Drei Forscher, drei Schicksale

Die unterschiedlichen Charaktere verfolgten dasselbe Ziel

Kaum drei Männer könnten verschiedener sein: Auguste Mariette, der begnadete Ausgräber, dem scheinbar alles gelang. Heinrich Brugsch, der ewige Wanderer zwischen den Welten und sein kleiner Bruder Emil, der Luftikus, der mehr als ein Mal auf die schiefe Bahn zu geraten drohte.

Heinrich und Emil Brugsch am Krankenbett von Auguste Mariette Quelle: ZDF


Auguste Mariette (1821 - 1881) führte trotz vieler persönlicher Schicksalsschläge und harter Entbehrungen genau das Leben, das er sich wünschte. Als Begründer der ägyptischen Antikenverwaltung wurden ihm höchste Ehren zuteil. Bis heute steht sein Sarkophag, der dem eines altägyptischen Noblen nachempfunden ist, im Garten des Ägyptischen Museums in Kairo.

Im Kreise der Kollegen

Glückliche Ergänzung

Statue Auguste Mariette Quelle: ZDF

Rundum sind die Büsten der bedeutendsten Ägyptologen aufgereiht, so dass Mariette wohlbehütet im Kreise seiner Kollegen ruht. Sein größter Wunsch war es, dem Alten Ägypten einen Ehrenplatz im neuen Ägypten zu bereiten, getreu nach seinem Ausspruch: "Es gab Zeiten, in denen Ägypten seine Monumente zerstörte; heute respektiert es sie; es sollte sie lieben lernen."




Heinrich Brugsch (1827 - 1894) scheint nie den richtigen Platz im Leben gefunden zu haben. In Ägypten hatte er Heimweh nach Deutschland, in Deutschland aber gelang es ihm nicht, Fuß zu fassen. Nicht zuletzt deshalb, weil Richard Lepsius, der berühmteste deutsche Ägyptologe, zeitgleich forschte und lehrte. Wann immer sich die Gelegenheit bot, zog Brugsch in den Orient. Zeitgenossen sahen in ihm einen genialen aber zu unwissenschaftlich arbeitenden Forscher.


Der Ägyptologe Adolf Erman ging sogar so weit zu sagen: "Es muss daher als ein günstiger Umstand gelten, dass in jenen Jahrzehnten neben Brugsch der andere Führer der deutschen Ägyptologie stand: Lepsius' Zurückhaltung und sein vorsichtiges Auftreten bildeten eine glückliche Ergänzung und ein geeignetes Gegengewicht zu dem rascheren Vorgehen seines genialen Fachgenossen."

Statue Heinrich Brugsch Quelle: ZDF

Brugsch, der in seinen späteren Jahren als Privatgelehrter durch Deutschland zog, um nach eigener Aussage "die altägyptischen Geheimnisse vor profanen Augen zu enthüllen", wusste, dass die deutschen Fachkollegen dafür kein Verständnis hatten. Seine regelmäßigen Artikel über das Alte Ägypten in der Vossischen Zeitung taten ihr übriges.

Kaiserlicher Auftrag

Umso mehr freute ihn die Wertschätzung der Direktoren der ägyptischen Antikenbehörde. Auf seiner letzten Ägyptenreise in den Jahren 1891-92 arbeitete er mit Henri de Morgan zusammen, dem Nachfolger von Auguste Mariette und Gaston Maspero, der ihn kaum persönlich kannte. Damals konnte Brugsch den kaiserlichen Auftrag, eine Antikensammlung für das Berliner Museum zusammen zu stellen, trotz verschärfter Antikengesetze ohne Probleme erfüllen, weil, so de Morgan: "On ne refuse rien à notre cher maître (Unserem teuren Meister verweigert man nichts)."

Nur knapp zwei Jahre später starb Heinrich Brugsch am 9. September 1894 in Berlin Charlottenburg. In seinem Nachruf würdigte ihn Adolf Erman schließlich als das, was er sicher auch war, der "letzte bedeutende Vertreter jenes Zeitalters, das die Ägyptologie geschaffen hat". Sein Bruder Emil setzte ihm ein ganz besonderes Denkmal: Bis heute schmückt der Deckel eines altägyptischen Sarkophages das Grab des Archäologen auf dem Luisenfriedhof in Berlin.

Undurchsichtige Persönlichkeit


Emil Brugsch (1842 - 1930) hingegen blieb Zeit seines Lebens eine undurchsichtige Persönlichkeit. Nur wenig ist über den kleinen Bruder des "großen" Brugsch bekannt. Selbst in dessen Autobiographie findet er kaum Erwähnung. Sicher hatte Emil es Heinrich zu verdanken, dass Mariette und dessen Nachfolger auf dem Direktorenposten, Gaston Maspero, mehr als ein Mal ein Auge zudrückten, als es zu Unregelmäßigkeiten im Kairoer Museum kam, deren Urheber nur der "kleine" Brugsch sein konnte. So berichtet Sir Leonard Woolley, der Ausgräber der Königsgräber von Ur in Mesopotamien, von einer Episode in deren Mittelpunkt Lord Carnavon stand, der später durch den Fund des Grabes des Tutanchamun weltberühmt werden sollte.

Emil Brugsch verkauft Artefakte an Schwarzhändler Quelle: ZDF

Eines Tages, so Woolley, bot ein Ägypter dem Lord in Kairo etwas "Wunderbares" an. Neugierig geworden ging Carnarvon auf den Handel ein, obwohl dies bedeutete, dass er mitten in der Nacht mit verbundenen Augen und 300 Pfund in Gold in der Tasche an einen ihm unbekannten Ort gebracht wurde. Dort angekommen, bekam er zwei außergewöhnliche Objekte vorgelegt: eine kleine Steinvase mit Goldüberzug sowie ein 20 Zentimeter langes Steinmesser aus dem 3. Jahrtausend vor Christus, dessen Schaft ebenfalls mit Gold überzogen war. Nur ein Blick auf die beiden Stücke genügte Carnarvon, um zu wissen, dass sie ein Vielfaches des verlangten Preises wert waren. Ohne Zögern ging er auf den Handel ein.

Verräterische Konturen

Doch zurück im Hotel kamen ihm Zweifel. Hatte er nicht gerade identische Stücke im Ägyptischen Museum gehen? War er einem Fälscher auf den Leim gegangen? Groß war sein Erstaunen, als er in der Vitrine, in der die Schätze aus der Frühzeit der ägyptischen Geschichte lagen, zwei leere Stellen entdeckte, wo offensichtlich noch vor kurzem eine Vase und ein Messer gelegen hatten. Klar und deutlich zeichneten sich auf dem roten Samt verräterische Konturen ab, wo der Stoff nicht von der Sonne ausgebleicht worden war.

Carnarvon bat den damaligen Direktor, Gaston Maspero, sofort um ein Gespräch. Maspero musste zugeben, dass tatsächlich zwei außerordentlich wertvolle Stücke vermisst wurden, er es aber nicht wage, deswegen eine Untersuchung einzuleiten. Schnell reimte sich der Lord alles zusammen. Bei dem Dieb konnte es sich nur um Masperos engsten Mitarbeiter, den "Deutschen" handeln, und der Franzose fürchtete diplomatische Verwicklungen im Falle einer öffentlichen Anklage.

Ohne Konsequenzen

Für 300 Pfund, genau die Summe, die Lord Carnarvon am Abend zuvor gezahlt hatte, kaufte Maspero die beiden Stücke zurück, so dass sie bis heute im Ägyptischen Museum in Kairo zu bewundern sind. Für Émile, wie er sich in Ägpten nannte, scheint die Episode keine Konsequenzen gehabt zu haben. Er arbeitete bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1914 weiterhin im Museum, erst dann zog er sich nach Nizza zurück, wo er am 14.Januar 1930 starb.

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