Dramatische Rettungsaktion

Von 15 Teilnehmern kehren nur sieben zurück

Im heftigen Sturm machen sich die beiden in der Trapper-Hütte gestrandeten Expedtions-Teilnehmer auf den Weg zurück zum Schiff. Doch schon wenige Stunden nach Verlassen der Hütte erfrieren Hermann Rüdiger auch die Finger der rechten Hand. Verzweifelt versucht sein Begleiter Rave, die Glieder mit Schnee wieder aufzutauen. Vergeblich.

Überlebende der Herzog Ernst Quelle: ZDF

Ohne die Unerschrockenheit und das Knowhow des Freundes hätte Rüdiger die Strapazen nie überstanden. Im Alleingang wäre er längst verloren. "Schlaflos lag ich da", schreibt der schwer Verletzte ins Tagebuch. "Das Brennen in den Wunden ließ mich das Schlimmste befürchten. Der Schmerz schien mir unaufhörlich zuzuraunen: Du kannst jetzt nicht mehr weiter. Nach jeder qualvollen Stunde wollte ich Rave wecken und ihn bitten: Lass mich hier liegen, geh' allein zum Schiff, ich kann nicht mehr."

Karte Sorge-Bay Quelle: ZDF

Radikaler Eingriff

In der Sorge-Bay liegt die "Herzog Ernst" im Dezember 1912 noch immer fest. An Bord die fünf Norweger. Auch Rüdiger und Rave sind wieder auf dem Schiff. Die schweren Erfrierungen seines Kameraden machen Christopher Rave Sorgen. Um die Hand von Hermann Rüdiger steht es schlecht. Der Wundbrand ist zwar noch nicht lebensbedrohlich, aber der Deutsche hat große Schmerzen. Weitaus schlimmer schätzt Rave die Verletzung am Fuß ein. Nur ein radikaler Eingriff kann den Geographen davor retten, elend zugrunde zu gehen.

Schwer kranker Herrmann Rüdiger Quelle: ZDF

Die Operation wird ohne Betäubung durchgeführt. Für Hermann Rüdiger trotz allem ein mutiger Freundschaftsdienst, den er später in seinem Tagebuch würdigt. "Es kostete Rave wie wohl jeden sensiblen Menschen und Nichtmediziner die schwerste Überwindung. Aber ich kann bezeugen, dass er so sicher und ruhig arbeitete wie ein Arzt und es geschickt vermied, meine Schmerzen unnötig zu erhöhen." Mehrmals muss Rave Fleisch und Knochen abtrennen. "Mit roher Gewalt, notiert der Verwundete, "hat mich das Schicksal zum halben Krüppel geschlagen. Aber eins hat es nicht vermocht: uns den Lebensmut zu brechen." Was voller Hoffnung mit dem Auslaufen in Tromsö begann, entwickelte sich für alle Expeditionsteilnehmer zu einem Alptraum mit ungewissem Ausgang.

Eher tot als lebendig

Knut Stave ist der nächste Todeskandidat auf der "Herzog Ernst". Der norwegische Koch leidet an Schwindsucht und hustet wochenlang Blut. Am 13. Februar 1913 stirbt der junge Mann. Mehr Glück beschert das Schicksal Kapitän Ritscher. Er überwindet die 300 Kilometer bis zur Advent-Bay. Eher tot als lebendig kommt er am 27. Dezember 1912 im Westen von Spitzbergen an. Sein Notruf löst eine der dramatischsten Rettungsaktionen im Nordpolarmeer aus. In den nächsten Monaten versuchen vier Expeditionen, die Verschollenen zu finden. Drei scheitern. So auch Theodor Lerner, der unweit des Nordkaps in Seenot gerät und sein Schiff verlassen muss.

Arve Staxrud mit Suchmannschaft Quelle: ZDF

Erst der Trupp des Norwegers Arve Staxrud kann den Erfolg verbuchen: Er hilft nicht nur Theodor Lerner und seinen Leuten, sondern rettet auch die Überlebenden auf der "Herzog Ernst". Es sind vier Norweger, Hermann Rüdiger und sein treuer Gefährte, der Kameramann Christopher Rave. "Von 15 Teilnehmern, die hinausfuhren, kehrten nur sieben zurück. Von diesen zwei als Invaliden - wie unbegreiflich grausam waltet die Natur. Vor ihr beugen wir uns in schweigender Ehrfurcht." So die Bilanz von Hermann Rüdiger.

Himmelfahrtskommando

Christopher Rave kehrt am 21. Juni 1913 in seine Heimat Hamburg zurück - fast ein Jahr nach dem Aufbruch ins Polarmeer. Für die Verdienste um seine Kameraden erhält er die Rettungsmedaille der Hansestadt. Kapitän Alfred Ritscher fährt zurück in die Arktis und bringt die "Herzog Ernst" im August 1913 sicher in den Hafen von Tromsö, wo die Expedition begann.

Das Unternehmen von 1912 bewerten Forscher heute als Himmelfahrtskommando. Die Mission musste scheitern, weil der Mann aus Pommern die Natur um jeden Preis besiegen wollte. Sorgfältige Planung und Sicherheit stehen für Abenteurer wie Arved Fuchs längst an erster Stelle. Den Versuch, die Nordost-Passage als zukünftige Handelsstraße zu erkunden, bezahlten acht Menschen mit dem Leben. Doch das Drama im Eis blieb nicht ohne Folgen. Von da an forderten Experten eine strenge Prüfung aller Expeditionsvorhaben. Ironie der Geschichte: Die große Schmelze am Polarkreis könnte die Vision einer Handelsstraße in der Arktis von Schröder-Stranz in greifbare Nähe rücken.

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