Ein Klassiker im Wandel der Zeit

Zur Geschichte der Sendereihe Terra X

Mit dem verheißungsvollen Namen "Terra X" gelang ZDF-Redakteur Gottfried Kirchner 1982 ein großer Wurf. Damals zogen die ersten großen Ausstellungen deutscher Museen Millionen von Besucher an, das allgemeine Interesse für Geschichte und Archäologie machte "Terra X" schnell zu einem beliebten Programm, das längst zu einer der Traditionsmarken des ZDF wurde,

Als der erste "Terra X"-Film im Januar 1982 über die Bildschirme flimmerte, war die Ära des Massentourismus und des Privatfernsehens noch nicht angebrochen. Die Zuschauer ließen sich exotische Welten ins Wohnzimmer servieren, nur wenige konnten sich damals kostspielige Fernreisen leisten. Der Erfolg seines in lockerer Folge ausgestrahlten Archäologie-Magazins "Reportagen aus der Alten Welt" brachte den Redakteur und Autor Gottfried Kirchner auf die Idee, eine Dokumentationsreihe unter dem Aspekt "Rätsel alter Weltkulturen" auf den Sender zu bringen.

Vom Gebastelten zum Computerbild

Die ersten Beiträge zeigten viele Steine: Paläste, Stadtmauern, Pyramiden, Tempelruinen oder Fundstücke präsentierten sich auf dem Drehteller. Höchstens rundeten noch von Hand gemalte Karten oder nach alten Vorlagen gebastelte Modelle die Darbietung ab. Es ging eben um die möglichst vollständige Vorstellung der jeweiligen alten Kultur. 1986 stellte "Der Fluch des Pharao" zum ersten Mal nur eine Frage in den Mittelpunkt: Warum starben 22 Menschen, die das Grab des Tutenchamun besuchten? 12,4 Millionen Zuschauer, bei 32 Prozent Marktanteil, machten die Dokumentation zum Renner. Und gleichzeitig zum Vorreiter des späteren und noch heute gültigen "Terra X"-Rezepts, die Themen unter einer Fragestellung anzugehen.

Mit einer bescheidenen Animation, die das Innere der Cheopspyramide zeigt, war der Film auch Pionier auf dem Gebiet der Computer generierten Bilder. Inzwischen entstehen ganze Städte, Schlachtenszenen oder andere Motive durch den "elektronischen Griffel". Der Betrachter kann durch Paläste und Tempel "laufen", von denen nur noch die Ruinen stehen, und so in längst versunkene Welten eintauchen. Eine einzigartige Chance, die Größe und Pracht vergangener Reiche in die Gegenwart zu hieven.

Am Totempfahl mit Nato-Weste

Anfang der 1990er-Jahre begann die Epoche der Inszenierungen. Die ersten Versuche - sozusagen mit "Bordmitteln" - bleiben mir in ewiger Erinnerung. Aus dem Fundus des ZDF hatten wir drei Kleiderkisten in den Sinai mitgenommen, um die "Karawane nach Petra" auszustatten. Es gab keine Helfer, keinen Aufnahmeleiter und einen Maskenbilder schon gar nicht. Bis der letzte der 30 Beduinen in geeigneter Montur dastand, hatte der Erste in der Reihe schon wieder die Uhr am Arm oder die Turnschuhe an den Füßen.

Reinhold Messner mit Kamerateam auf der Humbold-Route Quelle: ZDF/ Klaus-Jürgen Stuhl


Im Schneideraum musste ich später feststellen, dass sich einer der Hauptakteure beim Totenmahl der Nabatäer heimlich eine Nato-Weste übergestreift hatte, was in dem allgemeinen Getümmel niemandem aufgefallen war, selbst dem Kameramann nicht. Wenigstens hatte er die Szene so gedreht, dass wir sie trotzdem verwenden konnten. Heute werden die Reenactments nur noch selten direkt vor Ort, sondern in professionell ausgestatteten Studios aufgenommen. Doch nach wie vor bleibt der Aufwand immens.

Zu alten Geheimnissen mit neuen Mitteln

Die Jubiläumsstaffel eingeschlossen, kann "Terra X" mit 88 Hochglanzproduktionen aufwarten. Kaum eine Weltgegend, kaum eine Zivilisation aus dem Altertum, die noch nicht im Fokus der Betrachtung stand. Nicht nur die optische Aufbereitung, auch das Profil der Reihe hat sich im Lauf der Zeit verändert: Aus der Präsentation von Kulturen sind Wissenschaftskrimis geworden, die mit allen zur Verfügung stehenden technischen Mitteln unter dem Slogan "Expeditionen ins Unbekannte" ungelösten Rätseln auf den Grund gehen und den aktuellen Stand der Forschung beleuchten. Bei Experten unterschiedlicher Disziplinen, die sich vor Jahren noch zierten, mit ihren Ergebnissen im Fernsehen aufzutreten, konnte sich "Terra X" durch Sorgfalt und seriöse Behandlung der Themen einen guten Namen machen.

Skelett des Königs von Varna mit goldenen Grabbeigaben Quelle: ZDF/ Gerhard Thiel


Für die Redaktion, die ich - nach vielen Jahren an der Seite von Gottfried Kirchner - seit 2000 mit meiner Kollegin Claudia Moroni teile, ist die Arbeit an einem "Terra X"-Film, um es poetisch auszudrücken, wie das Polieren eines Solitärs. Bei jeder Staffel eröffnen sich in Zusammenarbeit mit unseren Autoren neue Felder an Wissen, erschließen sich uralte Geheimnisse und menschliche Erfahrungen, die bis heute nachwirken - getreu dem Motto "Nur wer die Vergangenheit versteht, kann die Gegenwart bewältigen". Insofern ist "Terra X" auch für uns Macher ein kostbares Geschenk.

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