Eine Vision wird Wirklichkeit

Sieg für Westinghouses Wechselstrom

Während der Diskussionen um den Einsatz des elektrischen Stuhls reist Thomas Alva Edison von einer Weltausstellung zur nächsten und feiert gigantische Triumphe. Überall in Europa spricht man nur von Edison und der Magie des elektrischen Lichts. In Paris lässt er die Champs des Mars im Lichterglanz erstrahlen. Doch am Ende wird sich Westinghouses Wechselstromsystem durchsetzen.

In Amerika wartet ein noch größeres Projekt. 400 Jahre Kolumbus, die Entdeckung der neuen Welt, soll 1893 auf der Weltausstellung in Chicago mit einem noch nie da gewesen Lichtermeer gefeiert werden.

Zuschlag für Westinghouse

Edison entwickelt eine Maschine, um Glühbirnen fast automatisch zu produzieren. Denn für die Ausstellung in Chicago werden Tausende gebraucht. Edison beteiligt sich an der Ausschreibung und sieht sich selbstverständlich schon als Sieger. Da unterbietet George Westinghouse Edison um eine halbe Million Dollar und erhält den Zuschlag. Doch er hat die Rechnung ohne die Banken gemacht. Inzwischen schuldet er Nikola Tesla zwölf Millionen Dollar, alles Tantiemen aus dem bestehenden Lizenzvertrag.

Wunder der Elektrizität

Westinghouse ist bankrott, wenn Nikola Tesla auf der Erfüllung des Vertrages besteht. Mit schlechtem Gewissen erklärt er ihm die Situation. Er braucht dringend zusätzliches Kapital, wenn sein System Chicago erleuchten soll. Tesla sind seine Ideale wichtiger als Geld. Und hat George Westinghouse nicht immer an ihn und sein Genie geglaubt? Jetzt ist der Moment des Dankes gekommen. Nikola Tesla zerreist den Vertrag. Nur wenige Monate bleiben den beiden zur technischen Vorbereitung für die Kolumbus-Feier.
Aber Edison gibt sich nicht geschlagen. Er verbietet die Benutzung seiner Glühbirnen. Innerhalb von 20 Wochen muss Westinghouse einen eigenen Leuchtkörper entwickeln, eine Fabrikation auf die Beine stellen und 250.000 Stück produzieren. Bis zum letzten Tag schuften Westinghouses Leute, dann ist es soweit. Tausende von Besuchern drängeln sich bei der Eröffnung. Fast 30 Millionen Menschen kommen zur Ausstellung nach Chicago, um das gigantische Lichtermeer von Westinghouse und Tesla zu sehen - sie wollen das Wunder der Elektrizität zu erleben.

Ein triumphaler Sieg für das Wechselstromsystem. Westinghouse scheint endgültig der Durchbruch gelungen zu sein. Auch die Niagara-Kommission, die den Preis zur Nutzbarmachung der Wasserfälle ausgeschrieben hat, ist tief beeindruckt und überzeugt: Nur Wechselstrom kann die Kraft der Fälle wirklich nutzen. Westinghouse erhält den Auftrag, ein Kraftwerk zu entwickeln.

Sensation aus Deutschland

Schon zwei Jahre zuvor hatten Tesla und Westinghouse von einem bahnbrechenden Projekt erfahren. Im fernen Europa unternahm 1891 ein junger Deutscher namens Oskar von Miller einen Aufsehen erregenden Versuch. Er generierte Strom angetrieben von der Wasserkraft des kleinen Flusses Neckar. Transformierte ihn von 55 auf 15.000 Volt und schickte ihn auf die Reise. 175 Kilometer weit hat er die erste Überlandleitung nach Frankfurt am Main gebaut. Eine Sensation, deren Wellen über den Atlantik schlagen.


Das Experiment aus Deutschland hat bewiesen: Wechselstrom kann über große Strecken transportiert werden. Westinghouse Electric macht sich die Erfahrungen des deutschen Forschers zu nutze, um das Niagara-Kraftwerk zu entwerfen, und Nikola Tesla entwickelt die mächtigsten Generatoren und Turbinen, die die Welt bisher gesehen hat.

Durchbruch in der Technik-Geschichte

Im Jahr 1895 ist es soweit: Das Kraftwerk am Niagara wird eröffnet. Es ist ein Durchbruch in der Geschichte der Technik, von dem Generationen träumten. Nikola Tesla und George Westinghouse haben die Vision Wirklichkeit werden lassen. Die Kraft der Niagara-Fälle für das Land zu nutzen, bedeutet endgültig den Sieg im Stromkrieg.

Das Wasser rauscht in 50 Meter tiefe Schächte. Dort treiben zehn Turbinen mit einer Kraft von insgesamt 50.000 Pferdestärken jeweils einen großen Wechselstromdynamo an. Vom Kraftwerk wird der Strom auf die zehnfache Spannung - 22.000 Volt - gebracht und ins 36 Kilometer entfernte Buffalo transportiert. Dort treibt er - wieder auf eine niedrigere Voltzahl transformiert - Maschinen an, beleuchtet Straßen und Geschäfte.

Neue fantastische Experimente

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entfacht Nikola Tesla ungeheuere Energien mit seiner Tesla-Spule. Nach dem Niagarakraftwerk hatte er sich neuen fantastischen Experimenten gewidmet. In der Nähe von New York beginnt er ein neues revolutionäres Projekt: Von einem hohen Turm will er Strom zum Antrieb von Schiffen und Maschinen drahtlos verschicken. Doch seine letzte große Vision verwirklicht er nicht.


Der Sieg im Stromkrieg hat die Firma Westinghouse endgültig zum Weltkonzern gemacht. 50.000 Menschen arbeiten nun für ihn. Die Expansion verschlingt gigantische Summen. Doch hinter Westinghouse stehen keine großen Finanziers. Als im Oktober 1907 die amerikanischen Finanzmärkte zusammenbrechen, kündigen ihm die Banken die Kredite. George Westinghouse steht vor 70 Millionen Dollar Schulden. Schließlich muss er die Kontrolle über seine Firma abgeben. Sein Lebenswerk bricht zusammen. Westinghouse hat es versäumt, sich rechtzeitig nach starken Verbündeten umzusehen.

Berühmtester Erfinder der Welt

Thomas Edison aber geht als berühmtester Erfinder der Welt - mit 1093 Patenten in die Geschichte ein. Der Phonograph, die Filmkamera, die Schallplatte, die Glühbirne - Für immer wird sein Name mit diesen Erfindungen verbunden sein. Seinem Sohn gegenüber gab er schließlich zu: "Ich glaube der größte Fehler meines Lebens war, dass ich nicht auf Wechselstrom umgestellt habe." Als Thomas Alva Edison am 18.Oktober 1931 starb, wurden alle Glühbirnen Amerikas für eine Minute gedimmt.

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