"Eine versunkene Kultur entdecken"

Interview mit dem Abenteurer Bruno Baumann

Filmautorin Uta von Borries sprach mit Bruno Baumann über die aufregende Expedition in den Tibet.


Uta von Borries: Was war der Impuls, die Spurensuche nach dem Mythos Shangri La aufzunehmen?


Bruno Baumann: James Hiltons "Shangri La" war ein Buch, das mich bereits als Jugendlicher inspirierte selbst einmal nach Tibet zu reisen. Als dies Anfang der 80er Jahre möglich wurde, habe ich die Gelegenheit sofort ergriffen und bin 1985 zum ersten Mal nach Tibet aufgebrochen. Ich suchte nicht Hiltons Shangri La. Das ist für mich ein Utopia. Mich interessierte eine ganz andere Frage: Ich wollte wissen, ob die Vorstellung von Shangri La als eine Art verlorenes Paradies allein der Fantasie des Autors entsprungen ist oder ob er sich womöglich eines Vorbildes bediente. Hilton hat sein Shangri La irgendwo in Tibet angesiedelt.

Auffällige Übereinstimmung

Bald stieß ich auf das Reisewerk des russisch-deutschen Forschers Nicholas Roerich, der anders als Hilton, selbst Reisen nach Zentralasien und Tibet unternommen hat und behauptet dort Shambhala gefunden zu haben, ein paradiesisches Land der Buddhisten. Sein Reisebericht erschien drei Jahre vor dem Roman des Briten und die Übereinstimmung von Roerichs Shambhala mit Hiltons Shangri La ist zu auffällig, um als bloßer Zufall abgetan zu werden. Damit war für mich diese Frage gelöst, bis ich inmitten der Gebirgswüste des Transhimalaya auf eine neue Spur stieß.


von Borries: Was waren damals ihre ersten Eindrücke von Tibet?


Baumann: Schnell musste ich feststellen, dass sich mein Tibet-Bild aus den Büchern nicht mit der Realität deckte. Wie sollte es auch, denn seitdem war mehr als ein halbes Jahrhundert vergangen - mit umwälzenden Ereignissen. Zuerst kam die chinesische Annexion, dann folgte die Proletarische Kulturrevolution Maos und zuletzt der Einbruch der Moderne.


von Borries: Welche Art von Beziehung haben sie in der Folgezeit zu Tibet entwickelt?


Baumann: Tibet ließ mich nicht mehr los. Fast jedes Jahr kam ich wieder, manchmal sogar mehrmals im Jahr und meine Reisen führten in immer entlegenere Regionen Tibets. Bei Nomaden, an heiligen Bergen und Seen, die nach wie vor Pilger anzogen, fand ich noch etwas von jener tibetischen Kultur und Lebensart, die es vermochte, einen der unwirtlichsten Plätze der Erde in eine beseelte Landschaft zu verwandeln.


von Borries: Gab es ein Schlüsselerlebnis bei Ihrer Spurensuche nach Shangri La?

Drei Jahre auf Entdeckungsreise


Baumann: Nach wochenlangen Fußmärschen über den Transhimalaja kam ich mit meiner Karawane an einem Kloster jener uralten schamanistischen Bön-Religion vorbei, die in Tibet vor der Einführung des Buddhismus existierte. Dort sah ich ein Bild an der Wand, das mich staunen ließ. Es zeigte das Bön-Paradies, das die Mönche dort Olmolungring nannten. Was mich aber am meisten verblüffte: Es ähnelte dem Shambhala der Buddhisten. Nachdem die Bön-Religion viel älter als der Buddhismus ist, drängte sich sofort die Frage ob, ob nicht die Vorstellung von Shambhala von Olmolungring inspiriert wurde. Wenn ja, dann wäre Olmolungring das eigentliche Vorbild für Shangri La. Mit dieser Fragestellung begann eine faszinierende Entdeckungsreise in die Frühgeschichte Tibets, die mich drei Jahre lang in Atem hielt.


von Borries: Was waren die spannendsten Momente und Höhepunkte dieser Entdeckungsreise ?


Baumann: Der erste Versuch, dorthin zu gelangen, scheiterte. Schon nach wenigen Kilometern wurden wir von einer chinesischen Militär-Patrouille angehalten und auf Grund mangelnder Papiere zurückgeschickt. Das Gebiet gilt wegen der Grenznähe zu Indien als militärisches Sperrgebiet. Ich konnte nicht mehr als einen flüchtigen Blick in das Garuda-Tal erheischen. Doch was ich sah, ließ mich staunen. Da gab es ein natürliches Amphitheater von silberfarbenen Felsklippen, mit Ruinen überzogen, die wie ausgebleichte Knochen darauf hingestreut waren. Eine atemberaubende Entdeckung. Doch auch ohne Militärsperre hätte es hier kein Weiterkommen mehr gegeben, denn der Canyon ist von da an unbegehbar. Deshalb kam ich ein Jahr später wieder, mit den richtigen Papieren im Gepäck und auf Booten. Nun hatte ich die Möglichkeit, das gesamte Garuda-Tal zu erkunden.

"Machu Picchu" des Himalaya

Was ich dabei fand, übertraf meine kühnsten Erwartungen. Dort gab es eine ganze versunkene Kultur zu entdecken. Nicht einmal in meinen Träumen hätte ich mir vorstellen können, dass es in einer Zeit, in der Menschen in den Weltraum fliegen können, Satelliten die Erde beobachten und der Globus scheinbar bis in die letzten Winkel geographisch und kartographisch erforscht ist, noch eine Art "Machu Picchu" des Himalaja zu finden gibt, in das noch nie ein Archäologe seinen Fuß gesetzt hat.


von Borries: Was war für Sie der gefährlichste, spektakulärste Part dieser Expedition?


Baumann: Es war die Bootsfahrt auf dem Sutlej, mitten hinein in den völlig unbekannten Teil des Canyons. Noch nie zuvor wurde dieser Fluss befahren. Wir hatten keinerlei Wissen, welche Schwierigkeiten uns dort erwarten würden. Wir wussten nur, dass wir den "Grand Canyon" des Himalaja vor uns hatten und dass wir dort ganz auf uns allein gestellt sein würden. Wir hatten zwei Wildwasser taugliche Schlauchboote, bepackt nur mit der lebensnotwendigen Ausrüstung. Jedes Gramm Gewicht zählte, jeder einzelne Teil war wichtig und Verluste konnten wir uns keine leisten. Ein falscher Paddelschlag konnte schon fatale Folgen haben, denn auf einem Wildfluss gibt es kein zurück, sondern nur ein vorwärts.

Kein Zurück mehr

Bald schon traten die Canyonwände bis auf wenige Meter zusammen, der Fluss wurde schwieriger. Riesige abgesprengte Felstrümmer, Steilstufen und Katarakte versperrten den Booten den Weg. Das Gelände wurde immer unübersichtlicher, weshalb sich einer von uns an ein langes Seil band und im Wasser mitreißen ließ, um jeweils hinter die nächste Biegung, eine Steilstufe oder eine Verblockung zu schauen. Doch dann geschah das, was wir am meisten fürchteten und unbedingt vermeiden wollten. Plötzlich verengte sich der Canyon und vor uns sah es so aus, als würde der Fluss in den Felsen verschwinden. Wir hatten das letzte Kehrwasser verpasst und jetzt gab es für uns kein Zurück mehr. Sollte die folgende Stelle unbefahrbar sein, saßen wir in der Falle, denn es gab auch kein Entkommen.

Die Wände zu beiden Seiten waren gut 400 Meter hoch, senkrecht und glatt. Wir zogen die Boote an eine von herabgestürzten Felstrümmern geschaffene Plattform und überlegten, was wir tun konnten. Einfach weiter drauflos fahren, war viel zu riskant: Was, wenn plötzlich ein Wasserfall kommt, der Fluss unbefahrbar wird? Ein Erkunden war nicht möglich, weil wir mehrere hundert Meter Seil gebraucht hätten. Wir entschieden uns, das Unmögliche mit einem Boot zu versuchen.

Wunder der Natur

Was dann folgte, gehörte zum Schönsten was ich an Canyonlandschaften je sah. Die Wände zu beiden Seiten traten so eng aneinander, dass wir sie mit ausgestreckten Armen berühren konnten. Der Himmel war nur noch ein schmaler Schlitz. Der Fluss aber war völlig ruhig geworden, wie ein Band aus grüner Seide wand er sich zwischen die Felsen durch, so schön und unberührt, dass ich zögerte, mein Paddel einzusetzen. Wir ließen uns einfach treiben, lautlos, dieses Wunder der Natur bestaunend.

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