Die Zukunft als Chance

ZDF-Kultur- und Wissenschaftschef Peter Arens über die Doku-Reihe 2057

Ob sich vor 50 Jahren jemand vorstellen konnte, dass wir eines Tages mit einem Telefon von jedem Winkel der Erde drahtlos jeden Menschen würden erreichen können? Dass ein Satellit aus dem All brillante Bilder von jedem Ort der Erde schießen könnte? Ein Querschnittsgelähmter mit einem Computerchip im Kopf eine maschinelle Hand bewegen könnte? Eher nicht.

Computeranimation Stadt von Morgen Quelle: ,ZDF

Natürlich kann auch heute niemand genau voraussagen, wie unsere Welt in 50 Jahren aussehen wird. Dennoch ist die Zukunftsforschung so umtriebig wie nie zuvor und es gibt seriöse Szenarien von Wissenschaftlern, die schlüssige Modelle für unsere Zukunft bereithalten. An dieses faszinierende Früherkennungssystem hat sich unsere neue Reihe "2057 - Unser Leben in der Zukunft" angedockt. Wir haben die neue Welt, wie sie in den Laboren entsteht, recherchiert und in plastische Zukunftsbilder umgewandelt.

Weise und verrrückte Szenarien

Unsere Kultur hat in Literatur und Film immer schon ebenso weise wie verrückte Zukunftsszenarien entwickelt, die in ihrer erzählerischen und visuellen Suggestivität den Betrachter stets zu beeindrucken wussten, ihn aber auch erschreckten. Die diesbezüglichen Ikonen, George Orwells "1984" oder Ridley Scotts "Blade Runner", erhielten den Beifall des Publikums, haben mit ihrer Prognose des Verlusts menschlicher Freiheit und Würde allerdings ein pessimistisches Zukunftsbild gezeichnet.

Aus diesem Grund darf der Dokureihe "2057 - Unser Leben in der Zukunft" durchaus ein gewisser Mut attestiert werden, unternimmt sie doch den Versuch einer Neubewertung der Zukunft, indem wir sie als Chance begreifen. Als eine Zeit, die wir bei vollem Bewusstsein und voller Urteilskraft erleben sollten, die uns zugleich anspornt und fordert. Man muss ihr den Schrecken nehmen, wie ihn der Altersforscher James Vaupel in der Zukunftsskepsis der Deutschen beobachtet hat: "There is too much Angst in Germany".

Technische Lebensbedingungen

Nach allen Vorhersagen müssen wir uns darauf einstellen, dass sich unsere Umgebung so radikal verändern wird wie niemals zuvor in der Kulturgeschichte. Die kleinen Teile - all die Atome, Bits, Neuronen und Gene - werden unser Leben auf den Kopf stellen. "2057 - Unser Leben in der Zukunft" versteht sich als eine Wissenschaftsdokumentation. Sie folgt nicht in erster Linie politischen Fragestellungen, sondern erkundet unsere technischen Lebensbedingungen: Wird es fliegende Autos geben, Roboter im Operationssaal, Fahrstühle ins All? Wird die Sonnenergie in 50 Jahren das Ölzeitalter abgelöst haben? Hierüber lassen sich vermutlich verlässlichere Aussagen treffen als über die Frage, inwieweit Religionskriege unsere Gesellschaften verändern oder wie wir das Armutsproblem der Dritten Welt in den Griff bekommen.

Natürlich klingen politische und ethische Problemfelder an, wenn in "2057" hochmoderne allwissende Überwachungssysteme in Großstädten vorgestellt werden. 20 Prozent aller Überwachungskameras weltweit beobachten die Bürger Großbritanniens, denen die ausgeprägte Neugierde von oben bisher wenig auszumachen scheint. Andere gespenstische, aber auch lebenserhaltende Entwicklungen sind in der Biotechnik zu beobachten. Über das Klonen wird die Gesellschaft befinden müssen, jeder Einzelne. Wir halten unser Schicksal selbst in der Hand.

"Intelligente Systeme" im Fokus

Uns interessierte insbesondere das Konzept der "intelligenten Systeme" - es wurde im Verlauf der Produktion zum Schlüsselbegriff. Intelligente Jacken prüfen stündlich die Körperdaten der Menschen und leiten sie weiter an die Krankenversicherung. Das intelligente Haus ist voll gestopft mit Steuerungssystemen und bestellt selbständig das Abendessen. Intelligente Autos fahren von alleine, während wir Zeitung lesen. Die Humanisten mögen sich vor den automatischen, intelligenten Dingen gruseln, die Technikfreaks jubeln ob ihrer Verheißungen.

Antworten erst übermorgen

Die einen denken an Heinrich Bölls zwiespältiges Bild von der "Fürsorglichen Belagerung" - an allgegenwärtige Fürsorge- und Kontrollsysteme, die es erschreckend gut mit uns meinen. Die anderen träumen von lebensverlängernden Instrumenten, wie sie im Schutz einer allmächtigen Krankenversicherung möglich sind. "2057" zeigt, wie die intelligenten Systeme aussehen und wie man sie sich im konkreten Alltag vorstellen kann.


Wer das Unvorstellbare behauptet, sollte manchmal besonders ernst genommen werden. Die Antworten, die "2057" anbietet, werden erst übermorgen zu überprüfen sein. Wenn sie bereits jetzt zum Nachdenken anregen, haben wir unser Ziel schon erreicht.

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