Dürers Reise

Ankunft in einer stolzen Metropole

Im Sommer 1494 macht sich Albrecht Dürer auf den Weg nach Venedig. Eigentlich sollte er sich um seine frisch angetraute Frau Agnes kümmern, seinem Handwerk nachgehen und Geld verdienen. Aber in seiner Heimatstadt Nürnberg herrscht der Ausnahmezustand.

Die Pest wütet in den Gassen und auf den Plätzen der Stadt und bringt Vielen Leid und Verderben. Dürers Frau ist zu Verwandten aufs Land geflüchtet. Auch er verlässt Nürnberg.

Traumziel Venedig

Es fällt Dürer nicht schwer, seiner Heimatstadt den Rücken zu kehren. Und obwohl das Reisen im Mittelalter als äußerst gefährlich gilt, ist das Risiko innerhalb der Stadtmauern, noch sehr viel höher. Aber ist es wirklich die Angst vor der Seuche, die ihn nach dem Süden treibt? Was hofft Dürer in Venedig zu finden?

Seine Informationen über die Stadt sind bruchstückhaft. Er kennt die Lage der Lagunenstadt durch das größte illustrierte Buchprojekt des 15. Jahrhunderts, an dem er, damals noch Lehrling, mitgearbeitet hat: die Schedelsche Weltchronik. Das Werk beschreibt Venedig als berühmteste Stadt ihrer Zeit und als größte Handelsmacht zu Land und zu Wasser. Vielleicht träumte Dürer bereits während seiner Arbeit an der Chronik von einem Besuch dieser Metropole der Superlative. Tatsächlich leben in dem oberitalienischen Stadtstaat zu Dürers Zeit etwa 120.000 Menschen. Damit gehört Venedig zu den größten Städten der Welt.

Bescheidene Anfänge

Die bescheidenen Anfänge der Siedlung in den salzigen Sümpfen der Lagune hatte man im 15. Jahrhundert längst vergessen. Nach dem Zusammenbruch des Römischen Reiches, zur Zeit der Völkerwanderung, fanden Festlandbewohner unterschiedlicher Herkunft auf den morastigen Inseln Schutz vor den marodierenden Reiterhorden der Hunnen und Langobarden. Die Flüchtlinge schufen über viele Generationen hinweg eine Weltstadt in den salzigen Marschen. Bereits um 1000 galt Venedig als der wichtigste Handelshafen im Mittelmeer.

Im 15. Jahrhundert kennt das Selbstbewusstsein der venezianischen Bürger keine Grenzen mehr. In gigantischen Bildern feiert die Metropole ihren Erfolg: Hunderte von Malern, Hilfsmalern, Vorzeichnern und Farbmischern verdienen ihren Lebensunterhalt in einem Gewerbe, das zwar nicht neu ist, aber doch neu organisiert. Als Spezialist für bürgerliche Auftragskunst gilt der Maler und Geschäftsmann Gentile Bellini. Zu den bedeutendsten Werken aus seinem Atelier gehört das Bild "Prozession auf dem Markusplatz", das die Scuola Grande di San Giovanni Evangelista, eine der reichsten und mächtigsten Kaufmannskorporationen, in Auftrag gegeben hat. Das Gemälde ist eine Selbstdarstellung des Bürgertums auf einer sieben mal vier Meter großen Leinwand.

Doge mit Geheimdienst

Im Spätsommer 1494 erreicht Dürer nach drei anstrengenden Wochen sein Ziel. Er hat zu Fuß und zu Pferd die Alpen überquert und ist Wegelagerern entkommen. Nun gilt es, sich der fremden Stadt zu stellen. Längst nicht jeden empfängt die Metropole mit offenen Armen. Im Dogenpalast, dem Sitz des ersten Mannes im Stadtstaat, befinden sich die Verwaltung, Tagungs- und Gerichtsräume - und der Geheimdienst, dessen Aufgabe es ist, Menschen auszuspionieren und Informationen über die Bürger Venedigs, vor allem aber über Fremde zu beschaffen. Staatsfeinde und Verräter werden unmittelbar vor dem Palast hingerichtet - zu Füßen des geflügelten Löwen.

Zu Dürers Zeit steht der 74. Doge Agostin Barbarigo an der Spitze Venedigs - ein unerbittlicher Staatsmann. 70.000 Regalmeter Pergament und Papier zeugen im Staatsarchiv Venedigs bis heute von der Akribie der Verwaltung. Auch Unterlagen über Denunziationen und mittelalterliche Prozessakten finden sich in den Papierfluten. Aber warum war der Doge einerseits auf einen Informationsdienst, andererseits auf totale Bürokratisierung angewiesen? Welche Macht hatte er wirklich?

Lizensierte Unterkünfte

Nur Kontrolle und Information sicherten die Macht. Für einen Reisenden wie Dürer bedeutet dies unter anderem, dass er in einer lizenzierten Herberge absteigen muss, damit sein Aufenthaltsort stets bekannt ist. Als eine der besseren Unterkünfte gilt das Deutsche Haus. Der Zwang hat auch Vorteile für Dürer. Man spricht deutsch im Deutschen Haus. Hier kann der Nürnberger sich in seiner Muttersprache verständlich machen, denn italienisch oder venezianisch hat er nie gelernt.

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