Eisiger Dammbruch mit Folgen

Wie ein Schmelzwassersee die USA verwüstete

Es ist eine bizarre Landschaft im Nordwesten der USA, die von tiefen Furchen durchzogen ist. Schluchten und Canyons aus nacktem Fels zeugen von einer Katastrophe, die sich zum Ende der letzten Eiszeit, vor etwa 16.000 Tausend Jahren, zugetragen hat - eine Megaflut überrollte weite Teile der Vereinigten Staaten.

Karte überflutete Landschaft Nordamerika Quelle: ZDF

Damals waren große Teile des westlichen Noramerikas von der Eisdecke des Kordilleren-Eisschildes überzogen. Im Süden ragte die riesige Fläche bis zu den Rocky Mountains. Hier bildeten sich Schmelzwasserseen, die durch gewaltige Dämme aus Eis blockiert wurden. Der gewaltigste dieser Seen war der Missoulasee, der zeitweise mehr Wasser enthielt als der heutige Ontario- und Eriesee zusammen - die unvorstellbare Menge von mehr als 2.000 Kubikkilometer geschmolzenem Gletschereis. Sein Wasserspiegel stieg, bis er schließlich rund 600 Meter tief war. Das wurde zu viel für den Gletscherdamm.

Computeranimation anrollende Wasserwelle Quelle: ZDF

Mit 130 Stundenkilometern über das Land

Die Blockade aus Eis begann zu schwimmen, sodass der Damm das Gewässer nicht mehr halten konnte. Gewaltige Wassermassen wurden mit einem Schlag freigesetzt. Das erste, was die nahende Flutwelle ankündigte, waren Staub und Wind, dazu ein dunkles Grollen. Wie eine abgefeuerte Bombe schoben die Wassermassen eine Schockwelle aus Luft vor sich her. Mit 130 Kilometern pro Stunde ergoss sich das Wasser über den Kontinent und suchte sich durch den heutigen Bundesstaat Washington seinen Weg Richtung Pazifik.

Auf dieser Strecke rissen die Wassermassen alles mit sich. Sie gruben tiefe Schluchten in das Plateau, über das sie sich ergossen. Aus der Luft kann man heute auf einer Fläche von 40.000 Quadratkilometern das charakteristische Landschaftsmuster erkennen, das die Fluten des Missoulasees in den Boden gruben: Die Canyons sehen aus, als seien sie geflochten. Die Gräben spalten sich auf, kreuzen sich, finden wieder zusammen, um sich schließlich erneut zu entzweien. Anders als ein übliches, baumähnlich strukturiertes Flusssystem, in dem kleinere Nebenarme zu immer größeren Strömen zusammen fließen.

Nackter Fels Quelle: ZDF

Am Ende blieb nur der nackte Fels

Das Wasser floss alles andere als gemächlich gen Ozean. In nur zehn Stunden bahnte sich die Flut einen Weg von ihrer Quelle bis zum Ozean - eine Strecke, die ungefähr der Länge Deutschlands entspricht. Binnen zwei Tagen entleerte sich der Missoulasee vollständig. Die Wassermassen schnitten bis zu 200 Meter tief in den Boden und spülten Milliarden Tonnen festen Gesteins fort. Übrig blieb bloß der nackte Fels, die Erdschicht darüber wurde vollkommen abgetragen. Lebewesen, die ihren Weg kreuzten, stürzten die Fluten geradewegs ins Verderben. Zerschmetterte Knochen von Mammuts und anderen großen Pflanzenfressern legen davon eindrucksvoll Zeugnis ab.

Mächtige Strudel schliffen mithilfe mitgerissener Gesteinsbrocken riesige Kessel in den Boden. Auch der größte Strudelkessel des Planeten wurde von der Missoulaflut geschaffen. Als die Wassermassen schließlich das Meer erreichten, verteilten sich die Sedimente in einem Radius von 2000 Kilometern auf dem Meeresboden.

Megaflut war kein Einzelfall

Viele Forscher sind heute überzeugt, dass es am Ende der Eiszeit zahlreiche solcher Fluten gegeben hat. Die Landschaft weist Spuren von mehr als 40 großen Fluten auf. Auch am Rand des leer gelaufenen Missoulasees entstand alsbald ein neuer Eisdamm - der schließlich wieder den Wassermassen nachgab. Allerdings wurden zum Ende der Eiszeit die Eisschichten stetig dünner, sodass die Fluten an Gewalt verloren.

Auch heute noch kommt es zu Schmelzwasser-Fluten. Im Oktober 1996 brach der isländische Vulkan Grímsvötn aus. Ein Feuerberg, der unter dem volumenmäßig größten Gletscher Europas gefangen ist, dem Vatnajökull. Große Mengen Schmelzwasser entstanden, die in das Reservoir des ebenfalls unter dem Gletscher liegenden Grímsvötn-Sees flossen. Der kritische Punkt war längst überschritten, als die eisigen Wände des Sees nachgaben und die Wassermassen zu Tal stürzen ließen. Während des Gletscherlaufs, den man in Island Jökulhlaup nennt, schossen pro Sekunde 50.000 Kubikmeter Wasser unter dem Eis heraus. Straßen, Brücken und Stromleitungen hatten dem Wasser nichts entgegen zu setzen.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet