Energiesparen muss einfach sein

Interview mit Stefan Thomas

Dass Energiesparen auch den Geldbeutel schont ist eine Binsenweisheit. Wo sich wie viel sparen lässt, wissen allerdings die wenigsten. Stefan Thomas vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie fordert deshalb eine Kennzeichnungspflicht für alle Geräte, Gebäude und Fahrzeuge. Im Interview mit ZDFonline wagt er außerdem eine Prognose, wie die Energieversorgung im Jahr 2057 aussehen wird.


ZDFonline: Was werden im Jahr 2057 unsere Energiequellen sein?


Stefan Thomas: Wenn es richtig läuft - dann wird im Vergleich zu heute die Energieeffizienz 50 Prozent der Energie bereitstellen. Wir haben dann den Energieverbrauch etwa halbiert. Von den restlichen 50 Prozent wird mehr als die Hälfte, also ein gutes Viertel des heutigen Verbrauchs, von erneuerbaren Energien bereitgestellt. Der Rest kommt noch aus effizient genutzten fossilen Energien: Erdgas, Erdöl und Kohle.


ZDFonline: Nach Ihrer Meinung können wir also die größten Energiegewinne machen, indem wir den Verbrauch reduzieren. Wo sehen Sie denn die größten Potenziale beim Energiesparen?


Das verteilt sich auf die Bereiche Gebäude, Industrie und Verkehr. Im Wohngebäudebereich ist es hauptsächlich die Heizenergie. Aber auch die ganze Elektronik ist zunehmend wichtig und hat sehr hohe Einsparpotenziale. Nicht nur beim Stand-by, sondern zunehmend auch beim Normalbetrieb.



ZDFonline: Wenn Energiesparen so viel bringt - warum ist nicht jeder eifrig dabei?


Thomas: Weil Energiesparen zwar attraktiv und lohnend ist, aber oft nicht einfach ist. Weil manchmal überhaupt keine Information über den Verbrauch besteht, oder wenn es sie gibt, dann weiß man nicht, wie viel Euro man eigentlich spart. Wenn man sich erst einmal schlau machen muss a) was gibt es für technische Lösungen und b) was ist die sparsamste c) wer kann mir die liefern oder einbauen - dann ist der Aufwand doch zu groß.


ZDFonline: Wie ließe sich diese Situation verbessern?


Thomas: Durch ein Paket von Instrumenten. Eine Möglichkeit sind Kennzeichen oder einfache Rechnungen, die genau zeigen, was man spart. Auch Zwang wie durch die Energieeinsparverordnung ist eine Möglichkeit. Die legt fest, wie viel Energie neue Gebäude höchstens verbrauchen dürfen.


Eine weitere Möglichkeit ist die finanzielle Förderung - obwohl Energiesparen sich auch so finanziell rechnet. Die Förderung hat dann eher den Charakter eines weiteren Gütesiegels.



ZDFonline: Mit Energiesparen - wie Sie es eben beschrieben haben - ließe sich also bis zum Jahr 2057 die Hälfte des Energieverbrauchs einsparen. Die Hälfte dessen, was wir dann noch benötigen, werden wir nach Ihrer Einschätzung mit erneuerbaren Energien decken. Welche alternative Energiequelle wird Ihrer Meinung nach in der Zukunft den größten Erfolg haben?


Thomas: In den kommenden zwei Jahrzehnten wird sicherlich die Offshore-Windenergie eine große Rolle spielen - und dann auch im Jahr 2057 noch. Die Biomassenutzung wird weiter aufgebaut werden. Und gegen 2050 erwarten wir auch einen größeren Beitrag der Photovoltaik. Und natürlich auch von der Solarthermie, also der Verwendung von Sonnenenergie zur Warmwasserbereitung oder für die Klimatisierung.


ZDFonline: Es wird immer wieder diskutiert, ob in Deutschland genug für die Entwicklung erneuerbarer Energien getan wird. Wie sieht Ihrer Meinung nach die Bilanz der deutschen Energiepolitik aus?


Thomas: Bei den erneuerbaren Energien zur Stromerzeugung: sehr gut. Bei den erneuerbaren Energien zur Wärmeerzeugung und bei der Energieeinsparung ist die Bilanz eher gemischt. Wo es nach wie vor wirklich fehlt ist der Bereich der effizienten Stromverwendung. Da verlässt man sich bisher weitgehend auf die EU-Politik.



ZDFonline: Was fordern Sie von der deutschen Politik?


Thomas: Es fehlt an konkreten Förderprogrammen und der Integration von Information und Förderung. Wir haben deshalb ein Konzept für einen Energiespar-Fonds entwickelt, der insbesondere viele Programme zur Stromeinsparung vorsieht. Das allein könnte in den nächsten zehn Jahren den jährlichen Ausstoß an Kohlendioxid um 45 Millionen Tonnen senken. Nach Abzug der Kosten würden außerdem 4 Milliarden Euro pro Jahr eingespart. Auch im Verkehrsbereich ist es nicht gerade toll. Nach wie vor wird mehr Geld in den Straßenbau gesteckt als in den Ausbau von Bahn und Nahverkehr.


ZDFonline: Sie haben den Bereich Verkehr angesprochen. Können wir da nicht einfach komplett auf Biokraftstoffe umsteigen?


Thomas: Eigentlich - aus Gesichtspunkten des Klimaschutzes - wäre es besser, die Biomasse für gekoppelte Strom- und Wärmeerzeugung einzusetzen, als sie als Treibstoff zu verwenden. Noch sinnvoller wäre es, die nachwachsenden Rohstoffe als Ersatz für Erdöl zur Kunststoffproduktion zu verwenden.



ZDFonline: Auf der anderen Seite soll aber auch die Abhängigkeit von Öl- oder Gas-Importen aus anderen Ländern reduziert werden.


Thomas: Das ist natürlich auch ein wichtiges Ziel der Energiepolitik. Man muss jedoch auch den Klimaschutz im Blick behalten. Es gibt mittlerweile eine zweite Generation von Biokraftstoffen. Diesen Kraftstoffen wird zugetraut, dass sie die eingesetzte Energie besser verwerten und damit auch eine bessere Treibhausgasbilanz haben und möglicherweise auch kostengünstiger sind als Biodiesel oder Bioethanol. Wenn die Biomasse von ansonsten nicht genutzten Äckern oder aus Holz kommt, dann ist das durchaus sinnvoll. Aber wenn man in anderen Ländern erst einmal Wald rodet, um dann nachwachsende Rohstoffe anzupflanzen für die Kraftstoffherstellung, dann ist es sogar klimaschädlich.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet