Dumbo und die Urzeit-Krabbe

Die Forscher des Census of Marine Life ziehen Bilanz

Welche Arten leben im Meer? Wo kommen sie vor, und wie zahlreich sind sie? Innerhalb von zehn Jahren versuchten Forscher, weltweit das Leben unter Wasser zu bemessen und zu erklären. Es war das größte Wissenschaftsprojekt in der Geschichte der Meeresbiologie. Nun ist der Census of Marine Life, die globale Volkszählung im Meer, abgeschlossen.

Forscher Niel Bruce untersucht Organismen in einem beleuchteten Aquarium am Lizard Island Reef.
Forscher Niel Bruce untersucht Organismen in einem beleuchteten Aquarium am Lizard Island Reef. Quelle: Gary Cranitch - Queensland Museum

Die Bilanz aus 540 Expeditionen und 9000 Tagen auf See: Die Vielfalt unter Wasser ist noch viel größer, als die Forscher angenommen hatten.

Eine von mehr als 6000 neu entdeckten Arten ist "Dumbo". Flossen, die an die großen Ohren des gleichnamigen Elefanten erinnern, bescherten dem Oktopus seinen Namen. Forscher entdeckten ihn in den Tiefen des Mittelatlantischen Rückens, das größte Exemplar maß fast zwei Meter und wog sechs Kilogramm. In der Antarktis stießen die Wissenschaftler auf Würmer, die sich von herabsinkenden Walknochen ernähren, und eine bizarre transparente Seegurke wurde im nördlichen Golf von Mexiko gefunden.

Krabbe aus der Urzeit

Blauäugiger Einsiedlerkrebs der Gattung Paguridae
Einsiedlerkrebs (Paguridae ) Quelle: Susan Middleton

Der Census untersuchte 25 Meeresregionen von Alaska bis zum Südpol, an den Küsten wie in der Tiefsee. Schätzten die Wissenschaftler die Zahl aller bekannten Meerestierarten zu Beginn des internationalen Projekts auf rund 230.000, gehen sie heute von bald 250.000 aus. Auch stellten sie fest, dass so manche selten geglaubte Spezies relativ verbreitet ist. Ein Forscherteam entdeckte bei den Philippinen eine Krabbe, von der man glaubte, dass sie seit 50 Millionen Jahren ausgestorben sei und gab ihr den Spitznamen "Jurassic Shrimp".

Krustentiere, zu denen Krabben und Krebse gehören, machen mit rund einem Fünftel den größten Teil aller beschriebenen Arten aus. Weichtiere wie Kraken folgen mit einem Anteil von 17 Prozent, nur rund zwölf Prozent der Meerestiere sind Fische. Den größten Anteil allen Lebens unter Wasser stellen allerdings die Meeresmikroben dar.

Leben bei 400°C

Oktopus "Dumbo" hat Ohren-ähnliche Flossen, fotografiert im Mittelatlantischen Rücken.
Oktopus Dumbo Quelle: David Shale

Waren die Ozeane bislang hauptsächlich in Tiefen von bis zu 1000 Meter untersucht worden, tauchten die Wissenschaftler für den Census bis zu zehn Kilometer unter Wasser - und fanden selbst in den dunkelsten und unwirtlichsten Gebieten Leben. Neben einer Hydrothermalquelle, aus der über 400°C heißes mit Chemikalien beladenes Wasser quoll, entdeckten sie etwa Krebstiere und Muscheln. Eine höhere Unterwassertemperatur als in diesen Quellen, 3000 Meter unter dem Spiegel des Atlantiks, wurde noch nie gemessen.

Ohne aufwändige Hightech sind solche Untersuchungen nicht möglich. Ein Hochleistungs-Roboter mit zwei Greifarmen und mehreren Kameras im Wert von über vier Millionen Euro kam für den Taucheinsatz zu den Rauchern zum Einsatz. Mit Hochtechnologie und Forschungs-U-Booten gingen die Meeresforscher zudem den Wanderrouten, der Ernährung und dem Fortpflanzungsverhalten unerschiedlichster Arten nach. So versah ein Forscherteam elf Lederschildkröten mit Satellitensendern und verfolgte damit die 6000 Kilometer lange Wegstrecke der Tiere vom kanadischen Nordatlantik zu den Brutgebieten in der Karibik. Und vor der US-Ostküste lieferte eine Spezialkamera hoch aufgelöste Bilder des Meeresbodens und registrierte dabei alle Lebenwesen, die an ihr vorbeischwommen.

Historische Speisekarten zur Forschung

Doch ging es den Forschern nicht nur um eine Bestandsaufnahme der Gegenwart; sie wollten auch herausfinden, was früher im Meer existiert hat und so besser die zukünftige Entwicklung des Lebensraums voraussagen. Anhand von historischem Material wie Fischereilisten oder Speisekarten haben sie Rückschlüsse auf die damalige Artenvielfalt in den Gewässern gezogen und Erkenntnisse über schrumpfende oder längst verschwundene Populationen gewonnen.

Thunfischkutter aus den 30er Jahren
Thunfischfang in den 1930ern Quelle: ZDF

Die Vorkommen größerer Meerestierarten, darunter auch Haie, Seevögel und Meeresschildkröten, sind demnach seit Beginn der Aufzeichnung um durchschnittlich rund 90 Prozent zurückgegangen. So hat die Jagd auf den Blauflossenthunfisch in der Nordsee dazu geführt, dass diese Region zu Beginn der 1960er Jahre so gut wie leer gefischt war. Bis heute ist der Blauflossenthun in der Nordsee selten. Ein typisches Beispiel, das zeigt: Die Überfischung und Zerstörung von Lebensräumen durch den Menschen zählen zu den Hauptgefahren für die Ozeane. Damit wird auch deutlich, wie wichtig Maßnahmen zum Schutz der Artenvielfalt sind.

Datenbanken listen Ergebnisse auf

Mit dem World Register of Marine Species (WoRMS)haben die Census-Forscher zudem eine öffentlich zugängliche Online-Enzyklopädie erstellt, die alle bereits bekannten und neu entdeckten Lebewesen im Meer auflistet - mit mittlerweile mehr als 190.000 Namen. Die zweite große Datenbank OBIS (Ocean Biographic Information System)liefert eine Art digitalen Atlas über die Lebensräume der Meerestiere. Sie enthält inzwischen fast 30 Millionen Einträge und wird stetig aktualisiert.

Schnappschüsse der See

Doch der Großteil der Ozeane ist noch immer unergründet. Die Forscher gehen davon aus, dass mindestens eine Million Spezies im Meer leben sowie Zehnmillionen oder sogar Milliarden Mikrobenarten. Auf jede bekannte Spezies kommen den Schätzungen zufolge mindestens vier weitere, die erst noch entdeckt werden müssen.

Gescheitert sei das Projekt deshalb nicht, betont Biologin Nancy Knowlton vom Smithsonian Institut in Washington D.C., wo auch der Census of Marine Life seinen Hauptsitz hat. "Der Ozean ist einfach so groß, dass wir auch nach zehn Jahren harter Arbeit nur Schnappschüsse dessen haben, was die See enthält."

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet