"Eine faszinierende Zeitreise"

Interview mit Wissenschaftler Ralf W. Schmitz

Privatdozent Dr. Ralf W. Schmitz ist Prähistoriker an der Universität Tübingen und am Rheinischen Landesmuseum Bonn. Im Interview verrät er Motive für die Zusammenarbeit mit dem Filmteam und Informationen über die Lebensweisheiten der Neandertaler.


ZDFonline: Was hat Sie daran interessiert, an dem Filmprojekt "Der Neandertaler" mitzuarbeiten?


Ralf W. Schmitz: Mich hat vor allem fasziniert, dass eine dokumentarische Zusammenschau über den Neandertaler entstehen sollte. Vorher ist in den Medien immer über Einzelaspekte berichtet worden, aber nie gab es einen solchen Gesamtüberblick über die aktuelle Forschung wie in diesem Jubiläumsfilm. Außerdem fand ich es reizvoll, dass "unser" Neandertaler zu seinem 150. Jubiläum einen eigenen Film bekommt. Natürlich fand ich auch faszinierend, dass szenische Elemente in dem Film enthalten sind, die das Leben dieser Menschen visualisieren, anschaulich und greifbar machen.

Persönlich berührt

Es hat mich auch persönlich berührt, wie Aka und Teacher durch den Wald laufen und Aka sein Stammeszeichen aufgemalt bekommt. Selbst in der kurzen Zeit, die ich am Set war, sind mir die Figuren sehr vertraut geworden. Zum ersten Mal konnte ich so etwas wie persönliche Nähe zu den Neandertalern aufbauen. Der Gedanke "Die möchte ich noch weiter auf ihrem Lebensweg begleiten" schoss mir durch den Kopf. Die Masken verändern die Schauspieler so sehr, dass ich am Ende tatsächlich nur noch Aka und Teacher gesehen habe, die Illusion war perfekt.


ZDFonline: Wie sehen Sie Ihre Rolle innerhalb des Projektes?


Schmitz: Ich sehe mich als wissenschaftlicher Guide, als Berater bei kniffligen Fachfragen, aber auch als Hilfe, wenn die Autorin Wissenslücken mit Phantasie füllen muss. Das ist ja das Schöne an diesem Projekt, man darf Phantasie einbringen. Zum Beispiel die Schuhe der Neandertaler. Man hat bisher keine gefunden und wird nie welche finden. Die Erhaltungsbedingungen sind einfach zu schlecht. Aber da es nicht vorstellbar ist, dass die Neandertaler barfuß gelaufen sind, muss man überlegen, welche Fußbekleidung am wahrscheinlichsten war.

Der Film gibt die Chance dazu und zeigt dadurch ein vollständigeres Bild als ein Buch. Ein guter Film kann in ferne Welten entführen, in diesem Fall in die Welt vor 42.000 Jahren. Diese Dokumentation schafft eine faszinierende Zeitreise, an der ich teilnehmen durfte.

Völlig andere Perspektive

Mir hat die Zusammenarbeit einfach Spaß gemacht und ich bin im Laufe der Zeit mit dem Team richtig zusammengewachsen. Eine schöne Sache war es auch, abends zusammenzusitzen und aus einer völlig anderen Perspektive über mein Forschungsthema zu reden. Dieser Perspektivenwechsel von der Sicht eines Wissenschaftlers in die Perspektive dessen, der das Leben der Neandertaler filmisch umsetzten möchte, kann ich viel besser nachvollziehen. Ich habe jetzt viel mehr Verständnis für die Probleme, die sich aus der Optik ergeben und für die künstlerische Leistung, die hinter einem solchen Film steckt.


ZDFonline: Worin sehen Sie den Vorteil des Dokudramas?


Schmitz: Die Visualisierung von Dingen, die man sonst nur statisch in alten Fotos oder in Texten darstellen kann, ist ein großer Vorzug. Schon die Forschungsgeschichte mit historischen Personen wie etwa Fuhlrott, Beckershoff, der Erbin oder dem Direktor haben mir gut gefallen. Nicht von all diesen Personen gibt es Fotos, eine reine Dokumentation ist in so einem Fall an Archivmaterial oder Interviews gebunden und für die Steinzeit steht die Sache noch schlimmer. Was haben wir denn bezüglich des Neandertalers für Fakten: Ein Gerippe, 50 Steingeräte, 100 Tierknochen und einen Wissenschaftler, der das Ganze erklärt.

Großes Verantwortungsgefühl

Es ist wichtig zu zeigen, wie es damals vermutlich war, damit die Leute das sehen können - und Geschichten zu erzählen. Lieber ein gutes Bild, das wissenschaftlich abgesegnet ist, als viele Fotos von Knochen und Steinen. In diesem Fall ist das sehr vernünftig und mit großem Verantwortungsgefühl gemacht worden. Wir haben uns ausführlich über jedes Detail, zum Beispiel Schmuck oder Applikationen, unterhalten. Natürlich sind solche Sachen nicht immer belegt, aber hier wurde eine Annäherung nach bestem Wissen und Gewissen versucht. Mehr kann man nicht tun.


ZDFonline: Wie haben Sie denn das Aussehen des Original-Neandertalers rekonstruieren können?


Schmitz: Man kennt durch sein Skelett natürlich die Größe und weiß einiges über seine Statur. Im Rahmen des Forschungsprojektes zum Neandertaler und in Kooperation mit dem ZDF war dann die Gesichtsrekonstruktion ein wichtiger Schritt zur Visualisierung. Die alten Funde wurden mit modernster Technik kombiniert und über den Zwischenschritt einer Stereolithographie entstand eine Büste, die den Film, besonders das Aussehen der Hauptfigur, mitbeeinflusst hat.

Glücklich über das Ergebnis

Die Büste basiert auf fundierter Forschung, Wissenslücken mussten auch hier künstlerisch ausgefüllt werden. Allerdings fiel die Entscheidung bei den Dingen, die wir nicht wissen, wie zum Beispiel Haar- und Augenfarbe, stets auf die wahrscheinlichste Variante. Die Rekonstruktion hat insgesamt einen hohen Wahrscheinlichkeitsgehalt, deshalb bin ich auch sehr glücklich über das Ergebnis.


ZDFonline: Für die Produktion "Der Neandertaler" wurden aber nicht nur Menschen, sondern auch Tiere "rekonstruiert". Woher weiß man, wie ein Höhlenlöwe oder ein Mammut ausgesehen hat?


Schmitz: Bei dem Mammut ist die Sache sehr einfach. Erstens gibt es einige Skelettfunde und zweitens sogar komplette Mammutleichen aus den Dauerfrostböden Sibiriens. Beim Höhlenlöwen kennen wir durch Skelette der großen Raubkatzen ihre Größe und Statur. Ein bisschen problematisch sind Mähne und Fellzeichnung. Hier geben Höhlenmalereien entsprechende Hinweise auf Farbe und Haarlängen. Auch die Tiere, die es heute noch gibt, sind gute Gradmesser.


ZDFonline: Es wurde für den Film aber auch weniger Greifbares rekonstruiert, zum Beispiel eine Neandertalersprache. Gibt es Hinweise darauf, dass unsere eiszeitlichen Vettern tatsächlich gesprochen haben?


Schmitz: Von der Anatomie her, von ihrer körperlichen Ausstattung waren sie auf jeden Fall zur Sprache fähig. Das wissen wir sicher. Wie diese Sprache allerdings strukturiert war, wissen wir nicht. Aber es ist nicht vorstellbar, dass diese intelligenten Leute sprachlos über die eiszeitliche Steppe gewandert sind.

Gut durchdachte Phantasie

Wir werden nie erfahren, wie sich die Sprache der Neandertaler wirklich angehört hat, aber auch hier ist es legitim, diese Quellenlöcher durch gut durchdachte Phantasie zu schließen. Die Sprache, die die Autorin für den Film entwickelt hat, klingt angemessen. Ich kann mir vorstellen, dass sich so oder so ähnlich die Sprache der Neandertaler angehört haben könnte. Das ist zwar reine Spekulation, aber sie stumm zu lassen, wäre auf jeden Fall die größere Verfälschung gewesen.


ZDFonline: Welche Themen beschäftigten unsere Ahnen?


Schmitz: Sie unterhielten sich sicher über die ganz banalen Dinge des täglichen Lebens: Was ist zu erledigen? Was soll gejagt werden? Wer geht mit zur Jagd? Wie knüpfe ich eine Beziehung zu jemandem? Beziehungsprobleme eben die ganze Palette an Sorgen und Nöten, die wir auch mit anderen besprechen. Auch größere Projekte mussten Besprochen werden: Hier gibt es zu wenig Nahrung, wo errichten wir ein neues Lager? Gehen wir an die Stelle, wo der kleine in den großen Fluss mündet oder doch lieber auf die Bergkette? Solche wichtigen Entscheidungen sind vorher ausdiskutiert worden. Die Neandertaler sind nicht einfach losgerannt und haben gejagt. Die Beutetiere waren viel schneller als sie und Fernwaffen gab es noch nicht.

Erzählungen am Lagerfeuer

Hätten sie nicht perfekt geplant und sich vorher über einen Plan verständigt, wären sie sicher ziemlich häufig hungrig ins Bett gegangen. Ich bin auch sicher, dass an den Lagerfeuern abends sehr viel erzählt wurde, zum Beispiel über den vergangenen Tag, aber auch weit über den Tag hinaus. Die ersten Geschichten der Menschheit sind an den Lagerfeuern erzählt worden und der Neandertaler könnte ihr Erzähler gewesen sein. Wir wissen nichts über die Mythen dieser Menschen, aber es bedarf in jedem Fall einer Sprache, um sich über die geistige Welt einander mitzuteilen oder auch über religiöse Themen.

Der Himmel spielte sicher eine große Rolle für die Neandertaler. Was haben sie wohl gedacht, wenn sie zum Sternenhimmel blickten, einem Sternenhimmel, auf dem man in einer ansonsten lichtlosen Nacht die Sterne in einer Brillanz sehen konnte, wie das heute nicht mehr möglich ist. Hielten sie die Sterne wie viele indigene Völker für ferne Lagerfeuer? Genetischen Ergebnissen zufolge gehören sie nicht zu unserer Art, trotzdem waren sie vollwertige Menschen, die uns vielleicht viel ähnlicher waren, als man denkt.

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