"Eine weltweite Gemeinschaft"

Islam-Wissenschaftler Prof. Nanji über die Geschichte und Tradition der Ismailis

Prof. Dr. Azim Nanji, Direktor des Instituts für Ismailische Studien in London, spricht im Interview über die schwierige Aufgabe, das falsche Image einer religiösen Minderheit zu korrigieren.


ZDFonline: Herr Professor Nanji, welchen Forschungsauftrag hat Ihr Institut und was bedeutet es, ismailische Geschichte zu rekonstruieren?



Dr. Azim Nanji: Unser Institut feiert in diesem Jahr seinen 25. Geburtstag. Wir sind also eine sehr junge Forschungseinrichtung. Wir wollen die Geschichte und Tradition der Ismailis anhand von Originalquellen rekonstruieren. Das ist die wichtigste Aufgabe, die wir uns gestellt haben. Denn bisher wurde unsere Geschichte stets anhand von Quellen erzählt, die nicht ismailisch sind - das heißt: Quellen, die der Bewegung fast immer feindlich gegenüber stehen.

Umfangreiche Bibliothek zerstört


ZDFonline: Offensichtlich gingen während verschiedener Kriege und Pogrome viele Bücher und Schriften verloren. Was bedeutet das?


Nanji: Gegen Ende des Fatimiden-Kalifats zum Beispiel zerstörten die Eroberer systematisch die umfangreiche Bibliothek der Ismailis in Kairo - in der heute berühmten Al Ahzar Universität. Aus den Ledereinbänden der Bücher machten sich die Soldaten Schuhe, den Innenteil warfen sie weg. Es heißt, dass das Wasser im Nil viele Tage lang vor lauter Papier überhaupt nicht mehr zu sehen war.

Der zweite schwere Verlust kam mit dem Ende des ismailischen Staates in Alamut. Die Mongolen zerstörten die Burg und brannten auch dort die Bibliothek nieder. So ging über die Jahrhunderte der Großteil des ismailischen Erbes verloren. Unsere Aufgabe ist es, selbst die kleinste Hinterlassenschaft aufzuspüren - sei es ein Buch, eine Münze oder sogar mündliche Überlieferung. Wir wollen diese spärlichen Originalquellen bewahren und daraus die Geschichte der Ismailis rekonstruieren. Das heißt nicht, dass es die einzigen Quellen sind. Aber wir haben eben nur sehr reduziertes Material zur Verfügung, um unsere Vergangenheit zu erforschen.

Zentrale Rolle des Imam


ZDFonline: Was unterscheidet die Ismailis von anderen Muslimen?


Nanji: Wie alle andere Muslime, so glauben auch die Ismailis an die Säulen des Islam: an den einen Gott und an die Botschaft des Propheten, wie sie im Koran offenbart ist. Im Lauf der Zeit haben sich aber viele verschiedene Gruppen herausgebildet. Wir gehören zur schiitischen Ausrichtung.


Wir glauben, dass dem Imam die Aufgabe zufällt, die Gemeinde zu führen und die Botschaft des Koran - nach den Bedürfnissen der Zeit - auszulegen. Nach Vorstellung der Ismailis ist der Imam ein direkter Nachkomme des Propheten. Deshalb ist die Rolle des Imam einer der zentralen Punkte in der ismailischen Lehre. Er bestimmt, wie die Religion - in verschiedenen Epochen der Geschichte - ausgeübt wird. Er gibt der Gemeinde Anweisungen, wie sie im jeweiligen Umfeld leben soll. Wie die anderen Schiiten, so glauben auch die Ismailis, dass der Imam von Gott geleitet wird. Aber er selbst ist nicht göttlich, denn kein Mensch besitzt göttliche Eigenschaften.


ZDFonline: Wie sehen sich die Ismailis heute?
Nanji: Die Welt hat sich dramatisch verändert. Die Ismailis sind eine weltweite Gemeinschaft. Sie leben heute in verschiedenen Kontinenten als Bürger vieler Staaten. Unsere Gemeinde ist sehr aktiv. Sie versucht, die Lebensqualität für die Gläubigen zu verbessern, aber auch für jene Menschen, die mit ihnen zusammenleben. Wir glauben, dass der Islam auch eine starke ethische Dimension hat. Das erfordert, sich der Idee von sozialer Gerechtigkeit zu verschreiben. Um nach diesem Grundsatz zu handeln, muss jeder auch sein eigenes soziales Gewissen einbringen. Eine der größten Herausforderungen in unserer Zeit ist es, dass wir versuchen, andere Kulturen und Traditionen zu verstehen - besonders jene, die in der Vergangenheit von Mythen umrankt waren. Wir alle müssen uns um gegenseitiges Verständnis und Respekt bemühen. Es ist wichtig zu begreifen, dass Legenden dazu benutzt wurden, um Fakten zu verschleiern. Ich glaube, je mehr wir selbst in die mythische Falle tappen, desto mehr beschreiten wir das Feld der Unwissenheit. Das macht das Zusammenleben in gegenseitigem Verständnis und Respekt in der globalisierten und multikulturellen Welt von heute sehr schwierig.

Mohammeds Botschaft des Friedens


ZDFonline: Was denken die Ismailis, wenn sie immer wieder mit den Assassinen und mit Gewalt in Zusammenhang gebracht werden?
Nanji: Leider passiert das tatsächlich immer wieder. Aber ich glaube, die Geschichte zeigt, dass sich die Ismailis in der Vergangenheit gegen eine feindliche Übermacht verteidigen mussten. Gewalt als Mittel der Existenzsicherung ist vor allem mit der Epoche von Alamut verbunden. Doch nie griffen die Isamailis einen Zivilisten an. Sie haben lediglich versucht, der Gemeinschaft ein Überleben zu ermöglichen. Schon sehr frühe westliche Quellen beschreiben die Anfänge des Islam und die Religion im allgemeinen als gewalttätig. Denn für christliche Autoren war es kaum vorstellbar, dass der Prophet seine Botschaft anders als durch Gewalt hätte verbreiten können. Auch eine von vielen Legenden, die schwer auszurotten ist. Bezeichnend ist auch der Begriff des Märtyrertums in Verbindung mit dem Paradies. Doch diese Vorstellung gibt es in jeder Religion. Eigentlich hat Mohammed durch die Begnadigung seiner Gegner in Mekka allen Muslimen und in der Tat auch den Ismailis eine Botschaft des Friedens hinterlassen, die jeden Versuch, Glauben durch Gewalt zu verbreiten, zunichte machen sollte.

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