung beobachtet hat.

Versehentlich an der Meeresoberfläche?

Manches klingt zu phantastisch, als dass man es aus heutiger Sicht glauben mag und nicht alles ist einwandfrei belegt. Die Frage aber bleibt: Warum sollte Architeuthis aus der Tiefsee an die Meeresoberfläche aufsteigen und warum auch noch ein Schiff angreifen? Der Greifswalder Meereszoologe und Tintenfischforscher Volker Miske sieht mehrere mögliche Gründe für Begegnungen von Menschen mit Riesenkalmaren an der Oberfläche. Zum einen kann der Aufstieg der Tiere mit ihrem energieeffizienten Auftriebssystem zusammenhängen. Die Tiefseekalmare haben in ihrem Gewebe Salmiak eingelagert, das ein geringeres spezifisches Gewicht als Meerwasser hat und sie so praktisch schwerelos im Wasser schweben lässt. Ist ein Exemplar nun alt oder krank, könnte das fein abgestimmte System durcheinander geraten und das Tier nach oben getrieben werden. Oder es gerät in eine starke vertikale Meeresströmung, die es wie im Fahrstuhl an die Oberfläche transportiert. Einen ähnlichen Effekt hätten auch aufsteigende Meeresströmungen.

Kopf eines lebenden Riesenkalmars in der Tiefsee
Treibt ihn Neugierde nach oben? Quelle: NHK/NEP/Discovery Channel

In anderen Fällen mögen sich die Kalmare verletzt aus dem Schlund eines Wals befreit haben, der seine Beute zwar in der Tiefe jagt, aber zum Atmen regelmäßig an die Oberfläche kommen muss. Und wer weiß, ob der wehrhafte Architeuthis nicht auch mal selbst zum Angriff übergeht, wenn er sich von einem Wal bedroht fühlt. Vielleicht erwischt er dabei auch mal ein Schiff, dessen Silhouette seinem Feind ähnelt. Volker Miske hält es für möglich, dass es auch heute noch Begegnungen zwischen einem Kalmar und einem Schiffsrumpf geben kann. Nur bieten die glatten Stahlwände für die bezahnten Saugnäpfe kaum Angriffsfläche, und wegen der Größe der Schiffe würde das an Bord wohl niemand mehr mitbekommen. Und noch etwas hält  der Kalmarforscher Miske für möglich: Es könnte schlicht Neugierde sein, die Architeuthis hin und wieder nach oben treibt.

Fliegende Humboldtkalmare auf dem Schiffsdeck

Kolosskalmar am Haken
Dicker Verwandter: Kolosskalmar Quelle: dpa

Einige der Berichte könnten auch auf die Verwandten von Architeuthis zurückgehen. So kann man ihn leicht mit dem wuchtigen Kolosskalmar verwechseln oder dem Riesenkraken, einem Oktopus, der bis zu sieben Meter Armspannweite erreichen kann und in flachen, küstennahen Meeresteilen lebt. Ebenso unter Verdacht: der Humboldkalmar, er wird zwar nur 2,5 Meter lang, kann sich aber meterweit aus dem Wasser katapultieren und zum Erschrecken der Seeleute auf einem Schiffsdeck landen.

Vieles bleibt auch heute noch Spekulation, und so werden wir alle warten müssen, bis das Phantom der Tiefsee mal wieder einem Kamerateam Audienz gewähren wird.

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