Madagaskar - Jenseits von Afrika

Naturparadies mit vielen Facetten

Fremd, bunt, vielgestaltig, eine afrikanische Insel und doch in vielerlei Hinsicht ganz weit weg von Afrika: Madagaskar ist anders. Auf der viertgrößten Insel der Welt hat sich eine einmalige Natur entwickelt. Rote Savannenerde, aber auch tropische Wildnis, Reisterrassen und Gewürzplantagen prägen ihr Gesicht. Madagaskar ist Ursprung zahlreicher Mythen und Legenden und Heimat von Tieren und Pflanzen, die es nirgendwo sonst gibt. Doch die Vielfalt ist bedroht: Durch Abholzung schwinden die Waldflächen rapide.

Aus Sicht der Geologen ist Madagaskar eine alte Insel: Vor circa 165 Millionen Jahren begann sich das Land von Afrika zu trennen. Isoliert vom Rest der Welt entwickelten sich hier andere Tierarten als auf dem afrikanischen Kontinent. Ursprünglich von dichtem tropischen Regenwald bedeckt, ist Madagaskar heute zum größeren Teil Savanne, der Regenwald blieb nur in Randgebieten erhalten. Das ist den klimatischen Gegebenheiten auf der Insel zu verdanken: Die Ostküste ist von einer etwa 1000 Kilometer langen Bergkette geprägt. Die bis zu 2000 Meter hohen Berge bilden eine Barriere für die Wolken, die der Passatwind an die Küste treibt, und sorgen dafür, dass die Feuchtigkeit zu Niederschlag kondensiert. Der Regen lässt den Wald zwischen Küste und Gebirge üppig gedeihen und bietet Lebensraum für vielerlei teils vom Aussterben bedrohte Spezies.

Heimat der Lemuren

Eine besondere Gruppe von Tieren sind die Lemuren. Diese Primaten, die zu den Feuchtnasenaffen zählen, gibt es ausschließlich auf Madagaskar. Sie haben sich sehr vielgestaltig entwickelt und an die unterschiedlichsten Lebensräume angepasst. Benannt wurden die Lemuren nach den Geistern der Verstorbenen in der römischen Mythologie – eine Anspielung auf ihre häufig nachtaktive Lebensweise, die sich auch in ihren großen Augen und markanten Gesichtern zeigt. Etwa 100 Lemurenarten leben heute auf Madagaskar. Ihre gemeinsamen Vorfahren vermuten Forscher in Afrika. Aber wie kamen sie einst auf die Insel? Eine frühere Landverbindung scheidet als Erklärung aus. Madagaskar war zwar vor mehr als 150 Millionen Jahren noch Teil des gewaltigen Urkontinents Gondwana und mit Afrika verbunden. Aber die Kontinentaldrift trennte Madagaskar vom afrikanischen Kontinent, lange bevor sich die ersten Vorfahren der Lemuren entwickelt hatten. Um dem Rätsel auf die Spur zu kommen, führten Forscher genetische Untersuchungen durch. Das überraschende Ergebnis: Alle Lemuren Madagaskars lassen sich auf eine kleine Ur-Familie zurückführen, die vor etwa 50 Millionen Jahren die Insel eroberte. Damals war Madagaskar bereits von Afrika getrennt.

Wirbel und Strömungen in der Straße von Mosambik (Grafik)
Meeresströmungen in der Straße von Mosambik

Aber wie hätte die Urfamilie der Lemuren den 500 Kilometer langen Seeweg auf die Insel bewältigen können? Die Strömungen im Kanal von Mosambik sind alles andere als günstig. An der Küste Ostafrikas strömt das Wasser nach Süden, und unberechenbare Wirbel machen eine Überquerung so gut wie unmöglich. Doch zumindest einmal in der Geschichte der Lemuren muss es geglückt sein. Vielleicht klammerten sich die wasserscheuen Tiere an ein Stück Treibholz, ließen sich Hunderte Kilometer übers offene Meer treiben, bis schließlich das rettende Land erreicht war. Die Strömungen, die die Insel isolieren, verhinderten, dass noch häufiger Tiere strandeten. Die Schiffbrüchigen von damals, nach Meinung von Forschern nur wenige Tiere, sind der Ursprung  der heutigen Vielfalt.

Woher kamen die Madagassen?

Der Indri ist mit bis zu 90 Zentimetern Kopf-Rumpf-Länge der größte Lemur. Seine Rufe zählen zu den lautesten im Tierreich, sie sind bis zu drei Kilometer weit zu hören. Mit dem walartigen Gesang verständigen sich die Indris untereinander und stecken ihr Revier gegenüber anderen Tieren ab. Vielen Volksgruppen auf Madagaskar gilt er als „fady“, als tabu für die Jagd. Denn der Indri, dessen Anatomie an eine Menschengestalt erinnert, ist einer Legende nach der Bruder des Menschen. Zwei Brüder, so erzählt sie, lebten einst im Wald. Dann habe der eine den Wald verlassen und sei Reisbauer geworden. Reisfelder durchziehen die zentrale Hochebene – ein Landschaftsbild, wie man es sonst nur in Südostasien findet. Reis, das Grundnahrungsmittel der Madagassen, ist allerdings auf der Insel nicht heimisch. Die Reispflanze stammt aus einem anderen Teil der Welt.

Porträt einer jungen Madagassin
Eine genetische Studie untersuchte die Wurzeln der Madagassen.

Brachten die ersten Siedler der Insel die Kenntnis des Reisanbaus aus ihrer Heimat mit? Neueste Forschungsergebnisse bestätigen diese Vermutung. In gentechnischen Untersuchungen verglichen Forscher das Erbmaterial madagassischer und indonesischer Bevölkerungsgruppen. Ergebnis: Die Urbevölkerung Madagaskars lässt sich tatsächlich auf eine Siedlergruppe aus dem indonesischen Raum zurückführen, die vor knapp 1200 Jahren nach Madagaskar gelangte. Zu dieser Gruppe gehörten 30 Frauen, die als „Ur-Mütter“ der heutigen Bevölkerung gelten dürfen. Wie konnten die indonesischen Auswanderer die weite Reise bewältigen? Die Winde im Indischen Ozean sind wechselhaft. Wenn man sich ihnen überlässt, bestimmt die Jahreszeit die Richtung und das Ziel. Im Juli weht der Südostpassat Richtung Asien. Im Laufe des Jahres verschiebt sich das Windmuster in der Region, bis schließlich im Januar der Nordostpassat dominiert. Nachdem die Indonesier mehr als einen Monat unterwegs waren, bestimmte der Nordostpassat ihre Route. Der Zufall wollte es, dass sie, 7000 Kilometer von der Heimat entfernt, direkt auf die Küste Madagaskars zugetrieben wurden. Die Insel gehört damit zu einem der letzten Flecken auf der Welt, den Menschen besiedelten.

Die Zeit wird knapp

Netz mit Luftschläuchen schwebt über den Baumwipfeln
Das Floß - Spitzname "Brezel" - schwebt auf den Baumwipfeln.

Die ersten Siedler müssen sich wie im Paradies gefühlt haben. Besonders wertvoll war eine Nahrungsquelle, die sie gleich am Strand vorfanden: die Eier des Elefantenvogels, eines riesigen, flugunfähigen Vogels, der nach Vermutungen der Forscher vor etwa tausend Jahren, bald nach der Ankunft des Menschen, ausstarb. Bis heute erinnern Bruchstücke der Schalen an die drei Meter großen gefiederten Inselbewohner. So wie der Elefantenvogel sind viele Tiere Madagaskars bereits verschwunden. Dennoch gibt es keinen anderen Ort auf der Welt, an dem es noch so viele unbekannte Arten zu entdecken gibt.

Vor allem auf dem Blätterdach des Regenwaldes werden die Forscher fündig. Mit einer besonderen Konstruktion, einem „Forschungsfloß“ aus Luftschläuchen und Netzen, das in rund 40 Meter Höhe auf den Wipfeln schwebt, lässt sich die Baumkronenregion erkunden. Doch die Artensucher müssen sich beeilen: 80 Prozent der ursprünglichen Waldflächen sind schon durch Abholzung und Brandrodung verschwunden. Der Flächenfraß durch landwirtschaftliche Nutzung scheint unaufhaltsam. Dennoch finden Forscher bei fast jeder Expedition neue Arten. Niemand weiß, wie viele es hier noch zu entdecken gibt, bevor sie für immer verschwinden.

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