Eine perfekte Welt

Der junge Kaiser im Reich der Hohenzollern

Der junge Kaiser Wilhelm fühlt sich am wohlsten in seiner Burg Hohenzollern auf der Schwäbischen Alb. Hier mutet alles wie ein Märchen an. Edle Ritter und Burgfräuleins schmücken die Turmzimmer und Kemenaten, die an die große mittelalterliche Epoche erinnern.

Die Säle und Korridore scheinen wie erfüllt vom Geist - und von den Geistern der Vergangenheit. Der Burgtresor birgt einen unbezahlbaren Schatz: Die mit Edelsteinen und Perlen geschmückte Goldkrone der preußischen Könige ist bis heute der ganze Stolz des Hauses Hohenzollern - und Abglanz seiner einstigen Herrlichkeit.

Imperator Rex

Das Gästebuch wird sorgsam gehütet, denn die Herrscher einer untergegangenen Welt sind dort noch einmal alle als Namen versammelt. Der europäische Hochadel gibt sich auf diesen Seiten die Ehre. Und immer wieder ist zwischen all den Widmungen und guten Wünschen ein imponierender Schriftzug zu finden: Wilhelm - Imperator Rex - Herrscher und König.

Die Kirche der Burg Hohenzollern ist das Abbild der glanzvollen Vergangenheit des einstigen Herrschergeschlechts. Umrahmt von den Fahnen preußischer Regimenter liegt auf dem Altar die Privatbibel des Hauses Preußen aufgeschlagen, so als habe der Kaiser gerade gepredigt - wie er es gerne tat. "Eine feste Burg ist unser Gott" - das ist auch sein Glaubensbekenntnis.

Politik, Religion, Tradition



Der christliche Glaube bildet das Rückgrat des deutschen Nationalstaates. "Für Gott, Kaiser und Vaterland!" - Wilhelm nimmt sich alles, was das nationale Gefühl stärkt. Besonders die Heldengestalten, die aus der Bibel ebenso wie die aus der deutschen Geschichte: "Gelobt seien die Männer, die mit der Lanze gegen das Böse zu Felde ziehen." Politik vermischt sich mit viel Religion - und mit noch mehr Tradition.

Probleme bei der Geburt

Ein Uniformfetischist sei er, bestätigen ihm sogar seine engsten Vertrauten. Es heißt, er habe an manchen Tagen bis zu sechs Mal die Kleidung gewechselt. Selbst bei Familienfeiern verlangt er von allen das Tragen einer Uniform. Doch auch die prächtigste Galalivree kann eines nicht verbergen: sein Trauma - den seit seiner Geburt verkrüppelten Arm. Ein Unglück, das hätte verhindert werden können.


Am 27. Januar 1859 warten der preußische König Wilhelm und seine Gemahlin im Berliner Kronprinzenpalais auf die Geburt ihres Enkels Wilhelm. Doch obwohl die Wehen bei der 18-jährigen Schwiegertochter Victoria, einer Tochter der englischen Königin, bereits seit längerer Zeit eingesetzt haben, will das Kind nicht zur Welt kommen - es liegt in einer "Beckenschieflage". Die Gebärende leidet unter unerträglichen Schmerzen - trotzdem greifen ihre englischen Leibärzte nicht ein. Medizinische Mittel stehen ihnen ausreichend zur Verfügung. Die modernsten Instrumente ihrer Zeit liegen bereit. Dennoch werden sie nicht benutzt.




Das Leben von Mutter und Kind ist in Gefahr. Friedrich Wilhelm, der preußische Thronfolger, gerät in Panik: Er ruft den renommierten Geburtshelfer Dr. Werner zu Hilfe. Höchste Eile ist geboten, denn die Herztöne des Kindes werden immer schwächer. Dr. Werner gelingt es schließlich, den Thronerben zur Welt zu bringen. Und es scheint zunächst, dass Mutter und Kind wohlauf sind.

Schatten in der heilen Welt

Eine erlösende Nachricht für die Großeltern - aber dann fällt ein Schatten auf die Freude. Bei dem Neugeborenen zeigen sich Symptome eines Geburtsschadens - der Plexusmuskel des linken Armes ist geschädigt. Besonders die Mutter leidet unter der Behinderung ihres Sohnes - so etwas passt nicht in ihre heile Welt.

Ungenügend ist in dieser perfekten Welt ein grausames Urteil. Im königlichen Palais von Potsdam ist alles fehlerlos: Die besten Handwerker schufen ein Ambiente, in dem alles stimmt. In prachtvollen Räumen wächst Wilhelm heran. Die wunderbaren Möbel und Gemälde sind wie ein stiller Vorwurf an ihn - den von einem Makel Gezeichneten. Wie kann der kleine Wilhelm den Blicken Friedrichs des Großen standhalten, seines legendären Ahnen, der das unbedeutende Preußen fest im Machtgefüge Europas verankerte und all diese Pracht in den armen Agrarstaat brachte.

Preußisch harte Erziehung



Die Erziehung des Prinzen ist preußisch hart. Der Hauslehrer Hinzpeter ist ein Charakter ohne Humor und Gefühl. Täglich zwingt er den Jungen, seinen Arm in den Bauch eines frisch geschlachteten Kaninchens zu legen - um die "Lebensgeister" des toten Tieres auf das behinderte Kind zu übertragen. Ein Ritual, wie aus einem mittelalterlichen Lehrbuch für "Schwarze Magie".

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