Die Wracks von Natiére

Seit jeher führt eine der wichtigsten Schifffahrtsrouten von Saint-Malo vorbei an Felsen, die nur manchmal aus dem Wasser ragen. Die Riffe am Eingang der Fahrrinne machten die Hafenstadt zum idealen Schlupfwinkel der Korsaren.

Tückische Stellen

Dank des unkalkulierbaren Nadelöhrs war Saint-Malo vom Meer aus uneinnehmbar, weshalb die Engländer ihr den Spitznamen "Wespennest" gaben: Sie sahen die Korsarenschiffe hineinfahren, konnten ihnen aber nicht gefahrlos folgen. Nur die Malouiner Kapitäne kannten die tückischen Stellen und wagten das riskante Manöver. Doch welche beiden Schiffe haben Saint-Malo nie erreicht? Und wann genau versanken sie im Meer? Für das ältere Wrack finden sich in den Archiven zwei mögliche Schiffe: die "Saint Esprit", die 1693 sank, und ein Jahr zuvor die "Soleil". Für das jüngere Wrack gibt es lediglich einen Kandidaten: In den 40er Jahren des 18. Jahrhunderts verunglückte vor Saint-Malo nur die "Sainte Famille".

Blöcke aus Gusseisen

Das Team um Elisabeth Veyrat und Michel L'Hour bricht zu einer weiteren Grabungsetappe auf. Bei einem Tauchgang im Winter zuvor ist ihnen im westlichen Teil etwas aufgefallen: eine riesige, verhärtete Masse aus Metallstäben, die sie bislang für Ballast gehalten haben. Die Metallstäbe liegen neben dem üblichen Ballast aus Stein. Waren sie Teil der Ladung? Mühsam versuchen die Taucher mit ihren Werkzeugen, die Stahlstücke voneinander zu trennen. Ungefähr tausend Blöcke aus Gusseisen, die gesamte Masse muss etwa 30 bis 40 Tonnen schwer sein. So vorsichtig wie die Aufgabe es zulässt, werden 30 Metallblöcke abgetrennt. Jeder von ihnen ist fast einen Meter lang und wiegt 50 Kilogramm. Einige Blöcke sind zerbrochen, andere tragen Markierungen. Durch die Jahrhunderte am Meeresboden sind sie jedoch unleserlich geworden.

Ein erster schriftlicher Hinweis

Die Forscher sammeln die Fundstücke und registrieren sie. Zum ersten Mal ein schriftlicher Hinweis: ein Block trägt den Aufdruck "Step'n Onion". Wenig später entdecken die Archäologen die Jahreszahl 1746. Zehn Jahre, nachdem laut dendrochronologischem Gutachten das Holz für das westliche Wrack geschlagen wurde. Ein weiterer Block trägt die Aufschrift "Potuxent", wieder ein anderer das Datum 1747. Auf Grund der entdeckten Jahreszahlen scheidet der einzige Kandidat, die "Sainte Famille", aus. Vor den Festungsmauern von Saint-Malo ist also womöglich um 1750 eine große Malouiner Fregatte gesunken, ohne dass jemand davon weiß. Die Riffe entlang der Fahrrinne in die Korsarenstadt haben offenbar mehr Opfer gefordert, als bisher geglaubt.

Rätsel um die Wracks gelöst

Michel L'Hour und Elisabeth Veyrat suchen erneut in den Archiven, vergleichen die Daten, wochenlang. Dann liefern die Schiffsregister doch noch überzeugende Hinweise. Für den 15. Dezember 1692 finden die Forscher einen Vermerk: Pierre Gris, Kapitän der Fregatte "Saint Esprit", erklärt, dass sein mit 26 Kanonen bewaffnetes Kaperschiff am frühen Nachmittag des Vortages auf einen Felsen vor Saint-Malo aufgelaufen und auseinander gebrochen ist. Dann stoßen Veyrat und L'Hour auf einen zweiten Eintrag. Er passt zu dem jüngeren Wrack. Am 23. April 1750 meldet Kapitän Jean-Pierre Lamer den Untergang der "Aimable Grenot". Er beschreibt, wie sein Schiff auf den Felsen auflief und nach Steuerbord kippte. Die komplette Ladung sei ins Meer gerutscht und unmöglich noch zu bergen. Nach mehreren Jahren detektivischer Arbeit konnte das Rätsel um die schwer bewaffneten Wracks von Natiére doch noch gelöst werden.

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