Durchbruch bei der Forschungsarbeit

Im Ballon zu den Baumkronen

Jörg Salzers Forscheralltag im Dschungel ist oft begleitet von Überlegungen, wie die ineffektiven Methoden des Sammelns verbessert werden könnten. Viel zu wenig Fläche lässt sich mit der kräftezehrenden Kletterei abdecken. Seine Idee: Mit Hilfe eines Helium-Ballons die Baumkronen zu erreichen, um dort bessere Proben nehmen zu können.

Ballon im Dschungel Quelle: ZDF,Jörg Salzer

Salzer hangelt sich jeden Tag mühsam durch sein Freiluftlabor. Denn erst mit den gewonnenen Daten aus sorgfältiger Grundlagenforschung wird es später möglich sein, zu verstehen, warum die Lianen einen nie da gewesenen Siegeszug angetreten haben. Was hier geschieht, steht in unmittelbarem Zusammenhang mit hoch aktuellen Fragestellungen des globalen Klimawandels.

Sechs Tonnen ans Ende der Welt

Transport des Ballon-Materials vom Boot zum Ufer Quelle: ZDF

Um das Sammeln der Blätter- und Blütenproben zu erleichtern, hat Jörg Salzer einen ehrgeizigen Plan entwickelt. Dabei baut er auch auf die Hilfe von Michael Ulrich, selbst Biologe und Flieger aus Leidenschaft. Er ist mit den notwendigen Kenntnissen ausgestattet und ein ausgezeichneter Pilot. Sein Ultraleichtflugzeug ist im Dschungel von Guyana zwar ein gutes Fortbewegungsmittel, für die Sammelarbeiten ist es allerdings wenig geeignet. Dafür ist ein besonderes Gefährt notwendig.



Mit Booten hat das Forscher-Duo deswegen alle Teile eines kleinen Helium-Ballons an Ort und Stelle bringen lassen. Dazu gehören allein 76 Flaschen gefüllt mit Gas, von denen jede gut 80 Kilogramm schwer ist. In einer Vielzahl weiterer Kisten lagert wichtiges Zubehör: Ventile und andere Kleinteile. Nichts darf verloren gehen oder beschädigt werden. Denn Ersatz gibt es im Dschungel nicht. Insgesamt haben Salzer und Ulrich mehr als 6000 Kilogramm Ausrüstung über rund 300 Kilometer Flussstrecke heranschaffen lassen.

Sonnenaufgang im Dschungel von Guyana Quelle: ZDF

Effektiv am frühen Morgen

Nach einer Nacht des Tüftelns und Bastelns schwebt ein kleiner, handlicher Ballon von immerhin noch 8 Metern Durchmesser über der Lichtung - ein nicht alltäglicher Anblick mitten im Regenwald von Guyana. Mit seiner Hilfe soll das Sammeln des Blattwerks endlich effektiver werden: mehr Blattwerk in weniger Zeit über eine weitaus größere Fläche als es je mit dem Klettergeschirr möglich war.

In den kühlen Morgenstunden ist der beste Zeitpunkt für einen Start. Dann gibt es in den Tropen kaum Thermik und wenig Wind. Nur eine leichte Brise weht über die Wipfel des Kronendachs. Dies sind nicht nur für die Vogelwelt optimale Bedingungen für einen Ausflug. Mit mehreren Seilen am Boden gesichert kann Lianenforscher Salzer nun wie in einem Lift in die Höhe steigen. Die Bodencrew lenkt den Ballon und verankert ihn an einem Führungsseil, das Salzer gleichzeitig Spielraum und Sicherheit gibt. Die Seilrolle erlaubt horizontale Bewegungen über viele Meter. So kann der Forscher lautlos eintauchen in die Wunderwelt des Kronendaches. Er ist mit den Lianen auf gleicher Höhe, an den äußersten Spitzen der Zweige. Sanfte Winde treiben ihn. Er schwebt mal höher, mal tiefer.

Salzer unterwegs mit dem Ballon im Dschungel Quelle: ZDF

Vorsicht auf dem Dach des Dschungels

Vorbei an einer unbeschreiblichen Vielfalt von Tieren und Pflanzen kann der Biologe sein neues Gefährt nutzen, um Blätter zu sammeln. Hier oben zeigen sich die Lianen in ihrer schönsten Pracht. Ihre Blüten und Blätter bieten vielen Tieren eine gute Lebensgrundlage. Mühelos schwebt der Ballon über den Bäumen. Er ermöglicht seinem Fahrgast einen großen Radius ohne ständiges Aufsteigen und Abseilen.

Doch die Forscher müssen vorsichtig sein. Durch die vormittags bereits brennende Sonne kann eine gefährliche Thermik entstehen. Als "Klimaanlage" der Atmosphäre transportiert sie warme Luft nach oben und bringt kühlere zum Erdboden. Der Wind kann schnell immer stärker werden. Durch den Anstieg der Lufttemperatur dehnt sich Helium zudem schnell aus, der Ballon bekommt dann mehr Auftrieb und zerrt an den Seilen nach oben. Für Jörg Salzer in seinem Ballon kann so schnell eine gefährliche Situation entstehen. In solchen Fälle ist das Bodenteam da. Es ist jederzeit in der Lage, den Ballon zurückzuholen.

Ballon-Pilot mit Motor auf dem Rücken Quelle: ZDF

Neue Flexibilität

Um die Fortbewegung mit dem Helium-Ballon noch flexibler zu machen, rüsten Salzer und Ulrich das Gefährt auf. Ein Motor macht das Luftfahrzeug steuerbar und damit sicherer. Der Ballon kann so unabhängig von Sicherungs- und Führungsseilen fliegen. Gezielt können ausgewählte Bäume angesteuert und Blattproben von ganz oben und ganz außen genommen werden.

Wie ein Rucksack wird der Motor dem Piloten auf den Rücken geschnallt. Das zusätzliche Gewicht trägt der Ballon. Der Pilot in seinem bequemen Sitz wird kaum davon belastet. Im Gegenteil: Mit dem Zwei-Takt-Motor ist es möglich, mehr als zwei Stunden über dem Kronendach zu kreisen. Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei etwa sechs Kilometern pro Stunde. Das erscheint nicht viel, ist jedoch schnell genug für einen schmerzhaften Zusammenstoß mit spitzen Ästen und Bäumen.

Den Beweis angetreten

Was die beiden Wissenschaftler Salzer und Ulrich im Dschungel von Guyana praktizieren, galt unter Luftfahrtexperten lange als unmöglich. Bei der Planung wurden viele skeptische Stimmen laut. Kann die Kraftübertragung überhaupt funktionieren oder wird der Ballon ständig rotieren? Trotz aller Einwände im Vorfeld: Es klappt. Der einzige Nachteil des Motors liegt in seinem unüberhörbaren Brummen: Die Tiere nehmen Reißaus. Für Jörg Salzer ein zu vernachlässigendes Problem. Er kann dank seines neuen Gefährtes nun Proben sammeln, wo er will - und nicht mehr nur dort, wo ihn seine Kletterkünste hingeführt haben.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet