Die Weltvermesser

Geschichte einer abenteuerlichen Expedition

Welche Gestalt hat die Erde? Unter den Gelehrten des 18. Jahrhunderts entzündete sich an dieser Frage eine hitzige Debatte. Um ein für allemal zu klären, ob die Erde am Äquator oder an den Polen stärker gekrümmt ist, schickte man Expeditionsteams in zwei sehr unterschiedliche Regionen: nach Lappland und ins heutige Ecuador.

Bouguer und de la Condamine führen eine Peilung auf einem felsigen Berggipfel durch
Eine Vermessungsexpedition führte Wissenschaftler an die eigenen Grenzen. Quelle: ZDF

Der Gegenstand des Konflikts, der vor 300 Jahren europaweit eskalierte, erscheint nur auf den ersten Blick banal: Eine Zitrone sollte sich gegen eine Grapefruit behaupten. Konkret geht es jedoch um nichts Geringeres als die wahre Gestalt der Erde.

England gegen Frankreich

Ausgelöst wurde der Streit von französischen Kartografen. Bei ihren Vermessungen in Frankreich hatten sie überraschend festgestellt, dass die Abstände zwischen zwei Breitengraden unterschiedlich groß waren, und folgerten daraus, dass die Erde die Gestalt einer Zitrone haben müsse: an den Polen stärker gekrümmt als am Äquator. Berechnungen, die der berühmteste Wissenschaftler seiner Zeit, Sir Isaac Newton, in England anstellte, hatten jedoch das Gegenteil ergeben: Die Erde müsse einer dicken Grapefruit gleichen. Diese Form leitete er aus seiner Gravitationstheorie ab. Denn die Fliehkraft der Erdrotation erzeuge am Äquator einen Bauch.

Zitrone und Grapefruit als Symbole für den Streit um die Gestalt der Erde (Trick)
Welche Gestalt hat die Erde: Grapefruit oder Zitrone? Quelle: ZDF

Das Thema wurde zu einer Frage der nationalen Ehre. Die Französische Akademie der Wissenschaften beschloss, die Gestalt der Erde durch genaues Nachmessen zu klären, und zwar diesmal nicht in Frankreich, sondern direkt an den extremen Positionen der Erdkugel: am Nordpol und am Äquator. Wenn die Krümmung am Äquator stärker war, dann musste der Abstand zwischen zwei Breitengraden zunehmen, je weiter nördlich man maß. War die Krümmung am Nordpol stärker, so musste sich der Abstand der Breitengrade Richtung Norden verringern.

Aufbruch ins Abenteuer

1736 brachen die ersten französischen Kartografen nach Lappland zum Polarkreis auf. Für die Vermessungen am Äquator wählte man das heutige Ecuador, das damals zum kolonialen spanischen Vizekönigreich Peru gehörte. Dank der guten Infrastruktur der Spanier schien das Vorhaben machbar. Die erste wissenschaftliche Großexpedition der Welt sollte aber zugleich eine der chaotischsten aller Zeiten werden. Nach langer Suche fand die Akademie drei Freiwillige: Louis Godin, der mit 31 Jahren jüngste und unerfahrenste Teilnehmer, wurde sehr zum Missfallen seiner Kollegen mit der Leitung betraut. Pierre Bouguer, ein genialer Mathematiker, sollte die theoretischen Berechnungen durchführen. Und Charles Marie de la Condamine, Offizier und Forschungsreisender, war der "Praktiker" im Team.

Schon während der Überfahrt kam es zu Spannungen bezüglich der Frage, wo genau gemessen werden solle. Bouguer wollte an der Küste messen, doch hier gab es kaum Orientierungspunkte. Der Expeditionsleiter Godin wollte die weite Sicht auf Berggipfeln nutzen und setzt sich durch. Nur ahnte keiner der Teilnehmer, welche Berge sie erwarteten. Mit 4800 Meter stiegen sie weiter hinauf als jeder Europäer vor ihnen - und kämpften mit der bis dahin unbekannten Höhenkrankheit. Häufiger Nebel in den Bergen machte Peilungen fast unmöglich. Auch das feuchtheiße Klima des an die Berge grenzenden Regenwaldes bereitete Probleme. Mehrfach erkrankten die Männer an hohem Fieber.

Neun Jahre Messungen

Die Expedition drohte an den extremen Bedingungen zu scheitern. Zwei Jahre waren die Forscher unterwegs, bis sie ihre erste Peilung schafften. Doch über hundert weitere lagen noch vor ihnen. Insgesamt sollten sie eine Strecke von mehr als 340 Kilometern vermessen, was ungefähr drei Grad des Erdumfangs entsprach.

Karte mit Peillinie über Berggipfel und Regenwald (Montage)
Messungen über mehr als 340 Kilometer von Gipfel zu Gipfel Quelle: ZDF

Aus den geplanten drei Jahren für die Reise wurden neun. Am Ende waren die drei Wissenschaftler völlig zerstritten, doch im Fazit waren sie sich einig: In Ecuador ist die Erdkrümmung stärker als in Lappland. Newton hatte recht: Die Erde ähnelt einer Grapefruit. Auch die Ergebnisse der Lappland-Expedition, die sieben Jahre früher zurückgekehrt war, lagen inzwischen vor und bestätigten dies. Der Durchmesser am Äquator ist 21 Kilometer größer als die Strecke zwischen den Polen. Doch aus dem All betrachtet würde niemandem der Unterschied auffallen.

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