"Einer der heftigsten Jobs meines Lebens"

Interview mit dem Kameramann Ingo Isensee

Gewitter, Regenböen und körperliche Blessuren - auf drei Etappen begleitete Kameramann Ingo Isensee die Expedition Lapita Voyage und erlebte eine Zeit, die ihn nachhaltig prägte. Isensee zieht Bilanz darüber, wie die Zeit an Bord für ihn war, was ihn prägte und ihm Halt gab.

Wellen brechen über Schiffe der Lapita Voyage
Wellen brechen über Schiffe der Lapita Voyage Quelle: ZDF

ZDF: Inwiefern war diese Expedition für Sie als erfahrener Kameramann eine Grenzerfahrung?

Isensee: Aufgrund des Platzangebots und der Länge der Expedition war schnell klar, dass außer mir niemand vom Filmteam dort mitfahren wird. Ich hatte gerade ein gutes Jahr vorher die Schilfbootexpedition "Abora III" über den Nordatlantik begleitet und hatte damit kein Problem. Von dort kannte ich auch die permanente Anspannung von 24 Stunden-Stand-by - über mehrere Monate auf dem Sprung, jede Minute drehbereit! Bei dieser Expedition kamen allerdings einige Fakten erschwerend hinzu: Zwei Boote mit ständig wechselnden Mannschaften auf sechs Etappen, kein komplett wassersicherer Platz auf dem Boot, kleine Mannschaften, wechselnde Wissenschaftler an Bord. Ohne die Hilfe von Matt Fletcher (Teilnehmer der Expedition, Anm. d. Red.) wäre ich sicherlich öfter an Grenzen gestoßen. Die ständige Bedrohung der Kameratechnik durch das Salzwasser durch das geschlitzte Deck und die undichten "Sargdeckel" erforderte große Konzentration.

Abora in der Flaute Quelle: ZDF

ZDF: Inwiefern entwickelt man sich auch persönlich weiter oder entdeckt neue Züge an sich selbst?

Isensee: Die Anforderungen einer Segelexpedition bin ich durch drei vorangegangene Expeditionen mit Experimentalbooten gewohnt. Sie passen gut in mein Leben.

ZDF: Welche Eigenschaften helfen dabei, eine solche Expedition durchzustehen und nicht den Kopf zu verlieren?

Isensee: Man braucht schon eine gute Portion Ruhe und Bodenhaftung. Jemand, der in gefährlichen Situationen nur noch hektisch herumstürzt und ausflippt, hat bei solch einer Expedition nichts zu suchen und ist eine Gefahr für alle anderen Expeditionsteilnehmer. Der zweite wichtige Punkt ist eine gewisse "Leidensfähigkeit". Oft muss man körperliche Erschöpfung und Schwächen ignorieren, schließlich wird der Drehplan bei einer Expedition zu großen Teilen von außen bestimmt, Wach- und Steuerschichten müssen absolviert werden. Der Körper muss sich dann regenerieren, wenn nichts passiert. Teamfähigkeit, Geduld und der unbedingte Wille, die Sache zu Ende zu bringen, sind Eigenschaften, die man als Kameramann mitbringen sollte, um nicht mittendrin das Handtuch zu werfen.

Kleidung wird an Deck getrocknet.
Lapita Voyage: Sachen trocknen an Deck Quelle: ZDF

ZDF: Wie sind Sie selbst mit extremen Situationen umgegangen?

Isensee: Die oberste Devise ist "Durchbeißen". Krankheiten müssen nebenbei bewältigt werden. Ich kann meine körperlichen und mentalen Reserven in solchen Situationen auch über viele Wochen ganz gut abrufen. In Extremsituationen muss man oft schnell handeln und entscheiden - ich reagiere dann intuitiv, und hinterher quält mich oft die Frage, ob ich mich richtig entschieden habe. Auf See heißt es "immer eine Hand fürs Boot", wenn es hart auf hart kommt. Aber die Andere - für die Kamera oder für das Team? Besonders bei einer kleinen Besatzung oft eine schwierige Entscheidung. In der Zeit in Lata auf den Santa-Cruz-Islands habe ich bestimmt ein Vermögen vertelefoniert, um mit Redaktion und Produktionsleitung Rücksprache zu halten und mich auch mental zu stabilisieren. Einige Mitsegler verließen plötzlich die Expedition, andere tauchten plötzlich auf; einer wollte nicht mehr auf sein Boot zurück, sondern auf dem anderen weiterfahren. Irgendwie mussten wir auch langsam unsere Rückkehr organisieren, allerdings ohne genaue Zeiten zu kennen. Es entstand ein großer innerer Druck, den man mit niemandem an Bord teilen konnte.

ZDF: Welches war die prägendste Erfahrung, die Sie auf der Expedition gemacht haben?

Isensee: Eines der eindrücklichsten Erlebnisse war sicherlich die Zeit, in der wir nur nach Sternen und Wellen navigierend nach Anuta gesegelt sind. Dann war am Horizont diese Mini-Insel zu sehen - vor Freude habe ich beim Anlanden in den Brandungswellen gleich einen unfreiwilligen Looping mit unserem Beiboot gemacht (und schallendes Gelächter der 300 Inselbewohner geerntet).

Animation: Boot steuert auf Stern über einer Insel zu.
Naturnavigation: Orientierung anhand der Sterne Quelle: ZDF

Angst kam auch auf, vor allem während des Sturmes in der ersten Gewitternacht. Das Boot war noch unfertig, die Segler mit der Situation überfordert. Extrem bedrohlich wurde noch einmal eine Situation auf unseren letzten zehn Seemeilen. Wir waren umgestiegen auf ein kleines Beiboot und fuhren um die Insel Nendo.

Als ein Unwetter aufkam, lief das offene Motorboot langsam voll. Gerettet haben uns zwei Wasserflaschen, ein Taschenmesser und der gute Fahrer.

Harte Erfahrungen waren darüber hinaus die zermürbenden Tage und Wochen der Regenzeit und die Rückfahrt auf einem Frachtschiff: Auf offenem Deck mit 50 quiekenden Schweinen direkt neben meiner Isomatte.

ZDF: Wie haben Sie die Stimmung an Bord erlebt?

Isensee: Sehr durchwachsen. Ich hatte oft das Gefühl, dass eigentlich zwei Boote eine Parallelfahrt machen, deren Crews unterschiedliche Vorstellungen von dieser Expedition hatten. Durch den organisatorisch bedingten Wechsel der Besatzungen kam nicht so richtig ein Wir-Gefühl auf. Die Regenzeit und der Zeitdruck haben sich nicht unbedingt positiv auf die Stimmung ausgewirkt. Dann kam natürlich auch wieder Hochstimmung auf, wenn ein Ziel geschafft war oder es einen schönen Segeltag gab.

ZDF: Wie haben die Menschen sich im Laufe der Expedition verändert?

Isensee: Auffällig waren natürlich körperliche Veränderungen, einzelne Crewmitglieder haben bis zu 18 Kilo abgenommen. Gerade den älteren Teilnehmern hat man die starken Strapazen deutlich angesehen - alle haben auch bei Krankheiten durchgezogen, eine Leistung, die mir sehr imponierte. Erstaunlich finde ich immer wieder, wie schnell sich Menschen an solche Lebensbedingungen anpassen können.

ZDF: Was treibt Menschen Ihrer Meinung nach an, bei einer solchen Expedition mitzumachen?

Isensee: Neugier auf ein total anderes Leben - oder wie ich es auf meiner zweiten Schilfbootexpedition einmal formulierte: "Den ganzen Klumpatsch, den man im Alltag mit sich herumschleppt, zu Hause lassen und ein halbes Jahr lang sein Leben ausschließlich auf eine Sache konzentrieren." Grenzerfahrungen oder die Möglichkeit, tief in eine andere Kultur einzutauchen. Während solch einer Expedition mit all ihren Schwierigkeiten lernt man ein fremdes Land wesentlich intensiver und näher kennen und bekommt ganz andere Kontakte, als es bei einem Urlaub je möglich wäre.

Bewohner der Pazifik-Insel Anuta
Bewohner der Pazifik-Insel Anuta Quelle: ZDF

ZDF: Inwiefern hat diese Zeit Einfluss auf Ihr weiteres Leben genommen?

Isensee: Ich habe in dieser Zeit viel über Gruppendynamik gelernt, wie wichtig ein gutes Team ist und wie stark der Erfolg des eigenen Tuns (in meinem Fall die Filmerei) von der gesamten Mannschaft abhängt. Wenn da nicht alle am gleichen Strang ziehen, gibt es schnell Probleme. Ich werde mich vor meiner nächsten Expedition sicherlich intensiv mit dieser Thematik beschäftigen.

ZDF: Wie bewerten Sie die Zeit an Bord - nun mit ein wenig Abstand?

Isensee: Es war mit Sicherheit einer der heftigsten Jobs meines Lebens. Anstrengend und interessant, schwierig und schön! Aber dann sind alle Strapazen vergessen - Anuta und Tikopia sind eine lange Reise wert.

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