Ein bizarrer Fund

Das Zwergenvolk von Flores

Zu Beginn des Jahres 2005 ging eine erstaunliche Meldung um die ganze Welt, die unser Selbstbild von der "Krone der Schöpfung" gehörig ins Wanken brachte. Am östlichen Ende Indonesiens, auf der abgelegenen Insel Flores hatten Forscher völlig unerwartet einen bizarren Fund gemacht.

Die unspektakuläre Höhle heißt Liang Bua und wurde über Nacht zum neuen Mekka für Paläoanthropologen.

Das dreijährige Mädchen

Unter der Leitung von Mike Morwood, Bert Roberts und Thomas Sutikna war ein Team von Feldforschern zu einer Routinegrabung zur Liang Bua-Höhle gekommen. Fünf Meter unter der Oberfläche fanden sie das kleine Skelett eines dreijährigen Mädchens - wie sie zunächst dachten. Die Forscher hatten keine Ahnung, welche Sensation sie freigelegt hatten.

Das Fossil war etwa 18.000 Jahre alt. Also konnte es nur ein Homo sapiens sein. Aber sobald das angebliche "Mädchen" an die Oberfläche gebracht worden war, begannen die Forscher zu zweifeln. Die Backenzähne waren völlig abgenutzt - kein Kind hat so stark beanspruchte Zähne. Die "Weisheitszähne" stießen bereits durch das Zahnfleisch. Auch die Schädeldecke passte nicht ins Bild: Alle Teile der Kalotte waren schon fest miteinander verwachsen. Die Untersuchungsergebnisse ließen nur einen Schluss zu: Es handelte sich bei dem Fund um eine erwachsene Frau, die nur einen Meter groß war.

Moderne Charakteristika

Über ihr Aussehen - mit starken Oberaugenbögen und der Stirn, die direkt von den Augenbrauen aus nach hinten verläuft würde man sich heute ziemlich wundern. Dafür fand man andere, erstaunlich moderne Charakteristika. Ihre Vorderzähne beispielsweise waren kurz und scharf wie unsere. Und ihr Oberschenkelknochen beweist, dass sie aufrecht lief. Eine so seltsame Sammlung unterschiedlicher Merkmale hatte man noch nie zuvor gefunden.



Die kleinwüchsigen Menschen lebten auf der Insel Flores am Fuße eines Vulkans, der ihr Leben bestimmte. Aus dem Kelimutu stammt die fruchtbare Vulkanasche, die Grundlage allen Lebens auf Flores. Ein Paradies ist das Eiland deswegen noch lange nicht. Die mineraliengesättigten Vulkanseen erinnern eher an den Höllenschlund oder an Tolkiens dunkles Reich Mordor. Rund um das rauchende Herzstück der Insel war das Leben für die Wichtel vermutlich kein Zuckerschlecken. Die Halblinge von Flores sollen zwar ausgezeichnete Jäger gewesen sein, aber es gab genug Feinde, mit deren Größe sie es einfach nicht aufnehmen konnten.

Vorlage für Märchen und Mythen

Die Forscher gaben ihrem mysteriösen Fund den wissenschaftlichen Namen "Homo Floresiensis" nach der Insel, auf der sie ihn entdeckt hatten. Aber schon nach kurzer Zeit bürgerte sich für den Alltagsgebrauch und in der Presse der Name "Hobbit" ein. Einige Forscher glauben sogar, dass der Floresmensch tatsächlich die Vorlage für Kleinwüchsige in Märchen und Mythen gewesen sein könnte.

Bert Roberts ist in einem Dorf weniger als 100 Kilometer von der Liang Bua - Höhle entfernt auf eine interessante Überlieferung gestoßen. Einer der Dorfältesten berichtet, dass noch vor wenigen Generationen eine Gruppe der kleinen Menschen am Hang des nahegelegenen Vulkans gelebt haben soll. Die Dorfbewohner nannten die Zwerge Ebu Gogo - "Die Ahnen, die alles essen". Man erzählt sich, das diese winzigen Wesen einen so gewaltigen Appetit hatten, dass sie, wann immer die Dörfler ihnen etwas anboten, nicht nur die Speisen, sondern auch die Kürbisschüsseln verspeisten.

Dichtung und Wahrheit

Der Dorfälteste versucht, sich an die alten Geschichten zu erinnern und den Ebu Gogo zu beschreiben. Er hatte einen flachen Schädel wie ein Affe, lief aber wie ein Mensch. Wäre es möglich, dass die Hobbits von Flores bis fast in die Gegenwart auf der Insel gelebt haben? Am Ende, so weiß der Älteste, seien sie jedoch alle umgekommen.



Dichtung und Wahrheit liegen stets nah beieinander. Hat es den Ebu Gogo tatsächlich gegeben und ist er mit dem Fund aus Liang Bua identisch? Bevor die Höhle zum Pilgerort für Hobby-Paläontologen und Hobbitfans wird, wollen die Wissenschaftler noch einige Antworten auf die Fragen finden, die der Fund aufwirft: "Wie kamen die Vorfahren dieses kleinen Hominiden überhaupt nach Flores?"

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