Ein Raum wie kein anderer

Gotische Kathedralen als multimediale Erlebnisräume

Die Erbauer gotischer Kathedralen hatten weit mehr im Sinn, als die Gemeinde bei der Stange zu halten und die Nachbarstädte zu beeindrucken. Die Gotik schuf Räume mit einzigartiger Wirkung.

Die ganze Kirche, so schwebte es Suger, dem Abt von St. Denis vor, werde erstrahlen, "denn es leuchtet das Leuchtende, das Leuchtendem sich verbindet. Und von dem Neuen Licht erhellt, leuchtet das helle Bauwerk". Die Beschreibung ist selbst für einen Gottesmann ungewöhnlich hymnisch. Solcherlei Überschwang findet man zwar da und dort in mittelalterlichen Schriften, aber selten bezogen auf einen physikalischen Körper, ein fassbares Bauwerk. Das "Neue Licht", das Suger in solche Begeisterung versetzte, fand tatsächlich seine Umsetzung - und die vermag bis heute zu fesseln.

"Glühender" Raum

Wenn wir eine alte Kirche heute betrachten, staunen wir über die Kunstfertigkeit des Baus und sind ein wenig berührt von der eigenartigen Stimmung des Raums. Wir sehen eine Kathedrale im Kontext unserer Welt, die von Eindrücken überfüllt ist, und darin muss sie verblassen.

Nicht so für den Menschen des Mittelalters. Vor 750 Jahren konnte es einem den Atem rauben, eine gotische Kathedrale zu betreten, es war ein multimediales Erlebnis im besten Sinne: Da gab es Klänge, die nirgendwo sonst zu hören waren, erlesene Düfte umfächelten die Nase, und wer den Blick den Säulen folgend nach oben lenkte, fühlte sich aufwärts gesogen, himmelwärts. Vor allem aber, und das war das Entscheidende, glühte der Raum in einem unvergleichlichen Licht, bei jedem Wetter, zu jeder Tageszeit.

Gottesbeweis und Lehrmittel

Man stelle sich das Leben im zwölften und 13. Jahrhundert vor: Schlechte Straßen, für heutige Begriffe nichts als Holperwege, spannten ein dünnes Netz zwischen versprengten Städtchen, eigentlich nur Marktflecken mit selten mehr als 10.000 Einwohnern. Händler zogen ihres mühsamen Wegs, stets bedroht von Räuberbanden, Wolfsrudeln oder den Heeren verfeindeter Fürstentümer. Die Horizonte waren eng, die Menschen hausten in zugigen, muffigen Bauwerken, verräuchert und finster, deren Decken sich kaum über Scheitelhöhe spannten.

Die meisten Menschen lebten ein Leben ohne Bilder, saßen abends bei dämmrigem Licht und hörten Musik nur zu besonderen Anlässen. Und dann betraten sie ihre Kirche ...

Eine gotische Kathedrale war Gottesbeweis und Lehrmittel zugleich - durch ihre Existenz bewies sie die Kraft und die Herrlichkeit Gottes. Hier gab es Bilder zu sehen, und nur hier: Das Medium war mit seinem Inhalt untrennbar verbunden und diente der Vermittlung der christlichen Lehre zur Entfaltung des Selbst. Doch der Begriff "Lehre" ist irreführend. Für unser Verständnis klingt das Wort schal und der Skepsis würdig, wie Religion allgemein. Mit den erstarrten Liturgien und bemühten Sinngebungsversuchen, die viele Mitteleuropäer heute besonders mit der christlichen Kirche verbinden, hatte die Religionspraxis des Mittelalters wenig gemein.

Glaube als Sicherheitsnetz

Die "Lehre" war kein theoretisches Heils- und Jenseitsversprechen, sondern ein Lebensgefühl, das täglich sinnliche Umsetzung fand - gekrönt vom Besuch der Kathedrale. Religion, Arbeit und Privatsphäre waren kaum zu unterscheiden, sie bildeten ein Ganzes. Der Glaube glühte in den Herzen - und dafür war der glühend leuchtende Raum Sinnbild und Bestätigung, ganz wie Suger es vor sich sah.

Aus dem Glauben schöpfte sich die Motivation für die enormen, fast selbstvergessenen Anstrengungen von Generationen, die an ihrer Kathedrale arbeiteten. Der Glaube ersetzte die Sicherheitsnetze an den Baugerüsten in schwindelnden Höhe genauso wie alle Rentenansprüche. Diese Inspiration erfasste alle Beteiligten, vom Hilfsarbeiter über den Steinmetz bis zum Bauleiter.

Wichtige Elemente der Gotik

Allgemein gilt die Abteikirche von St. Denis, ab 1137 errichtet unter der Ägide von Abt Suger, als Ursprung der Gotik. Hier sind zum ersten Mal die drei konstituierenden Elemente vereint: Spitzbogen, Kreuzrippe und äußerliches Strebewerk. Alle drei sind anderswo schon früher nachgewiesen - aber erst in St. Denis und der entstehenden Gotik sind sie zum Neuen verschmolzen, das weit über die Summe seiner Elemente hinausgeht.

Heute und damals

In gewisser Weise ist es ironisch, dass uns heute weniger die Wirkung einer Kathedrale fesselt als deren Bautechnik, die damals zum Alltag gehörte. Wie lange wäre ein modernes, hochgerüstetes Architekturbüro heute beschäftigt, allein Grundriss und Statik einer solchen Kathedrale zu entwickeln? Die Baumeister damals benutzten meist nicht einmal Papier. Und doch ist, von begründbaren Ausnahmen abgesehen, keine gotische Kathedrale ohne Außeneinwirkung eingestürzt.

Abt Suger hat die Fertigstellung seiner Kirche nicht erlebt, und erst 1221 war mit Notre Dame von Chartres eine Kathedrale fertiggestellt, die die Möglichkeiten seiner Vision voll ausschöpft.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet