Die Zukunft hat begonnen

Erfahrungen und Erkenntnisse einer aufregenden Recherche

Bevor wir überhaupt die ersten Recherchengespräche mit den infrage kommenden Spitzenwissenschaftlern führten, hatten wir uns bereits auf eine ernüchternde Reaktion innerlich eingestellt: Natürlich verschwende ein seriöser Forscher und Ingenieur keinen Gedanken an eine solch entlegene Zukunft. Doch wir hatten uns getäuscht.

Der Mut der Wissenschaftler, klare Aussagen zu den Entwicklungen der nächsten Jahrzehnte zu treffen, hat uns überrascht. Nicht etwa, weil sie sich zu Prophezeiungen berufen fühlten oder weil sie Freude an der Spielerei hätten, sondern weil viele von ihnen den Fortschritt als Verantwortung empfinden.

Offene Türen bei Forschern

Den meisten liegt wenig daran, mit dieser Verantwortung im Elfenbeinturm der Wissenschaft für sich zu bleiben. Der Chef der Fraunhofer-Gesellschaft, Prof. Dr. Hans-Jörg Bullinger, brachte es auf dem Punkt: "Wir brauchen eine Vorstellung davon, wie unsere Zukunft aussieht. Denn nur dann können wir überlegen, was wir wollen - und was nicht." Zu unserer großen Überraschung rannten wir also mit unserem Filmprojekt offene Türen ein.

ESA, NASA und DLR, Fraunhofer-Gesellschaft und Max-Planck-Institute, weltweit agierende Lebensmittelkonzerne und Autoentwickler, zahlreiche Universitäten und Forschungsinstitute haben das Filmprojekt "2057" über Jahre begleitet. Über 500 Forscher erläuterten uns mit Begeisterung und Geduld ihre Studien, haben uns an ihren Erfolgen und Träumen, aber auch an ihren Rückschlägen und Bedenken teilhaben lassen.

Detaillierte Zukunftsszenarien

Dutzende von Wissenschaftler wie der Physiker Prof. Dr. Michio Kaku von der Universität New York, der Ingenieur Stefan Ritter vom Bonner Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik, Prof. Dr. Volkmar Falk vom Herzzentrum Leipzig und Dr. Claus Habfast von der ESA waren bereit, mit uns über Monate hinweg die weltweit wichtigsten technischen Entwicklungen zu diskutieren, die unser Leben verändern könnten. Ingenieure und Ärzte, Biologen und Physiker, Informatiker und Experten für Technikfolgen-Abschätzung entwarfen gemeinsam mit uns detaillierte Zukunftsszenarien. Mosaikartig setzte sich so allmählich ein Bild des Jahres 2057 zusammen.

Der Weg zu den fertigen Drehbüchern war gesät mit Überraschungen. So manch überlieferte und heiß geliebte Sciencefiction-Vision mussten wir aufgeben. Nein, sagten uns selbst die optimistischsten Forscher, wir werden in 50 Jahren unsere Erinnerungen nicht auf einem Computer abspeichern können. Nein, Roboter werden uns bis Mitte dieses Jahrhunderts mit Sicherheit nicht überlegen sein, und Städte auf dem Mond wird es mit größter Wahrscheinlichkeit nicht geben. Andere, für uns mindestens ebenso kühne Pläne, hatten in den Laboren dagegen längst erste Gestalt angenommen.

Für Wissenschaftler längst Alltag

Für viele Physiker ist die phantastische Vorstellung von einem Aufzug ins All alles andere als eine Utopie, sondern höchstens eine technische Herausforderung, die es Stück für Stück zu meistern gilt. Organe auf Bestellung sind für Ärzte und Biologen kein unerreichbareres Szenario mehr. Was uns bei den Dreharbeiten die Sprache verschlug, war für die Wissenschaftler längst Alltag geworden: Herzklappen, entwickelt aus menschlichen Zellen, lebendes Gewebe, gedruckt mit einem gewöhnlichen Tintenstrahldrucker.

Für Tausende von Wissenschaftlern hat die Zukunft längst begonnen. Ihre Erfindungen mögen in den Kinderschuhen stecken, doch beharrlich bringen sie ihnen das Laufen bei. Oft arbeiten sie zu ihrem Kummer nahezu unbemerkt von der Öffentlichkeit - und das nicht etwa, weil ihre Forschungen oder Entdeckungen streng geheim wären, sondern weil sie einfach zu kompliziert sind. Oder unsichtbar.

Unsichtbares sichtbar machen

Was kann das Fernsehen schon zeigen, wenn der Baustoff der Zukunft kein Stahl und kein Beton mehr ist, sondern aus Milliarden von Kohlenstoff-Atomen oder Nano-Kristallen besteht, von denen 40 Millionen auf die Spitze einer Nadel passen? Dutzende von Forschungsteams haben unseren Dreharbeiten deshalb viel Zeit gewidmet, um Unsichtbares sichtbar und verständlich zu machen. Mit Highspeed-Kameras, Mikroskopen, die hundertmillionenfach vergrößern - oder mit dem Mut zu ganz einfachen Vergleichen.

Wir wissen bis heute nicht, wie die Physiker der Universität Utrecht ihren Kollegen erklärt haben, warum sie im Flur des Instituts 200 orangefarbene Tennisbälle mit Skalpellen säuberlich rasiert haben. Uns haben sie damit jedenfalls sehr anschaulich die Form und Anordnung von Halbleiter-Kristallen in neuen Solarzellen demonstriert. Die Angst, dass heutige Prognosen morgen schon überholt sein könnten, nahm uns der renommierte Herzchirurg Prof. Dr. Volkmar Falk von den Unikliniken in Leipzig. "Dann machen Sie doch Fehler", sagte er in seiner direkten Art. "Lasst die Leute streiten. Aber lasst uns Wissenschaftler mit der Zukunft nicht allein.

Wir verdanken den Forschern aufregende Einblicke und Offenbarungen, vor allem aber einen aufmerksamen Blick für die Welt von morgen.

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