Eje besteigt den Thron

Wieder ein Mordmotiv

Eje, väterlicher Freund und langjähriger Ratgeber der Familie, kann sich selbst nach Echnatons Ableben in der Führungsriege halten. Als Wesir des neuen Regenten Tutenchamun nimmt er nach wie vor entscheidenden Einfluss auf alle politischen Entscheidungen.

Der listige Staatsmann gewinnt Geschmack an seiner Position - als graue Eminenz hinter den Kulissen. Die amerikanischen Fahnder Cooper und King halten den Beamten für einen intelligenten Intriganten - zerfressen von Ehrgeiz. Ein Opportunist, der seine Überzeugungen häufig wechselt. Öffentlich huldigt er unter dem Ketzerkönig dem Sonnengott Aton, im Geheimen aber stützt er die Amunpriester. Im Namen von Tutenchamun schließlich führt er die alte Staatsreligion wieder ein. Eje hat viele Gesichter.

Heiliges Ritual

Um ihn als Täter dingfest machen zu können, suchen die Detektive noch einmal in der Sargkammer nach Anhaltspunkten. Im Mittelpunkt ihrer Untersuchung: die prächtigen Wandbilder. Die einzigartigen Dokumente erzählen von der Wiederauferstehung des toten Pharao in der jenseitigen Welt. Vor allem das heilige Ritual der Mundöffnung kurz vor der Beisetzung des Verstorbenen weckt das Interesse der beiden Amerikaner. Der Thronfolger berührt mit einem Werkzeug das Gesicht des Verstorbenen und bringt so seine Seele und Lebenskraft in den toten Körper zurück.

Die Prozedur ist ein Privileg des nächsten Herrschers. Im Fall von Tutenchamun genießt Eje den Vorzug. Da die Arbeiten an der Kammer sofort eingestellt werden, wenn der Pharao stirbt, muss der Wesir seine Karriere vorausgesehen haben. Wie sonst könnte sein Porträt die Wände schmücken. Ein unerhörter Vorgang, denn der Höfling entspringt keinem Adelsgeschlecht. Der Priester, ein Mann aus dem Volk, erhebt sich zum gottgleichen Wesen. Auf einem uralten Steinring verewigt - sein eigener Name und der von Anchesenamun. Der Beleg, dass Eje die Witwe zur Gemahlin nahm. Offensichtlich gegen den Willen der anmutigen Frau. Verzweifelt schickt sie Botschaften an den Erzfeind und bietet sich als Braut für einen Hethiterprinzen an. Doch ihr Hilferuf blieb ohne Folgen. Das berichten die Quellen.

Schreckens-Seznario

So könnte es gewesen sein: Ungehindert schleicht sich der Täter in das Gemach des schlafenden Regenten. Getrieben von dem brennenden Wunsch, den lästigen Konkurrenten für immer zu beseitigen. Denn mit dem Heranwachsen des Jungen erstarkte auch sein Selbstbewusstsein. Und damit die Fähigkeit, eigene Entscheidungen zu treffen. Es war nur eine Frage der Zeit, bis Tutenchamun die üblen Machenschaften seines Vertrauten durchschaut hätte. Eje konnte nicht länger warten. Der Pharaonenmord ist vermutlich nicht das einzige Verbrechen des Wesirs.

Gegen die Regeln

Die unermüdlichen Spurensucher gehen einem letzten Hinweis nach. Im Grabmal von Eje werden sie fündig. Das Haus für die Ewigkeit ist ursprünglich für Tutenchamun geplant. Der Kindkönig wollte neben seinem Großvater bestattet werden. Eje beschlagnahmte die herrschaftliche Gruft und ließ seinen Vorgänger in einer kleineren Stätte beerdigen.


Eine Jagdszene bringt es ans Licht. Das alltägliche Motiv ist typisch für Sargkammern von Einheimischen aus niederen Schichten. Für einen Pharao und seine nächsten Familienangehörigen jedoch nicht standesgemäß. Mit den Bildern betont Eje nicht nur seine einfache Herkunft. Vielmehr gesteht er den Göttern, dass er entgegen den Regeln der Thronfolge die Herrschaft an sich gerissen hat. Ein Frevler im höchsten Amt des Staates. Doch schon vier Jahre später stirbt Eje - ein kurzer Triumph.

Seinen Stuhl übernimmt kein Geringerer als Haremhab. Der Feldherr begründet die Dynastie der Soldatenkönige. In einer groß angelegten Aktion lässt er die Bilder des einstigen Priesters zerstören. Nichts soll an ihn erinnern. Auch verhindert Haremhab, dass Ejes Name in die ehrwürdige Krönungsliste im Tempel von Abydos eingeht. 27 Jahre lenkt der General erfolgreich die Geschicke des Reiches. Wie schon sein Vorgänger Echnaton bescherte er dem Land glanzvolle Bauten. Doch im Unterschied zu ihm sorgte Haremhab für Frieden und Wohlstand. Und wählte selbstbewusst einen seiner Offiziere zum Kronprinzen.

Die Akte geschlossen

Im Januar 2005 wird Tutenchamun aus seiner Gruft im Tal der Könige gehievt. Um die Todesursache des Pharao endgültig zu klären, wagt der oberste Antikenverwalter, Dr. Zahi Hawass, eine neue Untersuchung. Internationale Spezialisten wollen den Leichnam mit einem Computertomographen abscannen. Die bereits dokumentierten Schäden am Skelett sollen noch einmal unter die Lupe genommen werden.

Der Kindkönig muss 1700 Aufnahmen über sich ergehen lassen. Der Schädel ist Hawass zufolge ohne medizinischen Befund, auch wenn ältere Röntgenbilder einen losen Knochensplitter aufweisen. Dafür erkennt der Experte eine Fraktur am linken Bein, die sich Tutenchamun wenige Tage vor seinem Tod zugezogen hat. Vermutlich hatte der junge Herrscher einen Unfall. Gestorben sei er schließlich, weil sich das gebrochene Bein entzündete. Einen Sturz vom Streitwagen - ob selbst verschuldet oder durch Fremdeinwirkung - schließt Hawass aus. Für ihn steht fest: Einen Mordfall Tutenchamun gibt es nicht, die Akte kann geschlossen werden. Doch letzte Zweifel bleiben.

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