Endlose Savanne - bedrohter Lebensraum

Die Gnuwanderung in der Serengeti

In der Sprache der Massai bedeutet Serengeti "endloses Land". Das legendäre Grasland Serengeti in Ostafrika ist der Schauplatz einer der größten Tierwanderungen auf der Erde. Gewaltige Herden von Huftieren - Antilopen, Gazellen, Giraffen, Zebras und Gnus - ziehen auf der Suche nach den besten Weidegründen durch die Savanne.

Gnuherde bewegt sich auf einen Fluss zu (Luftbild)
Gnuherde bewegt sich auf einen Fluss zu (Luftbild) Quelle: ZDF

Auf der Suche nach Nahrung folgen die Tiere einem gefährlichen Pfad. Überall auf ihrem Weg lauern hungrige Fleischfresser. Um ihre Überlebenschancen zu steigern, schließen sich Gnus zu riesigen Herden zusammen. So lassen sich die großen Lebensaufgaben - Fortpflanzung und die Suche nach Nahrung und Wasser - besser bewältigen.

Tausende von Gnus durchqueren einen breiten Fluss (Luftbild)
Gnus durchqueren Fluss Quelle: ZDF

Fressen und gefressen werden

Auf ihrer Wanderung von den Trockensavannen der Serengeti im Norden Tansanias zu den Ebenen der Masai Mara in Südkenia und zurück müssen die Tiere die wichtigste Wasserader der Serengeti durchqueren: den Mara-Fluss. Die Querung vollzieht sich in Wellen. Erst versammeln sich die Gnus am Flussufer, dann beginnt sich die Herde unter dem Druck der nachrückenden Tiere in Gang zu setzen. Sie stürzt sich vom Ufer regelrecht ins Wasser. Dort werden sie bereits von Leistenkrokodilen erwartet. Ein Krokodil reißt von Zeit zu Zeit ein größeres Tier, von dem es oft für mehrere Monate satt wird. Die unüberschaubar große Zahl der Gnus bewirkt aber, dass sich die Verluste bei Flussüberquerungen in Grenzen halten.

Drei Löwen im Grasland
Drei Löwen Quelle: ZDF

Aber die Krokodile sind nicht die einzigen Feinde der Gnus. Auf dem Speiseplan der Löwen stehen die Huftiere ganz oben. Das Angebot scheint überwältigend. Doch nur, wenn es den Löwen gelingt, an ein Jungtier zu kommen oder ein Gnu zu isolieren, haben sie eine Chance. Das Fleisch der Huftiere macht die großen Raubkatzen nicht nur satt, sondern deckt auch ihren Bedarf an Mineralien. Diese wichtigen Stoffe, wie Phosphor, Natrium oder Kalzium, werden von den Pflanzenfressern mit dem Futter aufgenommen. Somit bildet das Gras der Serengeti den Anfang einer Nahrungskette. Weil es viel mehr Phosphor enthält als Gräser in anderen Regionen, ist es für die Gnus besonders wichtig. Als Wiederkäuer benötigen sie wertvolles Gras, denn sie können nicht wie andere Tiere die meiste Zeit über fressen.

Kreislauf des Lebens

Wenn mit der Trockenzeit das Gras langsam zu Staub zerfällt, kann die Serengeti die Tiere nicht mehr ernähren. Die Zeit ist gekommen, in der die Gnuherden, vom Instinkt getrieben, zu den Regionen nördlich des Mara-Flusses aufbrechen. Dort türmen sich am Himmel bereits regenbringende Wolken. Das lebensspendende Nass lässt innerhalb weniger Tage üppige Gräser wachsen. Der Rhythmus des Lebens in der Serengeti wird durch die Sonne bestimmt. Dort, wo sie im Zenit steht, verdunstet das meiste Wasser und es bilden sich Wolken. Mit der Änderung des Sonnenstands verschiebt sich auch die Zone der Wolkenbildung, und mit ihr die vom Regen verwöhnte Region. Für die Herden bedeutet das jährliche Wanderungen von rund 2000 Kilometern - immer dem Regen und dem saftigen Gras hinterher.

Die Migration ist für die Landschaft segensreich, denn die Gnus sorgen so für die Fruchtbarkeit einer riesigen Region. Ihr Dung wird von den Mistkäfern verarbeitet. Die Käfer rollen die Hinterlassenschaften der Huftiere zu Kugeln, vergraben sie und nutzen sie für die Eiablage. Dadurch bringen sie die Mineralien wieder in den Boden ein. Täglich werden so schätzungsweise bis zu 3,5 Millionen Kilogramm Kot in Dünger verwandelt, der das neue phosphathaltige Gras der Serengeti wachsen lässt und dadurch letztendlich das Überleben der Gnus sichert.

Grzimeks Verdienst

Das Ökosystem der Serengeti bietet jedem Tier seinen bevorzugten Lebensraum und das am besten geeignete Futter. Vieles, was wir heute über das rund 40.000 Quadratkilometer große Schutzgebiet wissen, verdanken wir dem Naturfilmer, Umweltschützer und Zoologen Bernhard Grzimek, der 1958 den berühmten, Oscar-prämierten Dokumentarfilm "Serengeti darf nicht sterben" drehte. Der deutsche Tierarzt und Verhaltensforscher kam in den 1950er Jahren nach Ostafrika. Er war ziemlich geschockt, denn von dem legendären Tierreichtum war nicht mehr viel zu sehen. In den Grenzen des Schutzgebiets zählte er nur knapp 400.000 Gnus - heute sind es mindestens dreimal so viele. Wilderer und Großwildjäger hatten jahrzehntelang die Bestände ungehindert dezimiert.

Über die Bestandszahlen wissen wir heute so gut Bescheid, weil Grzimek eine Methode entwickelte, um die Zahl der Tiere in den unüberschaubaren Herden zu bestimmen: Er flog über sie hinweg und hielt die Verteilung der Tiere in Fotos fest. Dann zählte er einzelne Planquadrate aus und rechnete die Zahl auf die Gesamtfläche hoch. Noch heute verwenden Forscher dieses Verfahren. Grzimek fand außerdem heraus, wohin und wie weit die Herden ziehen. Dabei erkannte er, dass nur sehr große Schutzgebiete wirklich helfen, und kämpfte erfolgreich für deren Erhalt.

Ökosystem in Gefahr

Doch nun besteht die Gefahr, dass die Serengeti doch noch sterben könnte. Das Wasser, das diese einzigartige Landschaft am Leben erhält, kommt heute von Westen über den Mara-Fluss. Diese Wasserader trocknet etwa dreimal im Jahr für kurze Zeit aus. Wissenschaftler fürchten aber nun, dass aufgrund der Klimaerwärmung in Zukunft häufiger Dürren auftreten könnten. Das hätte als Erstes Konsequenzen für die Gnus. Für sie ist Wasser besonders wichtig, da sie nur fünf Tage ohne Flüssigkeit überleben können.

Gnus vor Wasserstelle mit großer Sandstaubwolke
Gnus in der Trockenzeit Quelle: ZDF

Forscher haben ermittelt, dass 90 Prozent der Gnus extremen Dürren zum Opfer fallen könnten. Ihren Modellrechnungen zufolge könnte sich der Bestand dann nicht mehr erholen. Denn die große Zahl der Raubtiere im Schutzgebiet würde das erneute Anwachsen der Gnupopulation verhindern. Da die Gnus entscheidend für die Fruchtbarkeit der Serengeti sorgen, wäre schnell das gesamte Ökosystem in Gefahr. Ob es in Zukunft aber verstärkt große Dürren geben wird, lässt sich nicht eindeutig vorhersagen. Die Klimaveränderung führt die Serengeti jedenfalls in eine ungewisse Zukunft.

Von Vulkanen geformt

Betrachtet man die Vergangenheit der Serengeti, so hat diese einzigartige Landschaft ihren Ursprung sogar einer extremen Klimaveränderung zu verdanken: Tansania liegt auf dem gewaltigen Ostafrikanischen Grabenbruch. Aus der Tiefe drückt Magma so stark nach oben, dass sich vor Jahrmillionen hohe Vulkanberge aufschoben. Fortan blieben an der mächtigen Bergkette die Regenwolken hängen. Der Regenwald, der hier ursprünglich gedieh, lag nun im Windschatten der Berge. Es wurde trocken, und Vulkanasche bedeckte die Täler. Einzig die mit ihrer Spitze noch heraus ragenden Inselberge - die Kopjes - zeugen von der ursprünglichen Landschaft.

Die Serengeti-Ebene ist mit circa drei Millionen Jahren erdgeschichtlich ziemlich jung. Die Vulkanasche, aus der sie heute besteht, wurde von dem stetig aus Osten wehenden Wind herantransportiert. Je kleiner die Sand- und Aschepartikel, desto weiter kann sie der Wind tragen. Aus diesem Grund wird der Sand immer feiner, je weiter man Richtung Westen kommt.

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