"Dokumente, die uns frösteln ließen"

Recherchebericht zu einem höchst brisanten Thema

Was der "Terra X"-Film "Mordakte Museum" aufdeckt, ist ein lange verheimlichtes Kapitel der Wissenschaftsgeschichte. Durch kriminelle Machenschaften wurden Schädel und Skelette für wissenschaftliche Untersuchungen beschafft. Sogar von Auftragsmord ist die Rede. Von den schwierigen Bedingungen bei der Recherche zu dem hochsensiblen Thema berichten die beiden Filmautoren Jens Monath und Heike Schmidt.

Untersuchung einer Feldpostkarte aus Afrika
Untersuchung einer Feldpostkarte aus Afrika

Eigentlich hätte es diesen Film nie geben sollen. Zumindest dann nicht, wenn es nach denen gegangen wäre, die im Besitz dessen sind, um das es geht: Knochen, Skelette, Schädel - gesammelt im 19. Jahrhundert. Denn dieser Film wirft Licht auf Vorgänge, die man umfassend als einen Cold Case der Museumsgeschichte beschreiben könnte. Wer von uns hat sich je Gedanken darüber gemacht, auf welchen Wegen diese Gebeine in Museen und Universitätssammlungen gelangten? Wer sie wo gesucht und gefunden hat? Und vor allem: Wie sie gesammelt wurden? Wir, ehrlich gesagt, nicht. Bis zu diesem einen Telefonat, mit dem alles anfing.

Entscheidender Hinweis

Schädel in Vitrine
Schädel in Vitrine

Eigentlich wollten wir in bester "Terra X"-Manier einen opulenten Film über Artenvielfalt und die Entwicklung neuer Technologien machen und recherchierten eifrig in diese Richtung. Evolutionsbiologen waren unsere täglichen Gesprächspartner, und einer von ihnen brachte uns dann auf die Spur: Ob wir schon einmal von Amalie Dietrich gehört hätten, einer Sammlerin des 19. Jahrhunderts, die bis heute unübertroffen sei in der Vielzahl der Pflanzen und Tiere, die sie unter anderem auch in Australien gesammelt und nach Hamburg geschickt hätte? Nein, hatten wir nicht.

Schlag auf Schlag

Schnell haben wir uns dann kundig gemacht. Schon 1908 schreibt ein australischer Historiker über einen schlimmen Verdacht gegen sie: Sie habe verschiedentlich weiße Farmer und Polizisten gebeten, einen Aborigine für sie zu töten, damit sie die Gebeine nach Deutschland schicken könne. Wir waren wie vor den Kopf gestoßen. Konnte das sein: Mord im Namen der Wissenschaft? Und das alles im Umfeld bekannter deutscher Wissenschaftler von damals?
Unsere Recherchen bekamen einen ganz neuen Dreh. Und einen neuen Impuls, als wir von einem Museumsmitarbeiter - der sofort seine Arbeit verlöre, würden wir hier seinen Namen nennen - einen Tipp bekamen: Am 3. November 2009, von 11 bis 16 Uhr, habe es im Beratungsraum im Ostpavillon des Ethnologischen Museums in Berlin eine inoffizielle, nur sehr ausgesuchten Museumsmitarbeitern zugängliche Veranstaltung gegeben mit dem Thema "Menschliche Überreste im Museum". Als wir dann noch die Teilnehmerliste in der Hand hielten, ging alles Schlag auf Schlag. Wir riefen die Teilnehmer nach und nach an und wurden nicht selten beschimpft, ultimativ aufgefordert, unseren Informanten preiszugeben, mit bösen Worten oder mittels hingeworfener Telefonhörer abgewiesen.

Zwischen den Museen gingen Mails herum, die vor den beiden Journalisten warnten, die unangenehme Fragen stellten. Was das Thema für die Museen heute so überaus heikel macht, sind Rückgabeforderungen von Seiten afrikanischer Völker und auch der Aborigines, die in diesem Bestreben von ihren jeweiligen Regierungen unterstützt werden. Vehement fordern sie die verschleppten Gebeine ihrer Ahnen zurück, um sie in geweihter Erde zu Hause begraben zu können. Eine Wissenschaftlerin, die an einem Buch über einen der bewiesenermaßen skrupellosen deutschen Sammler arbeitete (auch er in Australien), schrieb uns daher in einer Mail folgendes: "Es ist eine hoch sensible und heikle Thematik, die in die höchsten Diplomatenkreise gehört und dort mit viel Fingerspitzengefühl eher hinter den Kulissen behandelt werden sollte."

Schlimmste Schicksale

Ein Thema, das so heikel ist, dass es nicht von Journalisten bearbeitet werden darf? Und das im Zeitalter von WikiLeaks! Da musste in der Tat etwas Mysteriöses dahinterstecken. Oder ein großes Geheimnis. Oder beides! Die Recherchen, die wir jetzt aufnahmen, erstaunten uns tagtäglich aufs Neue. So etwas hätten wir nicht für möglich gehalten. Grabplünderei, Handel mit Gebeinen, Menschen, die das schlimmste Schicksal erlitten, nur weil man ihre Knochen brauchte. Schnell stellte sich für uns die Frage: Ist Amalie Dietrich ein Einzelfall oder gilt der Verdacht des Mordes für die Wissenschaft auch für andere Sammler? Und in welchem Umfeld fand das alles statt?

Unsere Spurensuche führte uns nach Nordaustralien, dorthin, wo einst Amalie Dietrich nur mit einem Handkarren "bewaffnet" umherzog. Wir folgten ihren Spuren und bald auch den Spuren anderer Sammler. Nach und nach erschlossen sich uns Vorgänge, von denen wir nicht wussten, dass es sie in dieser Brutalität gab. In der nur mündlich weitergegebenen Geschichte der Aborigines gibt es zahllose Storys über Morde an ihren Angehörigen. Darunter auch, so halten sich hartnäckige Gerüchte, solche für die Wissenschaft.

Eindeutige Belege

Brief eines australischen Museumsdirektors
Brief eines australischen Museumsdirektors

Doch was sind schon Gerüchte in einer wissenschaftlich dominierten Welt wie der unsrigen? Also mussten wir Dokumente, Nachweise, Belege finden - und wir machten uns auf die Suche. In der Staatsbibliothek von Brisbane, der größten Stadt im Norden Australiens, wurden wir schließlich fündig: Dokumente, die uns frösteln ließen. Nicht alle Fragen haben wir klären können - aber die Kernfrage schon: Gab es Morde im Namen der Wissenschaft?

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