Eine männliche Gottheit taucht auf

MacGillivray sieht mit dem Fund des Kouros ein neues minoisches Weltbild

Knossos ist nicht der einzige Ort auf Kreta, wo Spuren der Minoer gefunden wurden. Ganz im Osten der Insel liegt Palekasto. Dort befindet sich die Grabungsstätte, der Sandy MacGillivray fast sein ganzes Archäologenleben gewidmet hat. Schritt für Schritt gräbt er dort einen Palast aus, der in der minoischen Frühzeit einmal die Größe von Knossos hatte.

Kouros von Palekastro

Im Frühjahr 1987 macht Sandy MacGillivray und sein Team eine sensationelle Entdeckung: den Kouros von Palekastro. An diesem Tag beginnt er an seinem Helden Sir Arthur Evans zu zweifeln.

Dokumentation mit der Kamera

Am letzten Tag der Grabung entdeckt der Vorarbeiter ein kleines Stückchen Gold. Ganz behutsam legt er den Arm und den Torso einer fantastischen Figur aus Elfenbein frei. Alarmiert dokumentieren die Archäologen jeden einzelnen Schritt mit der Kamera. Die Bilder werden zum Beweis, dass ihr Fund über jeden Zweifel erhaben ist. Wenn die Figur irgendwo auf dem Kunstmarkt erschienen wäre, hätte man sie für eine Fälschung gehalten. Merkwürdigerweise sind die Fragmente der Figur weit verstreut. MacGillivray und sein Team haben über vier Jahre sechs Tonnen Erde gesiebt, um alle Teile der Statuette zu bekommen.

Rekonstruiertes Gesicht des Kouros'

Auch zwanzig Jahre nach dem Fund ist die Rekonstruktion des Kouros noch nicht beendet. Immer noch gibt es Teile, die in das Puzzle passen müssen. Ein paar Teile wurden neu eingesetzt: An den Beinen sind jetzt Fragmente von der Goldfolie fixiert. Die Details enthüllen, dass ein genialer Künstler am Werk war. Der minoische Meister benutzte Gold und Elfenbein, die kostbarsten Materialien der Antike. Beim Goldstück am Handgelenk kann man Abdruck der Adern erkennen. Obwohl ein Restaurator dem Kouros Augen eingesetzt hat, fehlt immer noch fast das ganze Gesicht. Für den Versuch, dem Kouros ein Gesicht zu geben, hat der amerikanische Kunsthistoriker Mark Moak 16 lange Jahre an einer exakten Kopie des Kouros gearbeitet.

Die Zerstörung des Kouros'

Aufgrund der Verteilung der Fragmente hat Sandy MacGillivray die Zerstörung des Kouros vor 3500 Jahren rekonstruiert. Er vermutet, dass jemand den Kouros an den Beinen gepackt und zertrümmert hat. Dabei ist der Torso nach hinten geflogen. Man kann es daran erkennen, wie er zerbrach. Die Beine wurden dann durch die offenen Türen in ein Gebäude geschleudert. Das Gebäude war mit brennbaren Materialien gefüllt und angezündet worden. Dann hat man die Türen geschlossen und wieder geöffnet. Der plötzliche Zustrom von Sauerstoff ließ das Gebäude explodieren.

Der Kouros ist ein Rätsel. Die Indizien deuten darauf hin, dass die Täter Mykenäer vom griechischen Festland waren, die Kreta etwa 1340 vor Christus eroberten und die Minoer unterjochten. Für den Hass, mit dem der Kouros zerstört wurde, gibt es für Sandy MacGillivray nur eine Erklärung: Er muss das Abbild eines unbekannten männlichen Gottes sein. Auch Sandy MacGillivrays Kollegen stehen dem Kouros feindlich gegenüber. Denn laut Arthur Evans gab es mit der Schlangengöttin nur eine einzige minoische Gottheit, und die war eine Frau. Hätte Sandy Recht, würde das die wichtigsten Annahmen über die Minoer über den Haufen werfen.

Sir Arthur Evans starb 1941 hoch betagt im Alter von 90 Jahren. Vierzig lange Jahre war Knossos das Zentrum seines Lebens. Durch seine Entdeckungen schenkte er uns die wunderbar geheimnisvolle Welt der Minoer. Aber die Grenzen zwischen Wahrheit und Dichtung verfließen.

Angriff der Mykenäer

Bis zum Ende gelang es ihm nicht, den minoischen Code zu knacken. Was wir heute lesen können, ist von geringer Bedeutung. Die wichtigen minoischen Zeugnisse sind noch lange nicht entschlüsselt. Erst wenn sie ihr Geheimnis preisgeben, werden wir die Minoer wirklich kennen. Ihr Ende begann mit einer Katastrophe von ungeheuren Ausmaßen. Der Vulkan von Santorin zerbarst. Asche regnete auf die Insel und ein riesiger Tsunami zerstörte die stark besiedelte Küste. Geschwächt erlagen die Minoer dem Angriff der Mykenäer. Die zerschlugen den Kouros und ersetzten ihn durch ihre Götter.

Höhle in den kretischen Bergen Quelle: ZDF

Der Schlüssel zum Geheimnis des Kouros ist vielleicht in einer gigantischen Höhle hoch oben in den kretischen Bergen verborgen. Seit Urzeiten ist dies ein mythischer Ort. Der Legende nach wurde hier Zeus geboren. Sandy MacGillivray glaubt, dass der Kouros ein kretischer Zeus ist. Viel näher an der ägyptischen Welt als am Göttervater der Antike. Kein Unsterblicher, sondern ein Gott, der starb und immer wieder neu geboren wurde.

Anfang eines neuen Kapitels

Dies ist erst der Anfang eines neuen Kapitels der minoischen Archäologie. Hundert Jahre lang hat Evans Knossos beherrscht. Jetzt beginnt eine neue Generation von Archäologen, seine Mythen hinter sich zu lassen. Sie werden uns ein genaueres und wahrhaftigeres Bild der Minoer zeigen, der ersten Hochkultur Europas.

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