Dschingis Khans Hauptstadt

Karakorum als Keimzelle des Nationalstaats

Dschingis Khan betreibt die Festigung seiner Macht. Ein Berater hatte ihm gesagt: "Du kannst ein Reich vom Rücken des Pferdes aus erobern, doch Du kannst es nicht vom Rücken eines Pferdes aus verwalten". Der Nomade Dschingis Khan gründet seine Hauptstadt: Karakorum.

Im Jahre 1220 bestimmt er einen Ort am Orchon. Der Fluss ist die Lebensader der Region. An seinem Ufer lagen die Zentren großer, vergangener Steppenreiche. In Karabalgas, die Hauptstadt der Uighuren, die um 800 nach Christus die asiatische Steppe beherrschten, lebten einst bis zu 100.000 Menschen. Mit der Gründung einer eigenen Stadt am Orchon stellt sich Dschingis Khan bewusst in die Tradition der Reiche seiner Vorgänger.

Glorreiche Vergangenheit

Karakorum bedeutet: Schwarze Berge. Heute ist von der glorreichen Vergangenheit auf den ersten Blick nichts mehr zu sehen. Das moderne Khakhorin ist nichts als eine Ansammlung von Holzhütten und maroden Plattenbauten. Aus der Luft aber sind die Strukturen des historischen Stadtgebiets immer noch zu erkennen. Was liegt unter dem Gras der Steppe verborgen? Ein deutsch-mongolisches Archäologenteam sucht nach einer Antwort.

Wo sich einst der Stadtwall Karakorums erhob, steht heute die Nordmauer des buddhistischen Klosters Erden Suu. Beim Bau des Klosters im 15. Jahrhundert wurden Steine der alten Hauptstadt verwendet. Und tatsächlich entdecken die Archäologen im Fundament eines alten Tempels einen Stein, der eine chinesische Inschrift trägt: "Im 15. Jahr des Drachen errichteten sie einen Palast." Stammt dieser Stein tatsächlich aus dem Fundament des Khan-Palasts?

Überraschendes Zeugnis

Als der Stein geborgen wird, entdecken die Experten ein weiteres, überraschendes Zeugnis: Auf der Rückseite befindet sich die Übersetzung der chinesischen Gravur in die mongolische Längsschrift. Nur ein einziges, anderes Fundstück dieser Art ist der Wissenschaft bislang bekannt. Eine Steininschrift aus dem Jahre 1346. Sie lautet: "In dem sie eine Stadt gründeten, schufen sie die Voraussetzung für einen Staat.


Für die Mongolen ist Karakorum bis heute Keimzelle und Geburtsstätte ihres Nationalstaates. Die Quellen beschreiben Karakorum als eine kosmopolitische Stadt, in der Menschen aus allen Teilen des Weltreiches zusammenkamen. Dem Viertel der Chinesen mit Handwerksbetreiben und Manufakturen im Stadtzentrum schließt sich der Marktplatz - umgeben von Handelskontoren - an. Direkt dahinter, das Viertel der Muselmanen, der Händler und Karawanenführer. Und schließlich am Nordtor der Stadt eine nestorianische, christliche Kirche. In ihrer Stadt zeigen die kriegerischen Khane ihr zweites Gesicht: Durch ihre tolerante Haltung allem Neuen und Unbekannten gegenüber wird Karakorum zu einem Schmelztiegel unterschiedlicher Kulturen und Religionen.

Erstaunliches Know-How

Im Chinesenviertel stoßen die beiden Hauptstraßen der Stadt aufeinander. Hier arbeiten Archäologen der Universität Bonn. Zweieinhalb Meter unter dem Steppensand legen sie eine gepflasterte Straße frei. Die Straßenbauer müssen über erstaunliches Know-How verfügt haben. Denn am Rande der Pflasterung wurden Dehnungsfugen aus Holz eingelassen. So hielt die Strasse den enormen Temperaturunterschieden in der Steppe stand, ohne Risse zu bekommen.


Den klimatischen Bedingungen müssen auch die Archäologen Tribut zollen. Nur ein kleiner Ausschnitt der Stadt lässt sich in den wenigen Sommermonaten freilegen. Bereits Mitte September setzt der erste Frost ein und bringt die Arbeiten zum Erliegen. Hinzu kommt der starke Steppenwind, der immer wieder Staub in die Grabung weht.

Handwerksbetriebe auf engstem Raum

Dr. Ernst Pohl und seine Mannschaft sind von Mitte Juni bis Mitte September vor Ort. Sie erfassen die Grundrisse der Gebäude, vermessen ihre Größe und verzeichnen jedes Detail, um es mit den Schilderungen der historischen Quellen zu vergleichen. Befindet man sich tatsächlich im Handwerkerviertel der alten Reichshauptstadt? Und wenn ja, was wurde hier gefertigt? Die Funde - wie eine Wasserleitung - belegen nicht nur einen erstaunlichen Komfort für eine Steppenstadt, sie zeigen auch eine hohe Konzentration verschiedener Handwerksbetriebe auf kleinstem Raum.




In unmittelbarer Umgebung des Goldarmbands wurde sogar das passende Rohmodell entdeckt, dazu ein Fässchen mit Quecksilber, das zur Goldverarbeitung benötigt wird. Die Funde belegen, dass sich die Mongolen die Kenntnisse der fremden Handwerker nicht aneignen, sie lassen sie für sich arbeiten. Einige Fachleute aus dem chinesischen Raum und allen Teilen ihres Weltreiches kommen freiwillig, andere werden hierher verschleppt.

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