"Ein anderes Lebensgefühl"

Prof. Constanin Goschler über den Mediziner Rudolf Virchow und das 19. Jahrhundert

Rudolf Virchow war einer der renommiertesten Wissenschaftler seiner Zeit - einer Zeit, in der die Wissenschaft noch eine viel ausgeprägteres Selbstgewissheit an den Tag legte als heute. Über den Mediziner und seine Zeit berichtet der anerkannte Virchow-Biograf Prof. Dr. Constantin Goschler, Inhaber des Leerstuhls für Zeitgeschichte an der Ruhr-Universität Bochum.

Prof. Constanin Goschler
Prof. Constanin Goschler Quelle: ZDF

ZDFonline: Wie muss man sich einen Menschen wie Virchow vorstellen?

Goschler: Rudolf Virchow war ein sehr strenger Mensch, sehr selbstdiszipliniert. Er war auch sehr streng mit anderen, erwartete viel Disziplin von anderen. Diese Form von Disziplinierung stammte aus zwei Quellen: Einmal ein sehr großer persönlicher Ehrgeiz, er war ein sozialer Aufsteiger, ich denke, das hat ihm eine gewisse biografische Verbissenheit gegeben, und das andere ist eine unglaubliche Selbstgewissheit, die sich aus seinem Glauben an die Naturwissenschaft speiste. ZDFonline: Was war seine wissenschaftliche Motivation?

Goschler: Virchow interessierte sich im Grunde genommen für den letzten Grund des Lebens: Was macht das Leben aus? Wobei er das Leben sehr weit fasst. Für ihn ist dies nicht nur das Leben biologischer Wesen, sondern auch das Leben von Gesellschaften. Die Naturgesetze gelten für Virchow gleichermaßen für Lebewesen wie für menschliche Gesellschaften. Und das macht diese Person eigentlich auch so spannend. Denn Virchow war ja zugleich Mediziner, Anthropologe und in sehr intensivem Maß auch Politiker.

ZDFonline: Virchows Ansicht, dass die Naturgesetze in allen Lebensbereichen Gültigkeit besitzen, war das zu seiner Zeit eine Ausnahme?

Goschler: Ich glaube, es war keine Ausnahme. Virchow steht für ein anderes Lebensgefühl des 19. Jahrhunderts, ein Lebensgefühl, das uns in gewisser Weise fremd geworden ist. Ich glaube, in unserer Zeit sind Wissenschaftler viel postmoderner in ihrem Selbstverständnis. Also diese Selbstgewissheit, dass das, was sie machen, zu einer Wahrheit führen wird, dass das auf fest gegründeten Anschauungen beruht, dass ihre Wissenschaft gesicherte Ergebnisse liefern würde, das ist uns abhanden gekommen. Und von daher wirkt er für uns fremd, aber das hat mit seiner Zeit zu tun und das würde ich nicht nur auf etwas Persönliches zurückführen.

ZDFonline: Die wissenschaftliche Auffassung war eine andere als die heutige. So wurden ja damals an den Museen große Sammlungen erstellt und Objekte aus aller Welt zusammengetragen. Wie spiegelt sich das in Virchows Tätigkeiten wieder? Kann man ihn einen Sammler nennen? Goschler: Wenn man Virchow als Sammler beschreibt, dann muss man vielleicht zuerst mal erklären, was er alles gesammelt hat. Er war einerseits Pathologe und hat von daher eine medizinische Sammlung angelegt. Dort hat er nach auffälligen Krankheitsbildern gesucht, um Lehrpräparate anfertigen zu können.

Dann war er natürlich auch beteiligt an Sammlungen von archäologischen Fundstücken, er hat ja eng mit Heinrich Schliemann zusammengearbeitet. Dabei war er allerdings hauptsächlich im Hintergrund, aber er war derjenige, der Schliemann gegen die starken öffentlichen Anfeindungen in seiner Zeit in Schutz genommen hat und ihm mit seiner wissenschaftlichen Autorität Rückhalt gegeben hat. Das wäre sozusagen ein weiteres Kapitel.

Und dann kommen schließlich noch anthropologische Artefakte. Virchow war ja lange Zeit Mitglied der Deutschen Anthropologischen Gesellschaft. Dabei hat er nun selber meistens keine Feldforschung gemacht, sondern er war in Berlin und war dann bei der Begutachtung dieser Fundstücke oder Sammelstücke, die nach Berlin gebracht worden sind, dabei.

ZDFonline: Wusste Virchow, woher die Fundstücke kamen?

Goschler: Virchow stand am Ende der Kette des Sammelns, aber das enthebt ihn sicherlich nicht aller Verantwortung. Die Frage ist: Was hat er über den Ablauf des gesamten Prozesses gewusst? Die Frage ist natürlich auch: Wie viel wollte er darüber wissen, wie es letztlich dazu gekommen ist, dass hier menschliche Gebeine in Kisten nach Berlin gekommen sind?

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