Eingeschlossen im Hiskia-Tunnel

Autorin Renate Beyer über ein Dreherlebnis mit Schrecken

Unsere Dreharbeiten gestalteten sich zu einer spannenden Spurensuche. Erstes Motiv auf unserem Drehplan war der biblische Hiskia-Tunnel, der bis heute funktionstüchtig ist und zu den Highlights aller jüdischen Jerusalem-Touristen zählt. Und genau das führte uns in unserem engen Zeitplan in eine brenzlige Situation.

Eingang zum Hiskia-Tunnel
Eingang zum Hiskia-Tunnel

Ich hatte mit der Tunnel-Verwaltung ausgehandelt, dass wir nach der offiziellen Schließung um 15 Uhr, noch zwei Stunden im Tunnel drehen dürften - das war das Äußerste, was ich zu erreichen vermochte, denn ab 17 Uhr war Schabbatbeginn. Wir konnten aber nur ab diesem Freitag drehen, weil der Ausgräber des Tunnels, der bekannte Archäologe Ronny Reich, an keinen anderen Tag Zeit hatte, uns zu begleiten. Aber leider funktionierte die Zeitplanung überhaupt nicht, denn gerade an diesem Tag wollten mehr Besucher als sonst, die 530 Meter durch den Tunnel laufen. Um 15.30 Uhr kamen immer noch Gruppen, und wir wurden nicht eingelassen. Da standen wir nun mit all den Akkulampen und der wassertauglichen Kameraausrüstung.

Hochprofessionell im Taucheranzug

Wir wussten, dass der Tunnel an manchen Stellen nur 1,50 Meter hoch, an anderen 1,85 Meter und höher ist, dass er über lange Strecken so schmal ausfällt, dass keine zwei Leute aneinander vorbeikommen, und dass einem das Wasser, je nachdem wie groß man ist, bis zur Taille oder bis zum Hals reicht. Unser Stringer hatte geraten, rutschfeste Stoffschuhe anzuziehen, auf keinen Fall barfuß zu gehen. Wir hielten uns mit Shorts, T-Shirt und Turnschuhen für tunneltauglich gekleidet, auch Ronny Reich trug Shorts und Turnschuhe, nur der Kameramann, der die Erfahrung mehrerer Unterwassereinsätze mitbrachte, steckte hochprofessionell in einem Taucheranzug.

Verlauf des Hiskia-Tunnels
Verlauf des Hiskia-Tunnels

Auf die orthodox-jüdischen Besuchergruppen, die an uns vorbeizogen, müssen wir in höchstem Maße skurril gewirkt haben. Jedenfalls starrten sie uns genauso verdutzt an wie wir sie. Die Männer trugen schwere, schwarze Anzüge, schwarze Halbschuhe und große schwarze Hüte - man muss dazu sagen, dass es draußen, über dem Tunnel, etwa 36 Grad heiß war - die Frauen waren alle züchtig verhüllt, steckten in Blusen, Strickjacken und langen, weiten Röcken, und da nun wirklich kein Kinderwagen durch den Hiskia-Tunnel passt, trugen manche ihr Jüngstes auf dem Arm, hielten das größere Kind an der Hand und manchmal kam noch ein zweites hinterher. Zu unserem großen Erstaunen verschwanden alle diese Familien, so wie sie waren, fröhlich und furchtlos im Dunkel des Hiskia-Tunnels.

In die nasse Finsternis

Als wir dann endlich rein durften, war es schon 15.40 Uhr. Der Wachmann, sowie die Helfer, die zuständig waren für die ordnungsgemäße Schließung des Tunnels, machten uns unmissverständlich klar, dass sie nicht über 17 Uhr hinaus auf uns warten würden. Um Punkt 17 Uhr würden sie ihren Arbeitstag beenden und den Tunnel schließen, egal, ob wir noch drin wären oder nicht. Gute Aussichten für uns. Wir haben zuerst das Interview mit Ronny gedreht, dann haben wir uns vorsichtig, einer nach dem anderen, Ronny vorn und Stringer Manes ganz hinten, weiter hinein gearbeitet in die nasse Finsternis. Das Wasser stieg höher und höher, und reichte mir bald bis zur Taille. Anfangs war es noch angenehm kühl, aber bald wurde es richtig kalt.

Aber dafür wurden wir mit grandiosen Ansichten belohnt. Im Schein der Akkulampen glitzerte das Wasser tiefblau und geheimnisvoll und die Tunnelwände schimmerten rot-violett. Wir waren begeistert. Manes sagte immer mal wieder die Uhrzeit an und mahnte zur Eile. Aber wir waren nicht zu bremsen. Ronny erzählte, und wir sahen vor unserem geistigen Auge Hiskias Bauarbeiter , die mit ihren einfachen Werkzeugen die Wasserleitung in den Fels schlugen. Ralph wollte nur noch ein Bild schießen und noch eins, und natürlich war es ganz schnell 17 Uhr.

Die Gefängis-Tür öffnet sich

Zum Glück waren wir noch nicht allzu weit vom Tunneleingang entfernt. Doch als wir dort wieder ankamen, war er bereits geschlossen. Für einen Moment stockte uns allen der Atem. Eingesperrt im Hiskia-Tunnel? Es war inzwischen 17.20 Uhr. Dann hörten wir Geräusche und fingen an zu schreien. Und tatsächlich - jemand antwortete, Schritte kamen näher, ein Schlüssel wurde eingesteckt, unser Gefängnistor öffnete sich. Vor uns im hellen Licht standen wie zwei Cherubim der Tunnelwächter und unser Kamera-Assistent aus Tel Aviv. Ihm hatten wir unsere Rettung zu verdanken.

Als wir um kurz nach 17 Uhr noch immer nicht am Tunnelausgang waren, hatte er den Zuschließer abgepasst, der gerade seines Amtes waltete und ihn überreden können, wieder aufzuschließen. "Okay", hatte der gesagt, "aber einen kleinen Schrecken sollen sie kriegen." Es sollte nicht der einzige bleiben auf dieser Drehreise. Im Hiskia-Tunnel aber waren wir später noch zwei Mal, und er war uns am Ende so vertraut, dass uns die Vorstellung, dort eingeschlossen zu werden, nichts mehr anhaben konnte.

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