Die Zukunft von gestern

Von Fehlprognosen und utopischen Dauerbrennern

"Vorhersagen sind schwierig, vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen", wusste schon Mark Twain. Das Leid der Prognostiker ist jedoch auch die Freud der Nachwelt, die es besser weiß. Vieles, was heute Alltag ist, wurde richtig prognostiziert, aber auch viele Vorstellungen, die die Menschen vor 50 Jahren und mehr über die Zukunft hegten, gingen völlig daneben. Einiges, wie das fliegende Auto oder die Kernfusion, scheinen hingegen nicht totzukriegen zu sein. Und manches, wie das Internet, wurde von niemandem vorhergesehen.

Generell gilt jedoch für alle Prognosen eine Unschärferelation: Je genauer sie versuchen, Zeit und Art einer Entwicklung vorherzusagen, desto gewaltiger liegen sie schief. Oder anders gesagt: "Nenne Zahlen oder nenne einen Zeitpunkt. Aber um Himmels Willen nie beides gleichzeitig." Mehr oder weniger schräg durch die Wahrscheinlichkeit geschossen, weichen Prognosen dabei umso stärker von der Realität ab, je weiter sie in die Zukunft reichen. Dabei verschwimmen zuweilen die Grenzen zwischen Utopie und Prognose, zwischen Wunsch und Wahrscheinlichkeit.

Heimat im All

"Next Stop Mars", hieß es schon in den 1960er Jahren. Wer kennt sie nicht, die Wissenschaftssendungen, in denen Wernher von Braun, Jesco von Puttkamer und andere NASA-Größen auftraten und dem Publikum Modelle von Raumschiffen und Raumstationen präsentierten. Schon 1975 wollte man den Mond besiedelt und eine ständige Raumstation in der Erdumlaufbahn haben. In den 1980er Jahren sollte der Mars bewohnbar werden und um das Jahr 2000 wollte man den Vorstoß zu den äußeren Planeten Jupiter, Saturn und Uranus wagen - bemannt wohlgemerkt.

Mars Exploration Quelle: NASA


"Utopische" Romane heißen seitdem Science-Fiction und blieben dies auch. Alle Träume von der Eroberung des Weltalls scheiterten an der ökonomischen und politischen Realität. Der Öffentlichkeit wurde bald nach der Mondlandungs-Euphorie klar: Im Weltall war außer einer Erkältung einfach nichts zu holen. Auch das kommerzielle Interesse war deshalb gleich null. Und was an Ressourcen übrigblieb, verschlang danach der Kalte Krieg. Die Zukunft im All, an die wir alle geglaubt haben, blieb Wunschdenken.

Strahlende Zukunft

Was die Zukunft der Kernenergie anging, lagen die meisten Prognostiker zum Glück falsch. In den 1950er Jahren herrschten in Sachen Atomkraft Einigkeit und blanke Technikbegeisterung. Nicht lange, so dachte man, und jeder werde die Atomkraft auch zu Hause nutzen. Schon 1953 verkündete US-Präsident Dwight D. Eisenhower sein Programm "Atoms for Peace". Und der Philosoph Karl Jaspers befand 1958 in seiner Schrift "Die Atombombe und die Zukunft des Menschen": "Die Chance ist ungeheuer: Während die Atombombe verschwindet, würde die Atomenergie ein neues Zeitalter der Arbeit und Wirtschaft herbeiführen, ... wenn das Atom nicht die Vernichtung bringt, stellt es das gesamte Dasein auf neuen Grund."

Atom-Lokomotive Quelle: Hobby 06/57


Da wollte natürlich auch die Politik in Deutschland nicht zurückstehen. So beschloss die SPD 1956 einen "Atomplan", der "der Atomenergie große Möglichkeiten für die Gesundheitspflege, für die Züchtung neuer Pflanzen und für technische Produktionsprozesse" zuschreibt und "Kernkraftmaschinen für feste und fahrbare Kraftstationen, für Schiffe, Flugzeuge und andere Verkehrsmittel" verheißt. Schon ein Jahr zuvor war die Zeitschrift Hobby überzeugt: "Alle Probleme, die einer Verwendung von Atomkraft für kleinere Fahrzeuge heute noch im Wege stehen, hofft man, bis 1975 zu überwinden. Atomflugzeuge, Atomautos und Atomzüge, die man prognostizierte, wurden Gott sei Dank nie Realtität.

Das Ende ... fast

Eine Art Evergreen aller Prognostiker ist natürlich der Weltuntergang. Ob als Jüngstes Gericht oder als Kometeneinschlag maskiert, stets lungert das Ende der Welt am Erwartungshorizont herum. Hunderte von Prognostikern, Sehern, Propheten, Gnostikern, Spökenkiekern und Scharlatanen haben sich bis heute mit stets dem gleichen Erfolg daran versucht: mit gar keinem. Das einzige, was mit schöner Regelmäßigkeit unterging, waren die Prognosen.

Den Negativrekord in dieser Hinsicht halten vermutlich die Zeugen Jehovas. Schon für 1874 - vier Jahre nach Gründung der Sekte - prognostizierten sie den Weltuntergang. Als der nicht eintrat, postulierten sie 1900, dann 1914, 1925 und schließlich 1975 als Verfallsdatum der Erde. Als diese sich auch 1975 hartnäckig weigerte, den Zeugen Jehovas den Gefallen zu tun und unterzugehen, stellten sie offiziell die Prognostiziererei ein. Inoffiziell wurden danach aber das Jahr 2000 und - kleiner Rechenfehler - das Jahr 2001 als Termine für das jüngste Gericht angeboten. Es blieb bei diesem Gerücht.

Was niemand prognostizierte

Die meisten Prognosen aus der Zeit der 1950er Jahren spiegeln vor allem zweierlei wider: Technikbegeisterung und grenzenlosen, fast naiven Optimismus. Negative Entwicklungen wie Umweltverschmutzung, Überbevölkerung, Arbeitslosigkeit, Hunger, Armut, Terrorismus, Überwachungsstaat, Globalisierung oder Klimaveränderung waren kein Thema für die Prognosen zum Jahr 2000 und später.

Aber auch die wirklich umwälzenden Entwicklungen und Erfindungen der letzten 50 Jahre, nämlich Computer, Handy oder Internet wurden von keinem Futurologen vorausgesagt. Heute ubiquitäre Erscheinungen wie Blogs, Ebay, Fotosammlungen und Videos auf öffentlichen Servern, Wikipedia, Webcams, instant messaging oder auch SMS wären den Menschen von 1957 als völlig sinnlose Utopie vorgekommen.

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