"Don't worry!"

Über die Dreharbeiten westlich von Schanghai

Fünf Stunden Autobahn von Shanghai Richtung Westen, das Ziel: die World Studios in Hengdian. Man rast durch eine Gegend, in der in den nächsten Jahren kein Stein auf dem anderen bleiben wird. Dies also ist die "Werkbank der Welt", Chinas produktivste Wachstumsregion.

Baustellen im zersiedelten, brach liegenden Land, immer wieder graue Wohnblocks und Industrieparks - scheinbar wahllos in die Landschaft gestellt. Rechts auf der Autobahn fahren die Laster, in der Mitte voll besetzte Reisebusse, überholt von einem endlosen Fluss von Luxuslimousinen japanischer oder deutscher Bauart.

Internationale Firmen stehen Schlange

Dann die Ausfahrt nach Hengdian: endlich eine richtige Stadt, nach europäischen Begriffen. Hauptstraße, Geschäfte, ein Markt und zwei Cafés. Hengdian und sein Filmpark sind Touristenattraktionen, es gibt sie erst seit 1990. Chinesische Geschäftsleute und Hollywood haben hier investiert. Seitdem stehen internationale Filmfirmen Schlange, um hier produzieren zu können.

Christian Twente, Regisseur von "Sturm über China", plant den Dreh des Attentats auf Quin, den Ersten Kaiser. Er steht oben an der riesigen Freitreppe, die zum Palast führt, einem Nachbau des originalen Apang-Palastes in der alten Reichshauptstadt Xianjang. Nachdem das Team die Forschungen am Kaiser-Mausoleum und im Terracotta-Museum dokumentiert hat, werden hier in den nächsten zehn Tagen die Spielszenen gedreht. Alles scheint monumental in dieser grandiosen Kulisse. Regiestar Zhang Yimou hat hier seinen Schwertkämpfer-Kultfilm "Hero" gedreht. Twente: "Man ist erschlagen von den Möglichkeiten, die man hier hat. Der grandiose Set spielt mit und gibt unserem Film eine gewaltige Note, die die Epoche und China ja tatsächlich haben."

Militärischer Drill mit Humor

Die Attentatsszene streckt sich über zehn Kamerapositionen. Fünfzig Schauspieler und Techniker sind beteiligt. Bei einer Massenszene an der Palastmauer waren es 150. Die beiden chinesischen Regieassistentinnen dirigieren die Komparsen, übersetzen pausenlos zwischen Twente, Kameramann Torbjörn Karvang und dem Cast. Der militärische Drill, mit dem sie Twentes Ansagen ins Megafon rufen, nimmt ihnen keiner übel, denn sie machen das mit Humor und Sachkenntnis. In Windeseile lässt der Ausstatter aus Shanghai das Gerüst für einen riesigen, hinter der Windmaschine wogenden Seidenvorhang bauen. Design, Setbau und Kostüme haben hier Spielfilm-Niveau.

Von der Terrasse des Palasts wandert der Blick über das riesige Studiogelände. In einer Talsenke hat man die malerische Altstadt Pekings nachgebaut, zwischen den golden blitzenden Dachfirsten ragt der riesige Lichtkran einer kanadischen Produktion in den Himmel. Unweit davon ein Teilstück der Großen Mauer und dahinter die neue Errungenschaft: ein kompletter Nachbau von Pekings Verbotener Stadt. Zwischen lachenden Touristen, die sich in der Halle der Harmonie vor dem Drachenthron fotografieren lassen, bereiten Bühnenbauer die nächste Spielfilmproduktion von Zhang Yimou vor, Thema und Schauspieler: top secret.

"Richtig schön alt"

"Das sieht hier alles noch sehr neu aus", meint Twente. "Wenn wir im Herbst die großen Szenen für unsere 'Verbotene Stadt' hier drehen, muss noch kräftig Gras zwischen den Steinen wachsen." "Keine Sorge", meint Leslie Dong, die Kollegin von CCTV, eine effiziente Problemlöserin, die jeden Drehort in China zu kennen scheint. "Wir werden es richtig schön alt aussehen lassen. Don't worry!"

Gestern hatte es geregnet, und so muss heute ein Nachtdreh auf der Freitreppe nachgeholt werden. Stab, Schauspieler und Komparsen sind seit zwölf Stunden auf den Beinen. "Don't worry", sagt Line-Producer Eric Wong zu Twente. Wong, ein ehemaliger Redakteur von CCTV, hat den Dreh hier komplett organisiert. In aller Ruhe richten Kamerateam und Beleuchter die Szene ein. Wong hat ein zweites Abendessen bestellt, Reis mit scharfem Fleisch kommt in 150 rechteckigen Styroporbehältern. Dann wird noch drei Stunden mit höchster Konzentration gedreht.

Versunken im schwarzen Dunkel

Als die Scheinwerfer schließlich ausgeschaltet werden, ist es plötzlich stockfinster, ein schwarzer, sternloser Himmel hängt über den kaum sichtbaren Umrissen des wuchtigen Palasts. Die Freitreppe versinkt im schwarzen Dunkel. Eric Wong führt uns heraus aus den mächtigen Mauern der Hengdian World Studios, irgendwo westlich von Shanghai: "Keine Sorge. Don't worry!"

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