Ein Pontifex im Freudenrausch

Papst Alexander VI. liebt die Frauen und den Luxus

Nach Sixtus IV. erlebt die Verweltlichung des Papsttums einen neuen Höhepunkt. Im Konklave von 1492 verspricht der Spanier Rodrigo Borgia jedem, der seine Stimme gibt, das Blaue vom Himmel herab. Ein Deal nach dem anderen wird geschlossen. Es regnet Posten und Pfründe, Paläste und Abteien - und Rodrigo gewinnt.

Borgia und seine Mätresse Giulia Farnese Quelle: ZDF
Porträt von Rodrigo Borgia Quelle: ZDF

"Jetzt sind wir in den Klauen eines Wolfes", soll der erst 16-jährige Kardinal Giovanni di Medici über den Borgia gesagt haben. Er nennt sich Alexander - vielleicht nach dem großen Feldherrn der Antike. Und er hat einen Plan, der den Nepotismus von Sixtus VI. in den Schatten stellt. Papst Alexander VI. ist ein echter Familienmensch, einer der alle seine Verwandten in Schlüsselpositionen hievt, um damit die Herrschaft über ganz Italien zu gewinnen. Er will eine Dynastie aufrichten, ganz nach dem Vorbild eines Königshauses. Und er liebt die Frauen - und die Frauen lieben ihn. Er habe eine Anziehungskraft auf das schöne Geschlecht, so sagte man, wie ein Magnet auf Eisenspäne.

Familie über alles

Eine bemerkenswerte Gabe - aber nicht gerade für Päpste. Im Codex juris canonici, dem Gesetzbuch der katholischen Kirche, heißt es ganz klar: "Wer zum Priester geweiht wird, muss sich zur lebenslangen Ehelosigkeit verpflichten. Wer jungfräulich lebt, legt Zeugnis ab für das Reich Gottes." Alexander aber hatte immerhin drei Söhne und eine Tochter. In den vatikanischen Gemächern der Borgia verherrlichen Fresken die päpstliche Familie. Alexander sieht in ihr das Instrument, das der Allmächtige ihm an die Seite stellt, um über die Christenheit zu regieren - gekrönt nicht vom Kreuz Christi, sondern vom Wappentier der Borgia, dem Stier. Die schöne Papst-Tochter Lucrezia wird als Heilige verklärt. Sein Sohn Cesare, als römischer Kaiser.

Fresco der päpstlichen Familie Quelle: ZDF

"La Bella Giulia"

Lucrezia Borgia Quelle: ZDF

Lucrezia wird nicht gefragt, als Alexander sie zum ersten Mal vermählt - ein machtpolitisches Arrangement, das den Bund des Papstes mit dem Mailänder Herrscherhaus besiegelt. Wie kein anderes Ereignis spiegelt die Hochzeit die Rituale wider, mit denen sich Alexander am liebsten inszeniert. Wie einst Jesus im Kreis seiner Jünger stehen dem Papst zwölf Kardinäle zur Seite, die das Brautpaar segnen.



Doch die Heiligkeit weicht bald der ausschweifenden Sinnenfreude. Bis in den Morgen dauert die Feier, und am folgenden Tag erzählen sich die Römer Unglaubliches: Frauen aus der höchsten Gesellschaft habe man Wein aus Silberpokalen ins Dekolleté gegossen. Offen und ungeniert habe sich der Heilige Vater mit "La Bella Giulia" amüsiert, mit seiner blutjungen Mätresse Giulia Farnese. Professor Volker Reinhardt hat die Skandalgeschichten über Alexander auf ihren Wahrheitsgehalt geprüft. Der Historiker will Mythos und Realität voneinander trennen und analysieren, wie es geschehen konnte, dass ein Papst alle Grenzen überschritt.

Die pikantesten Details überliefert der päpstliche Zeremonienmeister Johannes Burckard in seinem Tagebuch. "Alle taten alles vor den Augen aller" - Burckard setzt die Legende von Orgien im Vatikan in die Welt. Für den Wissenschaftler Gespinst einer regen Fantasie. Denn Burckard berichtet nur vom Hörensagen. Die Borgia waren Top-Thema von Klatsch und Tratsch, und oft ist leicht nachvollziehbar, wie Burckard Gerüchten immer mehr hinzu dichtete.

Tagebuch des Zeremonienmeisters Burckhard Quelle: ZDF

"Unsittliche Handlungen"

In der Peterskirche in Rom, gleich neben dem Hauptaltar, soll ein Bildnis erhalten geblieben sein, in dem schon Zeitgenossen die Papst-Mätresse Giulia Farnese erkannten. Die Römer verspotteten die Schöne als "Braut Christi", ein Ausdruck, der Nonnen vorbehalten war. Ursprünglich war die Figur nackt. Es heißt, die erotische Ausstrahlung sei so groß gewesen, dass Männer zu "unsittlichen Handlungen" hingerissen wurden.

Vermeintliche Statue von Giulia Farnese Quelle: ZDF

Die 20-jährige Schönheit hat Alexander nicht mehr losgelassen. Es wird erzählt, er habe ihr stundenlang zugeschaut, wenn ihr blondes Haar gekämmt wurde. Das besondere an diesem selbstbewussten Papst war wohl auch, dass er nie einen Hehl aus seinen Liebschaften und seinen Kindern machte. Und dass er um seine Liebesverhältnisse kämpfte - mit allen Mitteln, die einem Papst zur Verfügung stehen. Schon als Kardinal erntete Rodrigo Borgia Tadel von Pius II., weil er in aller Öffentlichkeit verliebtes Schmachten an den Tag gelegt hatte. Wenn schon sündigen, so sollte es diskret geschehen.

Drohung mit dem Höllenfeuer

Liebesbrief von Papst Alexander an Giulia Farnese Quelle: ZDF

Der Liebesbrief des Papstes an seine Giulia vom 22. Oktober 1494 ist ein ganz einmaliges Dokument. Giulia ist zu dieser Zeit längst mit einem Edelmann verheiratet. Alexander droht ihr reichlich unverblümt "Du hast Dich uns treu anzuvertrauen. Wir verbieten Dir hiermit, Dich zu Deinem Manne zu begeben, unter Androhung von Kirchenbann und ewiger Verdammnis." Die Drohung mit dem Höllenfeuer, um eine Geliebte gefügig zu machen, ist eine höchst fragwürdige Anwendung päpstlicher Macht.

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